Private Veräußerungsgeschäfte / 2.2 Veräußerung

Die Veräußerung ist unentbehrliche Voraussetzung für eine Besteuerung nach § 23 EStG. Unter Veräußerung nach dieser Vorschrift ist die entgeltliche Übertragung eines Wirtschaftsguts auf einen Dritten mit Lieferverpflichtung zu verstehen. Kein Veräußerungsgeschäft ist z. B. die Einlösung der Xetra-Gold-Inhaberschuldverschreibung und Erfüllung eines Sachleistungsanspruchs.

In der Regel sind entgeltliche Geschäfte beim Anschaffenden auch solche beim Veräußernden. So kann z. B. die Abfindungszahlung an den weichenden Miterben im Rahmen der Erbauseinandersetzung für den Mehrempfang ein Veräußerungsgeschäft i. S. d. § 23 EStG sein. Voraussetzung ist, dass die Anschaffung durch den Erblasser und die Erbauseinandersetzung innerhalb der für das Wirtschaftsgut maßgeblichen Veräußerungsfrist liegen.

Auch bei der teilentgeltlichen Übertragung im Rahmen der vorweggenommenen Erbfolge kann beim Vermögensübergeber unter den weiteren Voraussetzungen des § 23 EStG ein steuerpflichtiges Veräußerungsgeschäft gegeben sein.

 

Praxis-Beispiel

Teilentgeltlicher Erwerb im Rahmen der vorweggenommenen Erbfolge

V überträgt im Wege der vorweggenommenen Erbfolge ein von ihm am 1.7.2018 für 500.000 EUR angeschafftes Mietwohngrundstück mit Ablauf des 31.12.2019 auf seinen Sohn S. Das Grundstück hat zu diesem Zeitpunkt einen Verkehrswert von 600.000 EUR. S muss an V eine Abstandszahlung von 50.000 EUR und an seine Schwester T ein Gleichstellungsgeld von 250.000 EUR leisten.

V ist ein Veräußerungsentgelt von 300.000 EUR (Abstandszahlung und Gleichstellungsgeld) zuzurechnen. Nach dem Verhältnis des Veräußerungsentgelts zum Verkehrswert des Grundstücks ist dieses zu 1/2 entgeltlich übertragen worden. Der Veräußerungsgewinn des V beträgt mithin 300.000 EUR (Veräußerungspreis) abzüglich 1/2 von 500.000 EUR (Anschaffungskosten) = 50.000 EUR.

Die Übertragung z. B. eines Grundstücks gegen Entgelt oder gegen Gewährung von Gesellschaftsrechten auf eine vermögensverwaltende Personengesellschaft, z. B. Familien-GbR, oder Gemeinschaft, z. B. eheliche Gütergemeinschaft, ist nach Auffassung der Finanzverwaltung insoweit nicht als Veräußerung anzusehen, als der bisherige Eigentümer am Vermögen der Gesellschaft oder Gemeinschaft beteiligt ist oder wird. Wirtschaftsgüter einer Gesamthandsgemeinschaft sind abweichend von den Vorschriften des bürgerlichen Rechts anteilig den Gemeinschaftern zuzurechnen. Ein Veräußerungsvorgang ist nur insoweit gegeben, als das Wirtschaftsgut dem Einbringenden nach Übertragung nicht mehr zuzurechnen ist.

 

Praxis-Beispiel

Übertragung eines Grundstücks auf vermögensverwaltende Personengesellschaft

An der AB-GbR sind A und B zu je 1/2 beteiligt. Im Jahr 2018 beteiligt sich C an der GbR und bringt dazu ein Mietwohngrundstück mit einem Wert von 150.000 EUR, das er 2007 für 90.000 EUR erworben hatte, in die GbR ein. Danach sind A, B und C zu je 1/3 an der GbR beteiligt. Die Übertragung des Grundstücks auf die GbR ist zu 2/3 als Veräußerung anzusehen, weil es C nach Einbringung in diesem Umfang nicht mehr zuzurechnen ist.

 
Berechnung des Veräußerungsgewinns:  
2/3 des Veräußerungserlöses von 150.000 EUR 100.000 EUR
abzgl. 2/3 der Anschaffungskosten von 90.000 EUR ./. 60.000 EUR
Veräußerungsgewinn 40.000 EUR

Überträgt umgekehrt die vermögensverwaltende Gesellschaft oder Gemeinschaft ein Wirtschaftsgut auf einen Gesellschafter oder Gemeinschafter, ist im Umfang seiner Beteiligungsquote ebenfalls keine Veräußerung bzw. Anschaffung i. S. d. § 23 EStG gegeben.

 

Praxis-Beispiel

Vermögensverwaltende Personengesellschaft überträgt Grundstück auf einen Gesellschafter

Im obigen Beispielsfall veräußert die GbR im Jahr 2020 das Grundstück zu einem Kaufpreis von 180.000 EUR an den Gesellschafter A. Die Veräußerung durch die GbR ist als anteilige Veräußerung des Grundstücks durch B und C an A zu behandeln. Der von C erzielte Veräußerungsgewinn unterliegt nicht der Besteuerung nach § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG, weil er das Grundstück, soweit es ihm zuzurechnen ist, vor mehr als 10 Jahren erworben hat.

 
Berechnung des von B erzielten ­Veräußerungsgewinns:  
1/3 des Veräußerungserlöses von 180.000 EUR 60.000 EUR
abzgl. 1/3 der Anschaffungskosten von 150.000 EUR im Jahr 2018 ./. 50.000 EUR
Veräußerungsgewinn B 10.000 EUR

Überträgt ein Ehegatte ein Wirtschaftsgut, z. B. seinen Miteigentumsanteil (Miteigentum) an einem Grundstück, als Folge eines Vergleichs oder einer Gesamtauseinandersetzung bei der Ehescheidung auf den anderen Ehegatten, kann dies einen Veräußerungsvorgang i. S. d. § 23 EStG darstellen, und zwar auch dann, wenn dem erwerbenden Ehegatten wegen Auflösung der Zugewinngemeinschaft ein Ausgleichsanspruch zusteht und dieser als Gegenleistung auf den Ausgleichsanspruch verzichtet.

 

Praxis-Beispiel

Übertrag eines Grundstücks im Rahmen einer Ehescheidung

Ehegatten A und B leben im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft. Ehemann A erwarb 2009 für 100.000 EUR ein bebautes Grundstück, das seither von ihm vermietet wurde. Die Ehe wird im Jahr 2018 gesch...

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