Funktions- und Risikoanalyse / 1 Typisierte Unternehmensaktivitäten

Bevor weitere Details einer F&R-Analyse beschrieben werden, soll folgendes Schaubild einen Überblick über die typischen Ausprägungen von Unternehmensaktivitäten, abhängig vom Umfang des F&R-Profils, geben. Jeder weiß, dass die Unternehmensrealität sehr komplex und nicht schwarz-weiß ist – und es daher unendlich viele Ausprägungen von Geschäftsaktivitäten gibt. Die Herausforderung im Bereich der steuerlichen Verrechnungspreise besteht darin, einheitliche Regelungen für die VP-Bestimmungen festzulegen, die global gelten und von den weltweiten Finanzverwaltungen auf die unterschiedlichsten Unternehmen im Rahmen von Betriebsprüfungen angewendet werden können. Mit anderen Worten: Man versucht, die reale Unternehmenskomplexität durch eine Typisierung und Standardisierung zu bewältigen. Dies ist naturgemäß nicht immer einzelfallgerecht, aber es führt zu einer einheitlichen Sprachregelung und zu einer erleichterten weltweiten Verständigung. Daher zeigt folgende Abbildung nicht nur die typisierten Unternehmensaktivitäten, sondern sie dient auch der Begriffsdefinition („Schubladen”):

Abb. 42: Systematisierung der Aktivitäten einzelner Unternehmen

Wie aus der obigen Abbildung ersichtlich ist, werden die F&R-Profile je Wertschöpfungsstufe nach rechts schwächer; ein Lohnveredler übt z. B. weniger Funktionen aus, trägt geringere Risiken und setzt weniger Wirtschaftsgüter ein als ein Eigenproduzent.

Warum ist es wichtig, ob eine Konzerngesellschaft im Rahmen einer bestimmten konzerninternen Transaktion viele oder wenige Funktionen ausübt, geringere Risiken trägt und weniger Wirtschaftsgüter eingesetzt hat? Auch das wird in den Folgekapiteln Teil B, Kapiteln 10 und 11 erläutert. An dieser Stelle soll dies aber zum besseren Verständnis kurz vorweggenommen werden:

 

Es entspricht dem grundlegenden steuerlichen VP-Verständnis, dass einer Gesellschaft mit geringem F&R-Profil ein geringerer Teil der Konzernmarge und einer Gesellschaft mit einem höheren F&R-Profil ein höherer Teil der Konzernmarge zustehen sollte.

Die Perspektive des Controllings, das sein Hauptaugenmerk auf die Anreiz- und Motivationsfunktion der VP sowie die Steuerungslogiken richtet, ist hierbei irrelevant.

Ein F&R-Profil wird – wie bereits erwähnt – erstellt, um die beteiligten Gesellschaften anschließend einer der Unternehmensaktivitäten zuzuordnen, die in der Abbildung oben dargestellt sind. Ferner dient es dazu, beide Gesellschaften als Routine- oder Strategieträger charakterisieren zu können. Bevor gezeigt wird, wie ein F&R-Profil erstellt wird, werden die einzelnen Aktivitäten beispielhaft beschrieben, wenngleich es keine allgemeingültigen Definitionen gibt:

Im Bereich der Produktion werden üblicherweise folgende typisierten Unternehmensaktivitäten unterschieden:

  • Unter einem Eigenproduzenten („fully fledged manufacturer”) versteht man ein Unternehmen, das die wesentlichen Funktionen F+E, Einkauf, Produktion, Finanzierung ausübt und die wesentlichen für den Produktionsprozess notwendigen materiellen und immateriellen Wirtschaftsgüter (z. B. Produktions-Know-how, Verfahrenstechnik, Patente, Geschmacksmuster, Produkt-Know-how, Marken) besitzt. Da ein Eigenproduzent eigenständig die relevanten Entscheidungen trifft, trägt er auch sämtliche Risiken. Eine Abwandlung stellt der Lizenzfertiger dar, der vergleichbare Funktionen ausübt und Risiken trägt, der jedoch die wesentlichen immateriellen Wirtschaftsgüter nicht selbst geschaffen hat und besitzt, sondern sie ein-lizenziert.
  • Unter einem klassischen Auftragsfertiger („contract manufacturer”) versteht man ein Unternehmen, das mit Abnahmegarantie (d. h. ohne Auslastungsrisiko) in starker Abhängigkeit für einen oder wenige konzerninterne Auftraggeber aktiv ist. Es besteht kein eigener Marktzugang (d. h. keine Faktura an Kunden). Teilweise werden dem Auftragsfertiger auch Vorprodukte oder Rohstoffe vom Auftraggeber verkauft oder beigestellt, teilweise ist er für den lokalen Einkauf selbst verantwortlich.
  • Der Lohnveredler („toll manufacturer”) bekleidet noch weniger Funktionen und trägt noch geringere Risiken als der Auftragsfertiger. Häufig wird er für Montagen eingesetzt, wobei ihm der Auftraggeber Vorprodukte, Komponenten, Rohstoffe beistellt. Er besitzt keine materiellen/immateriellen Wirtschaftsgüter von Relevanz. Er hat keinen eigenen Marktzugang (d. h. keine Faktura an Kunden).

Im Bereich des Vertriebs werden üblicherweise folgende typisierten Unternehmensaktivitäten unterschieden:

  • Unter einem Eigenhändler („distributor”) versteht man eine Vertriebsgesellschaft, die im eigenen Namen und auf eigene Rechnung Produkte vertreibt. Sie übt dabei alle vertriebsnotwendigen Funktionen aus und trägt alle daraus resultierenden Risiken wie eine konzernunabhängige Vertriebsgesellschaft. Als wesentliche immaterielle Wirtschaftsgüter besitzt sie den Kundenstamm und das Vertriebs-Know-how.
  • Ein LRD („Limited Risk Distributor”) agiert auch im eigenen Namen und auf eigene Rechnung, aber der LRD übt weniger Funktionen aus und trägt we...

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