Disagio / 2.1 Handelsrechtliche Beurteilung

2.1.1 Sonderposten

Das Disagio ist handelsrechtlich ein Sonderposten (Rechnungsabgrenzungsposten). Im Unterschied zu den "klassischen" Rechnungsabgrenzungsposten von § 250 Abs. 1 HGB besteht für das Disagio kein Bilanzierungsgebot. Die Abschreibung und der Bilanzausweis dieses Bilanzpostens sind gegenüber den aktiven Rechnungsabgrenzungsposten abweichend geregelt.

 
Regelungen des Disagios nach Handelsrecht
Aktivierung

Der Unterschiedsbetrag (Disagio) darf in den Rechnungsabgrenzungsposten auf der Aktivseite aufgenommen werden.

Aktivierungswahlrecht
§ 250 Abs. 3 Satz 1 HGB
Abschreibung

Der Unterschiedsbetrag (Disagio) ist durch planmäßige jährliche Abschreibung zu tilgen.

Abschreibungsgebot
§ 250 Abs. 3 Satz 2 HGB

Die Abschreibungen des Unterschiedsbetrags können auf die gesamte Laufzeit der Verbindlichkeit verteilt werden.

Wahlrecht zur Laufzeit
§ 250 Abs. 3 Satz 2 HGB
Bilanzausweis Bei Aktivierung: Aufnahme in den Rechnungsabgrenzungsposten auf der Aktivseite der Bilanz § 250 Abs. 3 Satz 1 HGB

Zusätzlich für große und mittelgroße Kapitalgesellschaften und KapCo-Gesellschaften: Gesonderter Ausweis in der Bilanz oder Angabe im Anhang

Personengesellschaften, die nicht unter den § 264a HGB fallen, sind hiervon befreit. Einzelkaufleute sind berechtigt, sonstige Rechnungsabgrenzungsposten und ein aktiviertes Disagio in einer Position auszuweisen.

Ausweisgebot
§ 268 Abs. 6 HGB

Tab. 1: Handelsrechtliche Regelungen zum Disagio.

2.1.2 Aktivierungswahlrecht

Das Aktivierungswahlrecht kann für jedes einzelne Disagio nur im Ausgabejahr des Darlehens ausgeübt werden, es kann nicht in späteren Geschäftsjahren nachgeholt werden. Wird vom Aktivierungswahlrecht kein Gebrauch gemacht, kann das Disagio auch sofort als Aufwand gebucht werden. Bei Buchung des Unterschiedsbetrags bestehen daher folgende Wahlmöglichkeiten:

  • Nichtausübung des Wahlrechts zur Aktivierung und vollständige Buchung als Aufwand oder
  • Aktivierung in voller Höhe.

Bei der Ausübung des Aktivierungswahlrechts ist in den Jahresabschlüssen der folgenden Geschäftsjahre das Stetigkeitsgebot (Beibehaltung angewandter Ansatzmethoden) zu beachten. Auch Bilanzansatzwahlrechte, u. a. § 250 HGB, werden hiervon erfasst.

Wurde das Disagio bei der Darlehensaufnahme voll als Aufwand gebucht, kann dies im Folgejahr nicht mehr geändert werden, das Wahlrecht ist dann verwirkt. Wurde das Disagio hingegen in voller Höhe aktiviert, ist das in späteren Geschäftsjahren in gleicher Weise beizubehalten. Auch wenn das Ansatzwahlrecht grundsätzlich für jedes einzelne Disagio abweichend in Anspruch genommen werden kann, ist eine einheitliche Vorgehensweise in einem Geschäftsjahr wegen des Stetigkeitsgebots zu empfehlen.

Einer aufwandswirksamen Buchung oder Aktivierung nur eines Teilbetrags des Disagios verbietet ebenfalls das Stetigkeitsgebot. Das Wahlrecht darf nur hinsichtlich des gesamten Disagiobetrags in Anspruch genommen werden.

2.1.3 Planmäßige Abschreibung

Ein aktiviertes Disagio muss zwangsläufig planmäßig abgeschrieben werden. Die Abschreibungen "können" auf die gesamte Laufzeit der Verbindlichkeit verteilt werden. Auch hinsichtlich der Verteilung besteht also ein Wahlrecht. Es darf daher handelsrechtlich ein gegenüber der Laufzeit der Verbindlichkeit kürzerer Abschreibungszeitraum gewählt werden, z. B. bis zum Zeitpunkt der ersten Kündigungsmöglichkeit. Die maximale Abschreibungsdauer des Unterschiedsbetrags wird hingegen durch die Laufzeit des Darlehens bestimmt. Wurde das Darlehen ohne feste Laufzeit vereinbart, sollte zur Einhaltung des handelsrechtlichen Vorsichtsprinzips die Abschreibungsdauer auf den Zeitpunkt der ersten Kündigungsmöglichkeit des Kredits festgelegt werden.

Planmäßige Abschreibung bedeutet, dass zu Beginn der Abschreibung des Disagios ein Abschreibungsplan aufgestellt und grundsätzlich eingehalten werden muss. Nachträgliche Änderungen dieses Plans verletzen den Grundsatz der Bewertungsstetigkeit und dürfen nur in begründeten Ausnahmefällen vorgenommen werden.

Der Buchungssatz für die planmäßige Abschreibung lautet:

Zinsen und ähnliche Aufwendungen an Disagio/Damnum.

Für die Dauer des Bestehens des Postens "Disagio/Damnum" ist jährlich mindestens eine Abschreibung in der Höhe vorzunehmen, die sich bei einer Verteilung entsprechend der Kapitalinanspruchnahme ergibt. Tilgungsmaßstab ist das Verhältnis der auf die einzelnen Jahre entfallenden Zinsen zu den Gesamtzinsen.

2.1.4 Außerplanmäßige Abschreibung

Das Handelsrecht sieht explizit für das Disagio keine außerplanmäßigen Abschreibungen vor. Eine Pflicht zur außerplanmäßigen Abschreibung besteht jedoch, wenn die Verbindlichkeit vorzeitig ganz oder teilweise zurückgezahlt oder erlassen wird oder eine Laufzeitverkürzung vorliegt. Auch eine nachhaltige, wesentliche Ermäßigung des Zinsniveaus kann eine außerplanmäßige Abschreibung erfordern.

Die Zulässigkeit von darüber hinausgehenden freiwilligen, außerplanmäßigen Abschreibungen ist strittig. In jedem Fall sind freiwillige, außerplanmäßige Abschreibungen im Anhang anzugeben, da die Planmäßigkeit der Abschreibungen aufgehoben wird.

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