1 Allgemeines

1.1 Überblick

 

Rz. 1

Abnutzbare Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens, deren Verwendung oder Nutzung sich auf einen Zeitraum von mehr als einem Jahr erstreckt, sind grundsätzlich mit den Anschaffungs- oder Herstellungskosten zu aktivieren und auf die voraussichtliche Nutzungsdauer verteilt abzuschreiben.[1]

Abweichend hiervon können gem. § 6 Abs. 2 EStG i. d. F. des Gesetzes gegen schädliche Steuerpraktiken im Zusammenhang mit Rechteüberlassungen v. 27.6.2017[2] die Anschaffungs- oder Herstellungskosten oder der nach Abs. 1 Nrn. 5–6 EStG an deren Stelle tretende Wert im Wirtschaftsjahr der Anschaffung oder Herstellung oder Einlage des Wirtschaftsgutes oder der Eröffnung des Betriebes sofort als Betriebsausgaben abgesetzt werden , wenn

  • das Wirtschaftsgut zum abnutzbaren, beweglichen Anlagevermögen gehört,
  • die Anschaffungs- oder Herstellungskosten, vermindert um einen darin enthaltenen Vorsteuerbetrag,[3] oder der nach Abs. 1 Nrn. 5–6 an deren Stelle tretende Wert für das einzelne Wirtschaftsgut 800 EUR (150 EUR nach dem 31.12.2007 und vor dem 1.1.2010; 410 EUR nach dem 31.12.2009 bis 31.12.2017) nicht übersteigen und
  • das Wirtschaftsgut einer selbstständigen Nutzung fähig ist.

Diese Neuregelung gilt nach § 52 Abs. 12 Satz 5 EStG erstmals bei Wirtschaftsgütern, die nach dem 31.12.2017 angeschafft, hergestellt oder in das Betriebsvermögen eingelegt worden sind. Die Vorschrift gibt bis zum 31.12.2007 und ab 1.1.2010 ein Wahlrecht zur Inanspruchnahme, während für die VZ 2008 und 2009 die Inanspruchnahme zwingend war, § 6 Abs. 2 Satz 1 EStG.

Die Vorschrift ist durch das UnternehmensteuerreformG 2008 v. 14.8.2007 mit Wirkung ab 1.1.2007[4] geändert worden und wurde durch das WachstumsbeschleunigungsG v. 22.12.2009[5] erneut geändert (Heraufsetzung des Höchstbetrags auf 410 EUR und Ausstattung wieder als Wahlrecht).

 

Rz. 2

Entgegen der Überschrift des § 6 EStG ist § 6 Abs. 2 EStG keine Bewertungsvorschrift, sondern ergänzt die Abschreibungsvorschriften des § 7 EStG, beinhaltet somit eine Sonderregelung der AfA und wäre daher systemgerecht in § 7 EStG anzugliedern.[6] Unzutreffend ist daher auch der allgemein gebrauchte Begriff der Bewertungsfreiheit. Zutreffend kann von Sofortabschreibung oder Absetzungsfreiheit gesprochen werden.[7]

§ 6 Abs. 2 EStGbezweckt in erster Linie eine Vereinfachung der betrieblichen Rechnungslegung, z. B. Verzicht auf die Aufstellung von AfA-Reihen,[8] durch Entlastung der Buchführung und Bilanz von der Masse der geringwertigen Wirtschaftsgüter. Die Vorschrift dient daher auch der Arbeitserleichterung der Steuerpflichtigen und der Finanzämter, vermeidet Streitigkeiten zwischen Steuerpflichtigen und Finanzämtern über die Abschreibungsdauer und schafft einen positiven Liquiditätseffekt für Unternehmen und Freiräume für neue Investitionen. .[9]

[2] BGBl 2017 I S. 2074.
[4] BGBl 2007 I S. 1912; zwingende Anwendung der Sofortabschreibung statt Wahlrecht; Höchstbetrag 150 EUR: Einfügung § 6 Abs. 2a EStG.
[5] BGBl 2009 I S. 3950.
[6] BFH, Urteil v. 15.2.2001, IV R 19/99, BStBl 2001 II S. 549; Ehmcke, in Blümich, Kommentar zum EStG, KStG, GewStG und Nebengesetzen, § 6 Rz. 1100d, Stand 11/2017; Kulosa, in Schmidt, Kommentar zum EStG, 39. Aufl. 2020, § 6 EStG Rz. 652.
[7] Ehmcke, in Blümich, Kommentar zum EStG, KStG, GewStG und Nebengesetzen, § 6 Rz. 1100d, Stand 11/2017.
[9] BT-Drucks. 18/12128 S. 30.

1.2 Sachlicher Geltungsbereich

 

Rz. 3

§ 6 Abs. 2 und 2a EStG gelten unmittelbar nur im Rahmen der Gewinneinkünfte, das sind die Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft, Gewerbebetrieb und selbstständiger Arbeit[1] sowie nach § 9 Abs. 1 Nr. 7 Satz 2 EStG auch für die Überschusseinkünfte.

 

Rz. 4

Die Sofortabschreibung können Steuerpflichtige in Anspruch nehmen, die ihren Gewinn durch Bestandsvergleich nach §§ 4 Abs. 1, 5 Abs. 1 EStG oder nach § 4 Abs. 3 EStG ermitteln.[2]

Bei der Ermittlung des Gewinnes aus Land- und Forstwirtschaft nach Durchschnittssätzen[3] ist die Sofortabschreibung nicht zulässig,[4] es sei denn, es sind hierin Sondergewinne nach § 13a Abs. 6 EStG enthalten.[5]

[2] Kulosa, in Schmidt, EStG, 39. Aufl. 2020, § 6 EStG Rz. 654.
[5] Ehmcke, in Blümich, Kommentar zum EStG, KStG, GewStG und Nebengesetzen, § 6 Rz. 1105; Stand 11/2017; Kulosa, in Schmidt, EStG, 39. Aufl. 2020, § 6 EStG Rz. 654.

1.3 Persönlicher Anwendungsbereich

 

Rz. 5

§ 6 Abs. 2 EStG gilt für alle unbeschränkt und beschränkt steuerpflichtigen natürlichen und juristischen Personen, für erweitert beschränkt Steuerpflichtige,[1] bei der Ermittlung der dem Hinzurechnungsbetrag nach § 10 Abs. 1 Satz 1 AStG zugrunde liegenden Einkünfte und bei Personengesellschaften und -gemeinschaften sowie bei Gesamthands- und Bruchteilsgemeinschaften.

2 Voraussetzungen der steuerlichen Sofortabschreibung

2.1 Abnutzbare bewegliche Wirtschaftsgüter des Anlagevermögens

 

Rz. 6

Die Sofortabschreibung ist nur bei beweglichen, a...

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