Im Kalenderjahr 2020 ist keine Erweiterung des IFRS-Regelwerks erfolgt, und es war auch keine vorgesehen. Dies ist einerseits dadurch begründet, dass die Großbaustellen der letzten Jahre (Erlösrealisation, Bilanzierung von Finanzinstrumenten, Leasingverträge und Versicherungsverträge) die Anwender immer noch mit Nachbesserungsarbeiten beschäftigen. Andererseits hat die COVID-19-Pandemie (Corona-Pandemie) auch zu einem "Lockdown" im House of IFRS geführt. Aufgrund der (noch) nicht absehbaren wirtschaftlichen Folgewirkungen und der damit verbundenen Unsicherheit hat sich auch der IASB auf die Herausforderungen im bestehenden Regelwerk konzentriert. So veröffentlichte der IASB zeitnah nach dem Ausbruch Ende März Leitlinien zu der Bestimmung des expected credit loss (ECL) nach IFRS 9.[2] Am 10.4.2020 folgten dann Leitlinien zur Anwendung von IFRS 16, speziell zu gewährten Mieterleichterungen/-zugeständnissen (rent concessions), die letztlich auch in ein finales Amendment zu IFRS 16 mündeten.[3] Auch die Prüfungsschwerpunkte 2021 der European Securities and Markets Authority (ESMA) sowie der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) betreffend Abschlüsse aus dem Kalenderjahr 2020 stehen im Zeichen der Corona-Pandemie und der erhöhten Notwendigkeit für eine angemessene Transparenz hinsichtlich ihrer Folgen.[4]

Zeitlich sicherlich unbeabsichtigt, aber aktueller denn je hat der IASB die kontroverse Diskussion um die Bilanzierung des Goodwill mit dem am 19.3.2020 veröffentlichten Diskussionspapier DP/2020/1 erneut angefacht. Auch wenn der IASB die Wiedereinführung der planmäßigen Goodwill-Abschreibung offen zur Diskussion stellt, ist ein wirklich einheitlicher Willen zur Abkehr vom Impairment Only Approach derzeit nicht zu erkennen.[5] Erwähnenswert zum vorgelegten Diskussionspapier ist insbesondere, dass der IASB mit Vorschlägen zu Anhangangaben über die Subsequent Performance eines Erwerbs sowie mit Vereinfachungen im Wertminderungstest mögliche bzw. umsetzbare alternative Lösungen schafft. Ob sich dies als tragende Strategie erweisen wird, bleibt aber abzuwarten. Die Kommentierungsfrist ist aufgrund der Corona-Pandemie vom 15.9.2020 auf den 31.12.2020 verlängert worden. Am 30.11.2020 wurde ein zweites Diskussionspapier zu Unternehmenszusammenschlüssen unter gemeinsamer Kontrolle (under common control) veröffentlicht. Das Diskussionspapier fasst die aktuellen (Zwischen-)Ergebnisse zu dem im Jahr 2012 begonnenen Forschungsprojekt zusammen. Die derzeit bestehende Diversity in Practice aufgrund der Regelungslücke in IFRS 3 soll – nach vorläufiger Sichtweise – zugunsten der Buchwertfortführung gelöst werden, sofern keine Aktionäre (shareholder) außerhalb der Gruppe betroffen sind. Sofern jedoch externe Shareholder betroffen wären, sollte die Erwerbsmethode angewendet werden.

Auf dem Arbeitsprogramm stehen aktuell drei Projekte, die in Standardsetzungsaktivität münden sollen. Noch 2020 soll ein Entwurf eines neuen Standards zur Darstellung des Abschlusses vorgelegt werden, eine Anpassung der bestehenden, in IAS 1 verorteten Vorgaben wurde verworfen.[6] Für Anfang 2021 ist ein Entwurf zur bilanziellen Abbildung von regulatorischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten angekündigt. Neben der in IFRS 14 bislang nur vorgesehenen – allerdings nicht in das europäische Recht übernommenen – Möglichkeit zur Fortführung von Wertansätzen bei erstmaliger Anwendung der IFRS sollen konzeptionelle Grundlagen zur Bilanzierung präsentiert werden. Schließlich wird auch das Practice Statement Management Commentary (weiter) auf den Prüfstand gestellt. Mangels eines Verbindlichkeitscharakters, eine Aufwertung und Aufnahme in das Regelwerk ist (bislang) nicht vorgesehen, bleibt es bei Vorherrschaft des Lageberichts.[7] Der IASB entwickelt weiterhin einen IFRS-Standard mit reduzierten Angabepflichten (v. a. IAS 1 und IAS 8), der auf freiwilliger Basis für Tochtergesellschaften gelten würde, die KMU (SME) sind, d. h. Tochtergesellschaften, die keine öffentliche Rechenschaftspflicht haben. Eine Entscheidung über die Projektrichtung (Veröffentlichung eines Diskussionspapiers oder eines Entwurfs) wird noch für Dezember 2020 erwartet.[8]

Die IFRS-Stiftung hat am 21.8.2020 eine überarbeitete Fassung des sog. Due-Process-Handbuchs publiziert, welches Grundlage für den allgemeinen Konsultationsprozess des IASB darstellt. Das überarbeitete Handbuch ist Resultat einer Überprüfung durch das Trustees' Due Process Oversight Committee (DPOC), um sicherzustellen, dass das Handbuch aufgrund der Entwicklungen in den Prozessen des Board und des Interpretationsausschusses zweckdienlich bleibt und weiterhin bewährte Verfahren widerspiegelt. Eine der wichtigsten Änderungen – mit indirekter Auswirkung auf das House of IFRS – sind die Klarstellungen zum Rechtscharakter (authority) von sog. Agenda-Entscheidungen des IFRS IC. Deren Verbindlichkeit wird jetzt durch folgende Formulierung hervorgehoben: "Explanatory material derives its authority from the Standards t...

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