Bilanz Check-up 2019: Natio... / 1 Einzelabschluss

1.1 Umstellungseffekt infolge geänderter Umsatzerlösdefinition nach BilRUG

Mit dem Bilanzrichtlinie-Umsetzungsgesetz (BilRUG) wurde die Legaldefinition des Begriffs der Umsatzerlöse in § 277 Abs. 1 HGB n. F. geändert. Danach sind Umsatzerlöse Erlöse aus dem Verkauf und der Vermietung oder Verpachtung von Produkten sowie aus der Erbringung von Dienstleistungen. Die Tatbestandsmerkmale "gewöhnliche Geschäftstätigkeit" und "typisches" Leistungsangebot in § 277 Abs. 1 HGB a. F. sind mit dem BilRUG entfallen.

Pilhofer/Herr/Dömling (DB 2018, S. 1353) haben in einer empirischen Studie die Jahresabschlüsse von insgesamt 136 im DAX30, MDAX, SDAX und TecDAX gelisteter Unternehmen untersucht, um die Umstellungseffekte infolge der erstmaligen Anwendung der Umsatzerlösdefinition nach BilRUG zu quantifizieren. Grundlage der Studie waren die von den Unternehmen erstmals nach BilRUG aufgestellten Jahresabschlüsse gem. §§ 264 ff. HGB n. F. sowie die vor Inkrafttreten des BilRUG letztmalig gem. §§ 264 ff. HGB a. F. aufgestellten Jahresabschlüsse.

Die wesentlichen Ergebnisse der Studie sind:

  1. Darstellung der auf die Umsatzerlöse bezogenen Umstellungseffekte

    76 % der analysierten Unternehmen gaben die Umstellungseffekte verbal in Textform (66 %) bzw. in tabellarischer Form (10 %) im Anhang an. 16 % der untersuchten Unternehmen passten die Beträge in der Vorjahresspalte der GuV an. 2 % der Unternehmen wählten die 3-Spalten-Form der GuV. Die verbleibenden 6 % der betrachteten Unternehmen machten keine Angaben zu dem Umstellungseffekt.

  2. Quantifizierung der auf die Umsatzerlöse bezogenen Umstellungseffekte

    Die Analyse der Umsatzentwicklung unter Berücksichtigung der Anhangangaben nach Art. 75 Abs. 2 Satz 3 EGHGB ergab im Umstellungsjahr ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 148,3 Mio. EUR gegenüber dem Vorjahr, wovon 59,5 % de facto auf die geänderte Umsatzerlösdefinition nach BilRUG zurückzuführen sind. 40,5 % wurden dagegen als organisches Umsatzwachstum identifiziert. Eine Untergliederung nach den jeweiligen Indizes zeigte, dass die im MDAX gelisteten Unternehmen mit 37 % des durchschnittlichen Umsatzwachstums den niedrigsten Umstellungseffekt verzeichneten.

    Die absolut höchsten Umstellungseffekte zeigten Volkswagen (2.081 Mio. EUR; 2,8 %), Daimler (1.487 Mio. EUR; 1,5 %) und Siemens (1.280 Mio. EUR; 5,0 %). Bezogen auf deren Gesamtumsätze des Vorjahres ist der Anstieg eher unwesentlich. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass bei Volkswagen und Siemens die negative organische Umsatzentwicklung (-281,0 Mio. EUR bzw. -155 Mio. EUR) durch die BilRUG-Umstellung überkompensiert wurde.

    Den relativ höchsten Umstellungseffekt verzeichnet die TAG Immobilien, bei der der Umstellungseffekt bei mehr als dem 260-fachen der Umsatzerlöse des Vorjahres liegt. Etwa ein Fünftel der untersuchten Unternehmen (insbesondere Holdinggesellschaften, die primär Leistungen für Konzernunternehmen erbringen) wiesen in den Jahresabschlüssen nach BilRUG erstmalig Umsatzerlöse aus.

  3. Kategorisierung der umgegliederten Umsatzerlöse (Mehrfachnennungen sind möglich)

    Mehr als die Hälfte (53 %) der untersuchten Unternehmen generieren nun Umsatzerlöse aus nicht betriebstypischen Dienstleistungen. 20,5 % der betrachteten Unternehmen erzielen Umsatzerlöse aus der Vermietung oder Verpachtung von Produkten. Umsatzerlöse aus dem Verkauf von Produkten weisen 6 % der analysierten Unternehmen aus. Etwa ein Sechstel der Unternehmen gibt an, durch die Neudefinition keine bzw. keine wesentlichen Änderungen erfahren zu haben.

  4. Implikationen für außergewöhnliche Erträge und Aufwendungen

    Die Gegenüberstellung der Informationen zum außerordentlichen Ergebnis des HGB a. F. und der Anhangangaben zu außergewöhnlichen Sachverhalten zeigte, dass sich nach BilRUG die Anzahl der berichteten Sachverhalte mehr als verdoppelt hat (107 %). Auch die Anzahl an Unternehmen, die nun gem. § 285 Nr. 31 HGB über außergewöhnliche Sachverhalte berichten, hat sich im Vergleich zum Vorjahr um 35 % erhöht.

  5. Fazit der Studie

    Ohne eine adäquate Berücksichtigung der auf die Umsatzerlöse bezogenen Umstellungseffekte kann eine erfolgswirtschaftliche Jahresabschlussanalyse im Umstellungsjahr zu Fehlinterpretationen führen.

 

Literatur

  • Oser/Orth/Wirtz, Das Bilanzrichtlinie-Umsetzungsgesetz (BilRUG) – Wesentliche Änderungen und Hinweise zur praktischen Umsetzung, DB 2015, S. 1729 ff.
  • Oser/Philippsen/Sultana, Konzernumlagen an Tochterunternehmen in der GuV einer Holding-Gesellschaft nach BilRUG, DB 2017, S. 1097 ff.
  • Ewelt-Knauer/Weiß/Köhl, Die Reform des handelsrechtlichen Begriffs der Umsatzerlöse – Eine empirische Analyse zu den Auswirkungen auf die Ertragslage von kapitalmarktorientierten Unternehmen in Deutschland, WPg 2018, S. 1159 ff.

1.2 Abbildung negativer Zinsen im handelsrechtlichen Jahresabschluss von Industrie- und Handelsunternehmen

1.2.1 Problemstellung und Einordnung

Infolge der anhaltenden Niedrigzinsphase und der daraus resultierenden geldpolitischen Entscheidungen der Europäischen Zentralbank, den Zinssatz für die Einlagefazilität zusehends bis auf aktuell -0,40 % zu senken, wurden das Bankengeschäft und die Finanzmärkte quasi revolutioniert. Kreditinstitute, die auf ihre Einlagen bei der Europäischen Zentra...

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