Unternehmensbewertung mit Multiplikator- oder Ertragswertverfahren? Fallbeispiel eines kleinen Unternehmens

Zusammenfassung

  • Eine zentrale Aufgabe beim Unternehmensverkauf oder –kauf ist die Bestimmung des Unternehmenswerts. Dabei stoßen naturgemäß unterschiedliche Ziele und Absichten aufeinander: Der Verkäufer möchte meist einen hohen Preis erzielen, der Käufer einen niedrigen zahlen. Daher ist es von elementarer Bedeutung, ein anerkanntes Instrument zur Bestimmung eines grundsätzlich realistischen Kaufpreises zu wählen.
  • In Theorie und Praxis gibt es zahlreiche Verfahren, wie z. B. das Discounted-Cashflow-Verfahren, das Economic-Value-Added- (EVA), das Ertragswert- oder das Multiplikatorverfahren. Alle Methoden haben spezifische Vor- und Nachteile und mit keinem Werkzeug ist es möglich, einen absolut genauen Preis zu bestimmen.
  • Daher stellt sich vor allem für kleine Firmen die Frage, welche Methode sie nutzen sollen, um einen guten Kompromiss zwischen Berechnungsaufwand und Genauigkeit bei der Preisermittlung zu erzielen. In dem Beitrag wird anhand eines Praxisfalls der Gesamtprozess des Verkaufs sowie die Wahl und Anwendung der Multiplikatormethode beschrieben. Der finale Kaufpreis wurde auf ganz eigene Art "ausgehandelt".

1 Ausgangslage und Beispielunternehmen

Die Tiefbau GmbH mit einem Geschäftsführer und ca. 10 Beschäftigten erzielt aktuell einen Jahresumsatz von rund 2 Mio. EUR und einen Gewinn von gut 11 % vor Steuern. Die GmbH ist überwiegend regional tätig, hat eine ausgewogene Kundenstruktur und ist seit mehr als 45 Jahren am Markt aktiv. Der derzeitige Eigentümer hat die Firma von seinem Vater übernommen und führt das Unternehmen seit etwa 30 Jahren. Er möchte die GmbH möglichst innerhalb von 3-4 Jahren verkaufen, um in den Vorruhestand zu gehen. Der Lebensunterhalt soll zu etwa 25-30 % aus dem Verkaufserlös bestritten werden. Für den Geschäftsführer ist das Thema Unternehmensverkauf absolutes Neuland. Daher bittet er einen Unternehmensberater und Controller, mit dem er schon lange zusammenarbeitet, ihn bei der Umsetzung zu unterstützen. Zentraler Punkt und Voraussetzung für die Umsetzung der meisten anderen Arbeiten ist, dass frühzeitig ein realistischer Verkaufspreis ermittelt wird, und man mit diesem u. a. auf die Suche nach Kandidaten gehen und die eigentlichen Verkaufsaktivitäten angehen kann.

In diesem Beitrag wird lediglich auf die Unternehmensbewertung eingegangen. Alle anderen Schritte und Arbeiten, die im Rahmen eines Verkaufs anfallen, werden nur kurz erwähnt, soweit es für das Verständnis des Vorgangs wichtig ist.

2 Ausgewählte Bewertungsverfahren

Für kleine Unternehmen kommen meist nur Verfahren in Betracht, die relativ einfach anzuwenden sind und bei denen sich der Arbeits- und Rechenaufwand in Grenzen hält. Damit können Verfahren wie Discounted Cashflow oder ein auf dem Economic Value Added (EVA) basierendes Konzept regelmäßig ausgeschlossen werden. Aber auch einfache, auf dem Substanzwert basierte Verfahren sollten aufgrund der fehlenden Zukunftsausrichtung ebenfalls nicht genutzt werden; das empfiehlt u. a. auch das IDW (Institut der Wirtschaftsprüfer).

Für die Anwendung in kleinen Firmen haben sich in der Praxis 2 Verfahren durchgesetzt, das Ertragswert- und das Multiplikatorverfahren. Diese unterscheiden sich in zentralen Punkten und kommen auch zu teils deutlich unterschiedlichen Resultaten.

2.1 Ertragswertverfahren

Das Ertragswertverfahren ist eine für die Unternehmensbewertung anerkannte Methode, die in den Bewertungsstandard IDW S1 aufgenommen wurde. Es gibt mehrere unterschiedliche Berechnungsmöglichkeiten. Im Folgenden wird auf eine vereinfachte, leicht umzusetzende Variante abgestellt.

Beim Ertragswertverfahren wird der Unternehmenswert auf Basis der künftig zu erwartenden Einnahmenüberschüsse bzw. Gewinne ermittelt. Es wird versucht, zu berechnen, wie viel Kapital ein möglicher Käufer investieren müsste, um dauerhaft einen Zinsertrag in Höhe der geplanten oder erwarteten künftigen Gewinne zu erzielen. Dazu müssen die wahrscheinlichen Erträge des Unternehmens für die kommenden Jahre möglichst realistisch geplant und mögliche Besonderheiten wie außerordentliche oder einmalige Geschäftsfälle berücksichtigt werden. Die verbleibenden Ergebnisse werden dann auf den Zeitpunkt der Bewertung abgezinst, um den Ertragswert zu erhalten.

Die Abzinsung erfolgt mithilfe eines Kalkulationszinssatzes, der z. B. eine interne Vorgabe des Unternehmens sein kann. Besser ist es, als Kalkulationszinssatz den Wert der Kapitalkosten für die jeweilige Branche zu wählen. Denn auch der Verkäufer sollte einen Zinssatz wählen, der von beiden Seiten akzeptiert werden kann. Werden individuelle Zinsen gewählt, wird der Verkäufer bestrebt sein, einen niedrigen Satz zu wählen und umgekehrt, um den Preis in seinem Sinne zu beeinflussen. Wählt man hingegen einen Branchensatz, gibt es weniger Diskussionsgründe. Aktuelle Zinsen für Kapitalkosten für viele Branchen sind im Internet zu finden, mit der notwendigen Genauigkeit häufig jedoch nur kostenpflichtig.

Im Prinzip stellen die Eigenkapitalzinsen die Mindestverzinsung dar, die das Unternehmen dauerhaft erwirtschaften muss, um dem Eigentümer den Ertrag zu erbringen, den er sich vorst...

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