Immaterielles Vermögen und ... / 7.2.1 Unterschiedliche Regeln für Leasinggeber und Leasingnehmer

Seit Verabschiedung von IFRS 16 gelten für die Bilanzierung beim Leasingnehmer andere Regeln als beim Leasinggeber.

Der Leasinggeber hat (wie schon nach dem Vorgängerstandard IAS 17) dem Prinzip des substance over form folgend zu beurteilen, ob er neben dem rechtlichen auch das wirtschaftliche Eigentum am Leasingobjekt behält (operating lease) oder das wirtschaftliche Eigentum aufgegeben hat (finance lease). Im ersten Fall hat er das Leasingobjekt als Anlagevermögen zu bilanzieren und die Leasingraten als Ertrag zu vereinnahmen. Im zweiten Fall hat er das Leasingobjekt auszubuchen und an seiner Stelle eine Forderung gegen den Leasingnehmer einzubuchen.

Für den Leasingnehmer galten die vorstehenden Regelungen früher spiegelbildlich. Mit Ersatz von IAS 17 durch IFRS 16 gilt hingegen (mit bestimmten Ausnahmen für kurzfristige Leasingverhältnisse und solche über Objekte geringen Werts): Der Leasingnehmer hat zum Beginn des Leasingverhältnisses das Recht zur Nutzung des Leasingobjekts (right-of-use asset) zu aktivieren und korrespondierend in Höhe des Barwerts der zukünftigen Leasingraten eine Verbindlichkeit einzubuchen.

Die Bilanzierung beim Leasinggeber folgt damit Unterscheidungen, die auch im HGB/EStG bekannt sind. Die Regeln des IFRS 16 für den Leasingnehmer vertragen sich hingegen nicht mit dem HGB, da sie den Grundsatz der Nichtbilanzierung schwebender Geschäfte aufgeben.

Der Begriff des Leasings ist weit gefasst. Er umfasst jede Art von Nutzungsverhältnis über einen körperlichen Gegenstand, unabhängig davon, ob der Vertrag zivilrechtlich als Leasing, Miete, Pacht, Nießbrauch usw. qualifiziert wird (IFRS 16.9).

Durch IFRS 16 hat sich der Umfang der Regelungen zum Leasing gegenüber dem vorherigen Rechtsstand (IAS 17, IFRIC 4; SIC–15, SIC–31) etwa vervierfacht auf rund 200 Seiten (inkl. Basis for Conclusions usw.). In der frühen Phase dieses Reformprojekts hatte der damalige Chairman des IASB festgehalten: "One of my great ambitions before I die is to fly in an aircraft that is on an airline’s balance sheet." Mit IFRS 16 scheint dieses Ziel (beinahe – bilanziert wird das Nutzungsrecht, nicht das Flugzeug) erreicht. Aber wem bringt die detaillierte und komplexere Leasingbilanzierung etwas? Können die Passagiere nun darauf hoffen, dass die Flugzeuge pünktlicher und sicherer fliegen? Werden Tomatensaft und Unterhaltungsprogramm an Bord bekömmlicher sein? Können Investoren in Aktien von Fluggesellschaften ihre Risiken besser steuern? Werden die Airlines in umkämpften Märkten erfolgreicher operieren? Egal wie die Antworten ausfallen, es gilt: wenn Institutionen Probleme und Situationen als real definieren, sind sie real – in ihren Konsequenzen. Wer also sein Brot in der Rechnungslegung verdient (oder verdienen möchte), mag über die Bedeutung der Bilanzierung für das wahre Leben denken, wie er will, er muss sich mit den rechtlichen Gegebenheiten auseinandersetzen.

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