Interkulturelle Aspekte bei internationalen M&A-Transaktionen: Deutschland, Frankreich und Türkei im Vergleich

Zusammenfassung

  • Interkulturelle Unterschiede können zum erfolgskritischen Faktor bei der Durchführung einer M&A-Transaktion werden. Der Beitrag zeigt, was unter interkulturellen Differenzen zu verstehen ist und welche Dimensionen zur Identifikation eingesetzt werden.
  • Exemplarisch wird hierbei auf Übernahmen bzw. Fusionen eingegangen, an denen deutsche, französische und türkische Unternehmen beteiligt sind.
  • Ausgehend vom idealtypischen M&A-Phasenmodell wird aufgezeigt, wann interkulturelle Herausforderungen auftreten und wie sinnvoll mit ihnen umzugehen ist.

1 Interkulturelle Differenzen als Herausforderung bei M&A-Transaktionen

50 % der Unternehmenszusammenschlüsse gelten als nicht erfolgreich. Obwohl derartige Aussagen in Anbetracht der Schwierigkeiten sowohl bei der Definition als auch der Messung von Erfolg kritisch zu betrachten sind, zeigen als misslungen bezeichnete Übernahmen wie Chrysler durch Daimler, Mannesmann durch Vodafone oder Boehringer durch Roche, dass insbesondere übernationale Unternehmensakquisitionen mit hohen Risiken verbunden sind. Die Gründe für solche Misserfolge sind vielfältig, jedoch hat die Unternehmensberatung Brain in ihren Untersuchungen die Überschätzung der Synergiepotenziale und Komplikationen bei der Integration des Unternehmens als Hauptgründe für das Scheitern von Mergers and Acquisitions (im Folgenden M&A) identifiziert.

Eine wesentliche Herausforderung während des gesamten M&A-Prozesses und zugleich eine wesentlicher Erfolgsfaktor ist der Umgang mit unterschiedlichen Unternehmenskulturen und, bei übernationalen Transaktionen, mit unterschiedlichen Landeskulturen (s. Abb. 1). Erkennbar ist bereits hier die Bedeutung der Post Merger Integration (PMI).

Abb. 1: Erfolgsfaktoren bei M&A-Transaktionen

2 Interkulturelle Kompetenzen: Grundlagen

2.1 Kulturbegriff und interkulturelle Kompetenz

Sowohl innerhalb als auch zwischen Unternehmen ist die Kenntnis von und der adäquate Umgang mit kulturellen Unterschieden im Fühlen, Denken und Handeln von wesentlicher Bedeutung dafür, dass funktionierende Beziehungen aufgebaut und für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösungen gefunden werden. Kultur ist dabei als eine Art mentale Software anzusehen, die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe von Menschen von einer anderen unterscheidet.

Fundamental für eine erfolgreiche übernationale Zusammenarbeit ist die Erkenntnis, dass die jeweiligen Kulturmerkmale nicht per se ein Land zu einem besseren oder schlechteren Standort machen. Vielmehr dient die Beschäftigung mit kulturellen Unterschieden dazu, sich angemessen vorzubereiten und damit die Grundlage zu schaffen, mit den kulturellen Besonderheiten umzugehen und erfolgreich zusammenzuwachsen.

Um einen Umgang mit interkulturellen Differenzen zu entwickeln, muss zunächst der Begriff "interkulturelle Kompetenz" definiert werden: "Sie lässt sich als das Vermögen definieren, mit fremden Kulturen und ihren Angehörigen in adäquater, ihren Wertesystemen und Kommunikationsstilen angemessener Weise zu handeln, mit ihnen zu kommunizieren und sie zu verstehen." Voraussetzung dafür ist wiederum die Fähigkeit, kulturelle Unterschiede wahrnehmen zu können. Zu den wichtigsten Kompetenzen der Interkulturalität zählen:

  1. Fremdsprachenkenntnisse,
  2. landeskundlich-kulturelle Kenntnisse und
  3. interkulturelle soziale Kompetenzen (Kommunikationskompetenzen, Empathie, Toleranz und Anpassungsfähigkeit).

Während die beiden ersten Punkte noch relativ leicht faktenbasiert erfasst werden können, erweisen sich interkulturelle soziale Kompetenzen als wesentlich schwerer zu erschließen Insofern wird zunächst thematisiert, was unter dem Kulturbegriff und interkulturellen Kompetenzen zu verstehen ist.

2.2 Operationalisierung des Kulturbegriffs mittels Kulturdimensionen

Um Unterschiede zwischen nationalen Kulturen beschreiben und diese in die Praxis transferieren zu können, sind nach wie vor die Untersuchungen von Hofstede aus den 1960er/70er Jahren grundlegend. Seine Erkenntnisse basieren auf einer Umfrage unter mehr als 116.000 Mitarbeitern in über 50 Ländern. Trotz aller Einschränkungen (z. B. unzulässige Pauschalierung, Veraltung) erscheinen die Erkenntnisse weiterhin gut geeignet, grundlegende Unterschiede zwischen Kulturen herauszuarbeiten. Hofstede schlug in einem ersten Schritt vor, den Kulturbegriff unter Verwendung der von ihm entwickelten Kulturdimensionen zu operationalisieren. Ziel dieser Klassifizierung der Kultur in Kulturdimensionen ist es dabei, die Unterschiede zwischen nationalen Wertesystemen zu identifizieren, die sich in Unternehmenstätigkeiten bemerkbar machen können. Hofstede identifizierte folgende 5 Dimensionen:

  1. Unter Machtdistanz fasst Hofstede "soziale Ungleichheit, einschließlich des Verhältnisses zur Autorität", oder "die emotionale Distanz, die zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten herrscht" auf. Machtdistanz zeigt das Maß an Bereitschaft, ungleiche Machtverteilung in einer Gesellschaft oder Organisation hinzunehmen bzw. zu erwarten. So sind Vertreter von Kulturen mit hoher Machtdistanz bereit, Ungleichheit zu akzeptieren und sich den Machthabenden unterzuordnen. Diese Einstellung spiegelt sich auch im Familienleben wider: Ältere Menschen werden als Autorität betrac...

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