15.07.2014 | Top-Thema Berufsrecht - Österreich hat es besser

Bessere Bedingungen für österreichische Bilanzbuchhalter und Inländerdiskriminierung für Deutsche

Kapitel
Bild: Bernd Deschauer ⁄

Noch krasser wird das Bild, wenn der Blick aufs Nachbarland Österreich gerichtet wird. Udo Binias, Ehrenpräsident des BVBC, weist darauf hin, dass die deutsche Bilanzbuchhalterprüfung tendenziell inhaltsschwerer ist als die österreichische – mit dem Ergebnis, dass die dortigen Bilanzbuchhalter als „kleine Steuerberater“ deutlich mehr Befugnisse als ihre Kollegen haben.

Sie dürfen folgende Leistungen erbringen:

  • Einrichtung von Buchhaltungs- und Bilanzierungssystemen
  • Laufende Geschäftsbuchhaltung
  • Einnahmen-Ausgaben-Rechnung
  • Erstellung, Abgabe und Vertretung bei der Umsatzsteuervoranmeldung
  • Laufende Lohnbuchhaltung
  • Vertretung und Abgabe im Bereich der Lohnbuchhaltung
  • Erstellung und Abgabe der Arbeitnehmerveranlagung
  • Kostenrechnung
  • Bilanzerstellung
  • Sämtliche Nebentätigkeiten gemäß der Gewerbeordnung bzw. dem Bilanzbuchhaltergesetz.

Allein Steuerberatung bleibt den Steuerberatern vorbehalten. Und selbst den weniger qualifizierten Buchhaltern stehen mehr Befugnisse zu als den geprüften Bilanzbuchhaltern in Deutschland. Als dritte Berufsgruppe kümmern sich Personalverrechner um die Tätigkeiten rund um die Gehaltsabrechnung. Das Spektrum hat sich zuletzt sogar erweitert. Konkret hat der österreichische Fachverband UBIT folgende Maßnahmen durchgesetzt, die seit dem 1.1.2013 in Kraft getreten sind:

  • Für Bilanzbuchhalter und Personalverrechner: Abfassung und Beratung zur Arbeitnehmerveranlagung und elektronische Übermittlung an die Abgabenbehörde als Bote
  • Erhöhung der Bilanzierungsgrenzen für Bilanzbuchhalter bis zu der für kleine Kapitalgesellschaften festgesetzten Umsatzgrenze von Euro 9,68 Mio. Umsatzerlöse
  • Erweiterung der Rechte der Buchhalter um die Vertretung einschließlich Abgabe von Erklärungen bei unterjähriger Umsatzsteuervoranmeldung und elektronische Akteneinsicht
  • 5 anstatt 9 Jahre Praxiserfordernis der Bilanzbuchhalter für die Steuerberaterprüfung

Dienstleistungsfreiheit nützt Österreichern

Nachdem EU-rechtlich die nationalen Befugnisse maßgeblich sind und zugleich die Dienstleistungsfreiheit herrscht, dürfen österreichische Bilanzbuchhalter in Deutschland z. B. Jahresabschlüsse erstellen.

„Möchte hingegen ein deutscher Bilanzbuchhalter in Österreich tätig werden und mit den gleichen Berufsrechten wie sein österreichischer Pendant ausgestattet werden, muss er die österreichische Berufsberechtigung nach dem Bilanzbuchhaltergesetz erwerben. Dagegen besitzt der österreichische Bilanzbuchhalter der im Rahmen der Richtlinie in Deutschland anbietet, erheblich mehr Berufsrechte“, weiß Dr. Friedrich Bock aus Wien, bis Ende 2013 Vorsitzender der mittlerweile aufgelösten Paritätischen Kommission für Bilanzbuchhaltungsberufe.

Praxis-Tipp:

Bock weiß jedoch Rat und empfiehlt folgende Gestaltung: „Der deutsche Bibu gründet in Österreich eine GmbH, am besten zusammen mit einem österreichischen Bilanzbuchhalter. Die vom deutschen Bibu unterschiedliche Rechtsperson erwirbt die österreichische Beteiligung. Dies ist dann einfach, wenn ein österreichischer Bibu als Geschäftsführer auftritt, diese Gesellschaft arbeitet dann auch in Deutschland mit österreichischem Berechtigungsumfang. Aus österreichischer Sicht können eine oder mehrere „Zweigstellen“ in Deutschland und in der Alpenrepublik registriert werden.“

Ein möglicher Praxisfall könnte laut Bock folgender sein: Ein deutscher Bilanzbuchhalter mit österreichischer Berufsberechtigung müsste einen Berufssitz außerhalb Deutschlands eröffnen, um auch hierzulande in den Genuss der Richtlinie zu kommen. Jedoch könnte die Steuerberaterkammer München mit Verweis auf den ursprünglichen deutschen Berufssitz die Ausübung in Deutschland verbieten. Kurioserweise ist anders als in den Nachbarstaaten die Inländerdiskriminierung nicht untersagt. Dumm für diejenigen, die einen deutschen Pass haben!

Derzeit ist das Arbeiten über die Grenze – sicherlich auch wegen der etwas unterschiedlichen Rechtsmaterie – ein Ausnahmefall. Bock sieht darin jedoch eine beachtenswerte Zukunftschance für die „gut ausgebildeten und berufsrechtlich gut abgesicherten österreichischen Bilanzbuchhalter“. Insgeheim hofft er sicherlich über solche häufiger werdenden grenzüberschreitenden Tätigkeiten Präzedenzfälle für ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof zu schaffen, damit perspektivisch auch das strikte deutsche Berufsrecht liberaler wird.

Verstößt das Berufsrecht gegen europäisches Recht?

Und dies kann offensichtlich nur über den Weg des Europarechts erreicht werden. Denn viele halten die hiesigen berufsrechtlichen Restriktion für europarechtswidrig. Reformwille ist hierzulande nicht zu spüren. Die Steuerberaterlobby hält nach wie vor den Daumen drauf und verhindert eine spürbare Weiterentwicklung.

Auch wenn offiziell die Befugnisse der deutschen selbstständigen Buchhalter stark reglementiert sind, finden sich in der Praxis nicht selten pragmatische Lösungen, die nicht immer die Buchstaben der eher zuweilen schwer nachvollziehbaren berufsrechtlichen Reglementierungen widerspiegeln. Wenn Bilanzbuchhalter für ihre Prüfung Bereiche lernen, die sie eigentlich nicht anwenden dürfen, ist das ja auch irgendwie mehr als kurios. In der Praxis fragen nicht selten Finanzbeamte ganz gezielt bei Buchhaltern nach, wenn sie konkrete Fragen zum Jahresabschluss oder auch zur Umsatzsteuer-Voranmeldung haben. Auch beim Abschlussgespräch einer Betriebsprüfung sind meist diejenigen dabei, die die Sachverhalte tatsächlich von der Pike auf kennen, weil sie es gebucht haben.

Schlagworte zum Thema:  Berufsrecht, Steuerberater, Bilanzbuchhalter

Aktuell

Meistgelesen