Inventur: Bewertung und Buc... / 2.1 Grundsatz der Einzelbewertung

Vermögensgegenstände und Verbindlichkeiten sind zum Abschlussstichtag nach Handelsrecht grundsätzlich einzeln und isoliert voneinander zu bewerten. Wesentlicher Zweck dieser Vorschrift liegt darin, die Saldierung der Einzelwerte zu verhindern. Bei einer Gruppe von Gegenständen werden dadurch möglicherweise große Wertunterschiede aufgedeckt und Risiken transparent gemacht. Für die Bewertung sind die objektiven Verhältnisse zum Stichtag maßgeblich, auch wenn sie erst später bekannt werden.

 

Praxis-Beispiel

Objektive Verhältnisse am Stichtag maßgebend

Brennt das Außenlager infolge einer vorwitzigen Silvesterrakete bereits vor Mitternacht teilweise aus, reduziert sich der Warenbestand zum 31.12. mengenmäßig um die vernichteten Vorräte und darüber hinaus um den Wert der Beschädigung bei den geretteten Gütern. Dieser Umstand fließt auch dann in das Inventar ein, wenn der Unternehmer davon erst nach einem ausgedehnten Skiurlaub erfährt.

Handelt es sich bei der Rakete aber um einen Spätzünder im neuen Jahr, so hat dieses missliche Ereignis keinen Einfluss auf Menge und Wert der Vorräte zum 31.12. gegen 24 Uhr (ggf. ist ein solcher Umstand aber im Jahresabschluss zu erläutern).

Die Einzelbewertung eines Wirtschaftsguts beruht auf den Anschaffungs- oder Herstellungskosten dieses Wirtschaftsguts. Auch den Kfz-Händlern wird zugemutet, ihre Autos einzeln zu erfassen, weil deren Anschaffungskosten ohne Weiteres identifiziert und den einzelnen Vermögensgegenständen ohne Schwierigkeiten zugeordnet werden können.

Zu den Anschaffungskosten gehören alle Aufwendungen, um das Wirtschaftsgut zu erwerben und in einen betriebsbereiten Zustand zu versetzen, also auch Kosten für Transport, Verladung, Eingangszölle, die Kosten der Einlagerung usw. Dies können auch nachträgliche Aufwendungen sein. Skonti und Rabatte mindern die Anschaffungskosten.

Bei den Herstellungskosten sind die Einzelkosten steuerlich und handelsrechtlich zwingend zu berücksichtigen. Das sind variable Kosten, die dem einzelnen Produkt direkt zuzuordnen sind.

Bezüglich der Gemeinkosten bestanden nach Handelsrecht bis 2009 Wahlrechte bezüglich der Material- und Fertigungsgemeinkosten. Durch die Änderungen durch das BilMoG erfolgte eine Anpassung an steuerliche Vorschriften in Richtung eines Vollkostenansatzes:

 
Fertigungsmaterial-Einzelkosten
+ Fertigungslohn und sonstige Einzelkosten der Fertigung
+ Sondereinzelkosten der Fertigung (Spezialwerkzeuge, Modelle, Entwurfskosten)
+ notwendige Materialgemeinkosten (Beschaffung, Lagerung, Materialverwaltung)
+ notwendige Fertigungsgemeinkosten (Werkzeuge, Werkstattkosten, Energiekosten)
+ Abschreibungen auf Anlagevermögen der Fertigung
= steuerlich und handelsrechtlich mindestens anzusetzende Herstellungskosten
+ allgemeine Verwaltungskosten (ohne Vertriebskosten)
+ Aufwendungen für soziale Einrichtungen (Kantine, Betriebsarzt)
+ Aufwendungen zur betrieblichen Altersversorgung (Pensionszahlungen und -rückstellungen, Direktversicherungen, Pensionskassen)
+ Fremdkapitalkosten, sofern die Zinsen auf den Herstellungszeitraum entfallen und das Fremdkapital ausschließlich zur Finanzierung der Fertigung verwendet wird.
= steuerlich maximal anzusetzende Herstellungskosten

Von den Anschaffungs- oder Herstellungskosten des Umlaufvermögens können "Gängigkeitsabschläge" auf den niedrigeren steuerlichen Teilwert vorgenommen werden. Dazu jedoch später.

2.1.1 Besonderheit beim Einzelhandel: Verkaufswertverfahren

Einzelhandelsunternehmen können bei einem großen Verkaufslager und Tausenden von Artikeln nur unter großen Schwierigkeiten ermitteln, aus welchen Lieferungen die noch vorhandenen Bestände stammen. Solche Kaufleute dürfen deshalb die Anschaffungskosten nach dem Verkaufswertverfahren retrograd aus den Nettoverkaufspreisen ermitteln. Dabei wird von den ausgezeichneten Preisen jeder Warengruppe der jeweilige Bruttogewinnaufschlag abgezogen, bei reduzierter Ware der verbleibende Verkaufsaufschlag.

Definition Bruttogewinnaufschlag

Unter Bruttogewinnaufschlag versteht man den Prozentsatz, um den der Kaufmann seine Ware teurer verkauft, als er sie eingekauft hat. Voraussetzung dieses gesetzlich nicht geregelten, aber steuerlich zulässigen Verfahrens ist jedoch, dass es zu keinen groben Schätzfehlern führt.

2.1.2 Ausnahmen vom Einzelbewertungsprinzip

Als Ausnahmen von der Einzelbewertung sind zunächst nur solche Fälle zugelassen, in denen die Wertermittlung tatsächlich unmöglich oder wirtschaftlich zu aufwendig ist. Darüber hinaus hat der Gesetzgeber in speziellen Bewertungsvereinfachungsverfahren geregelt, wie von der Einzelbewertung abgewichen werden kann.

Wird bei der Durchschnittsbewertung vorausgesetzt, dass die einzelnen Gegenstände aus dem Lager in eher zufälliger Reihenfolge wieder entnommen werden, so unterstellt man bei den zeitlichen Verbrauchsfolgeverfahren eine zeitliche Abfolge bei den Ausgängen. Bei den sogenannten wertmäßigen Verbrauchsfolgeverfahren geht man hingegen von einem Verbrauch (z. B. durch Abverkauf) aus, der nach dem Wert der Vorräte geregelt ist.

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