Rz. 87

Das Nutzenpotenzial von Rechnungswesendaten ist abhängig von deren Informationsgehalt und damit von deren Relevanz und Verlässlichkeit. Während Ersteres die auf den Entscheidungszweck gerichtete Eigenschaft des Gegenstandes, über den informiert wird, bezeichnet, ist die Verlässlichkeit Ausdruck der Objektivierbarkeit der Darstellung. Die Verlässlichkeit drückt sich daher aus in der

  • Abbildungstreue, d. h., es sind keine systematischen Verzerrungen vorhanden,
  • Verifizierbarkeit, d. h. Ausschluss von Subjektivität, sowie
  • Neutralität, d. h. Ausschluss sachfremder Erwägungen.
 

Rz. 88

Beides zusammen erhöht die Entscheidungsnützlichkeit der Informationen, wobei in vielen Fällen eine Konkurrenz zwischen der Relevanz und der Verlässlichkeit zu konstatieren ist. So wären Prognosedaten für viele zukunftsbezogene Entscheidungen die relevantere Alternative zu vergangenheitsorientierten Daten, doch ist deren Verlässlichkeit häufig zu gering. Daher ist stets ein Kompromiss zwischen Relevanz und Verlässlichkeit in den Regelungen zur Rechnungslegung zu beobachten. Empirische Daten über die Einstellungen der Bilanzadressaten zu diesen Grundanforderungen an die externe Rechnungslegung liegen jedoch noch nicht vor.[1]

[1] Vgl. Naumann, ZfB Sonderausgabe 6/2006, S. 65.

3.1 Aussagekraft von Cashflow-Informationen

 

Rz. 89

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Kapitalflussrechnung als sog. dritte Jahresrechnung wichtige Informationen für Management, Shareholder und weitere Stakeholder bereithält. Im Einzelnen werden für den Betrachtungszeitraum insbesondere erkennbar:

  • die selbst erwirtschafteten Finanzmittel (Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit),
  • die zur Schuldentilgung und Ausschüttung verfügbaren Mittel,
  • langfristige Investitions- und Finanzierungsvorgänge sowie
  • Höhe und Ursachen der Liquiditätsveränderung.[1]
 

Rz. 90

Daneben vermittelt die Kapitalflussrechnung z. B. Informationen über die Insolvenzanfälligkeit des Unternehmens im Rahmen von Kreditwürdigkeitsprüfungen oder mögliche Divergenzen zwischen dem ausgewiesenen Jahresergebnis und den zugehörigen Zahlungsströmen.[2] So kann die Kapitalflussrechnung als liquiditätsorientierte Ist-Erfolgsrechnung interpretiert werden und damit als Gegenstück zu einer durch Abgrenzungsaspekte beeinflussten Gewinn- und Verlustrechnung fungieren, was die Überwachung der Unternehmensentwicklung verbessert. Gleichwohl stellt der Cashflow keinen besseren Gewinn dar, da betriebswirtschaftlich sinnvolle Buchungen, wie Abschreibungen und Rückstellungsdotierungen, eliminiert werden. Zudem dürften die Ein- und Auszahlungen insbesondere bei kurzfristigen Betrachtungen großen Schwankungen unterliegen, da der Cashflow z. B. mit Entscheidungen über den Kauf von Lagerbeständen oder die Tilgung von Lieferantenverbindlichkeiten beeinflusst werden kann. Damit ist der Cashflow auch keinesfalls als bessere Größe für eine erfolgsabhängige Vergütung im Vergleich zu Gewinngrößen zu sehen,[3] da letztlich die verursachten Entwertungen des Vermögens bzw. die ausgelösten Verpflichtungen sowie eine Glättung der Schwankungen mit in die Betrachtung einbezogen werden müssen.

 

Rz. 91

Die Einschränkungen der Aussagekraft des Cashflows bestehen jedoch nur dann, wenn der Wert der Finanzmittelgenerierung gewinnähnlich interpretiert wird.[4] Der Anspruch des Cashflows liegt aber gerade nicht darin, den Gewinn zu ersetzen, sondern ihn um die Liquiditätskomponente zu ergänzen. Erst die duale erfolgs- und liquiditätsorientierte Betrachtung eines Sachverhaltes ermöglicht eine sichere Einschätzung und kann als ausreichende Grundlage für die Unternehmenssteuerung und -überwachung fungieren. Daher ist eine parallele Betrachtung von Erfolgs- und Liquiditätswirkungen nötig.

 

Rz. 92

Werden längerfristigere Betrachtungen vorgenommen, ist eine Annäherung von Gewinn und (Free) Cashflow zu konstatieren, da die erfolgsrechnerischen Abgrenzungsbuchungen an Relevanz verlieren. Eine vergleichende Betrachtung ist somit in Anlehnung an dynamische investitionstheoretische Verfahren im Rahmen der Unternehmensbewertung über mehrere Perioden möglich. Diese Überlegung führt aber zur Abbildung des Unternehmens zum vollen Fair Value, was theoretisch zwar höchst reizvoll ist, aber aufgrund der ungelösten Probleme der Einschätzung zukünftiger Werte sowohl für die externe Rechnungslegung als auch für die interne Steuerung nur ergänzend bzw. fallweise sinnvoll durchführbar erscheint.

 

Rz. 93

Bezüglich der konkreten Ausgestaltung ist problematisch, dass die betriebswirtschaftlich weniger aussagekräftige indirekte Darstellung des Cashflows aus laufender Geschäftstätigkeit in der Praxis weit verbreitet ist.[5] Ein höherer Erkenntniswert lässt sich durch die Darstellung des Cashflows aus Geschäftstätigkeit nach direkter Methode mit der an die Erfolgsspaltungskonzeption angelehnten Cashflow-Spaltung in ordentlichen betrieblichen Cashflow, ordentlichen finanziellen Cashflow, unregelmäßigen Cashflow und außerordentlichen Cashflow erzielen.[6]

 

Rz. 94

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