Internationaler Distressed M&A-Prozess: Herausforderungen und Lösungsansätze

Zusammenfassung

  • Ein international ausgerichteter M&A-Prozess erhöht häufig die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Investor zu finden. Die Möglichkeit des Eintritts in den deutschen Markt sowie des Zugangs zu Technologie und Expertise erhöhen die Bereitschaft des Käufers, eine strategische Prämie zu zahlen.
  • Bei internationalen Distressed M&A-Prozessen, also dem Verkauf angeschlagener Unternehmen, ist die Zeitknappheit und die damit einhergehende hohe Bearbeitungsgeschwindigkeit die größte Herausforderung. Zusätzlich muss ein potenzieller ausländischer Investor kulturelle, regionale und betriebswirtschaftliche Divergenzen überwinden.
  • Die zunehmende internationale Transaktionserfahrung unter ausländischen Investoren sowie die frühzeitige Einbeziehung qualifizierter M&A-Berater mit Kenntnissen zu internationalen Transaktionsstrukturen erhöhen die Erfolgswahrscheinlichkeit.
  • Der Beitrag beschreibt die kulturellen, regulatorischen und betriebswirtschaftlichen Hürden in einem internationalen Distressed M&A-Prozess und zeigt Möglichkeiten zu ihrer Überwindung auf.

1 Ausländische Investoren mit großer Bedeutung bei M&A

In den letzten Jahren haben ausländische Investoren bei M&A-Transaktionen ein anhaltendes Interesse am Standort Deutschland gezeigt. So waren im Jahr 2017 ausländische Investoren an mehr als 70 % der Transaktionen mit deutschen Zielunternehmen beteiligt. Die größten Auslandsinvestoren waren 2017 weiterhin US-Unternehmen mit 155 Akquisitionen. China bildete die zweitgrößte nicht-europäische Investorengruppe mit 54 Transaktionen in Deutschland.

2 Gründe für internationale Investorenprozesse bei mittelständischen Unternehmen

Im Rahmen von M&A-Transaktionen ergeben sich durch einen internationalen Anspracheprozess nicht nur für die Verkäufer- sondern auch für die Käuferseite vielseitige Vorteile.

2.1 Internationale M&A-Prozesse im Mittelstand

2.1.1 Verkäufersicht

Aus Sicht des Verkäufers liegt der größte Vorteil eines international ausgerichteten M&A-Prozesses sicherlich in der höheren Erfolgswahrscheinlichkeit einer Veräußerung des Unternehmens. Denn es werden i. d. R. deutlich mehr potenzielle Investoren in den Prozess miteinbezogen als bei einem rein inländischen Prozess, was wiederum die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Käufer zu finden, erhöht.

Zudem sind ausländische Interessenten oft bereit, eine strategische Prämie zu zahlen, um einen Zugang zum deutschen Markt oder zu bestimmten Technologien zu erlangen. Durch den gesteigerten Bieterwettbewerb sowie die höheren Kaufangebote ergibt sich für den Verkäufer am Ende häufig ein höherer Verkaufspreis.

2.1.2 Käufersicht

Aus der Perspektive des Käufers gibt es ebenfalls gute Gründe für einen Zukauf. So kann der Erwerb von auf der Wertschöpfungskette vor- oder nachgelagerten Unternehmen zu Kostenreduktionen auf der Einkaufsseite und zur Sicherung der Absatzwege auf der Vertriebsseite beitragen. Bei Unternehmen auf der gleichen Stufe der Wertschöpfungskette besteht die Chance von Synergieeffekten und damit Kostensenkungspotenziale. Der Erwerb ausländischer Unternehmen bietet für den Käufer dabei den Vorteil, dass dies im Vergleich zu einem organischen Wachstum deutlich schneller realisierbar ist und Markteintrittsbarrieren abgebaut oder gänzlich beseitigt werden können. Bspw. erlangt der Käufer unmittelbaren Zugang zu bestehenden Lieferantenbeziehungen sowie zu einem etablierten Kundennetzwerk. Erwirbt er eine bekannte Marke oder einen renommierten Firmennamen, der in Branchenkreisen bei guter Reputation als Qualitätsaushängeschild anzusehen ist, wird der Zugang zu neuen Märkten für den Käufer erleichtert.

Unabhängig davon ist der Erwerb von Technologie und Expertise stets ein wesentliches Akquisitionsargument. Insbesondere mittelständische Unternehmen versuchen häufig, durch Eigenentwicklungen einen strategischen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Aus diesem Grund ist es fast unmöglich, Zugang zu deren Know-how auf anderen Wegen als durch eine Akquisition zu erhalten.

2.2 Spezialfall: Internationaler Distressed M&A-Prozess

Internationale Distressed M&A-Prozesse beinhalten die Charakteristika von internationalen Verkaufsprozessen "gesunder" Unternehmen, jedoch bieten sie zusätzliche Chancen auf Seiten der Transaktionspartner.

2.2.1 Verkäufersicht

Auch beim Verkauf von Krisenunternehmen sorgt die Aufnahme ausländischer Interessenten in den Bieterprozess für den notwendigen strategischen Wettbewerb und führt häufig dazu, dass inländische Investoren ihre Angebote höher ausgestalten. Ebenso sind ausländische Investoren – trotz Krisensituation – oftmals bereit, eine strategische Prämie zu zahlen, um einen Zugang zum deutschen Markt zu erlangen.

Inzwischen lässt sich bei vielen ausländischen Interessenten eine steile Lernkurve bei M&A-Prozessen erkennen, da sie zunehmend von erfahrenen Beratern betreut werden. Dementsprechend kommen ausländische Investoren immer häufiger als Käufer zum Zug, da sie einerseits die Bearbeitungsgeschwindigkeit im Verkaufsprozess mitgehen können und andererseits die nationalen Interessenten durch eine solche strategische Prämie überbieten können. Zudem bietet ein M&A-Prozess eine effektive Möglichkeit zur Lösung einer finanziellen Notlage im Vergleich zu einer Restrukturierung oder einer (stückweisen) Liquidation. Dadurch kann aus der Not eine Tugend e...

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