BFH VI R 104/01
 

Entscheidungsstichwort (Thema)

Häusliches Arbeitszimmer als Mittelpunkt der beruflichen Betätigung bei einem Verkaufsleiter

 

Leitsatz (amtlich)

1. Ob das häusliche Arbeitszimmer den Mittelpunkt der gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung bildet, bestimmt sich nach dem qualitativen Schwerpunkt der Tätigkeit des Steuerpflichtigen. Dies zu beurteilen obliegt in erster Linie dem FG als Tatsacheninstanz.

2. Bei einem Verkaufsleiter, der zur Überwachung von Mitarbeitern und zur Betreuung von Großkunden auch im Außendienst tätig ist, kann das häusliche Arbeitszimmer gleichwohl den Mittelpunkt der beruflichen Betätigung bilden, wenn er dort die für seinen Beruf wesentlichen Leistungen (hier: Organisation der Betriebsabläufe) erbringt.

 

Normenkette

EStG § 4 Abs. 5 S. 1 Nr. 6b

 

Verfahrensgang

FG München (Entscheidung vom 13.02.2001; Aktenzeichen 8 K 5129/98; EFG 2002, 611)

 

Tatbestand

I. Streitig ist, wann das Arbeitszimmer eines Steuerpflichtigen mit einer beruflichen Tätigkeit, die teilweise zu Hause und teilweise auswärts ausgeübt wird, den Mittelpunkt der gesamten Betätigung i.S. des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 b Satz 3 Halbsatz 2 des Einkommensteuergesetzes (EStG) bildet.

Die Kläger und Revisionsbeklagten (Kläger) sind Eheleute und wurden im Streitjahr 1996 zur Einkommensteuer zusammenveranlagt. Der Kläger war als Verkaufsleiter eines Lebensmittelproduzenten nichtselbständig tätig. Er nutzte einen Raum des von ihm und der Klägerin bewohnten Hauses als häusliches Arbeitszimmer. Ein anderer Arbeitsplatz stand ihm nicht zur Verfügung.

Der Kläger war als Gebietsleiter für den gesamten Bereich Bayern zuständig. Er hatte 13 Mitarbeiter, die als Vertreter Kunden aufsuchten. Der Kläger selbst besuchte ab und zu Großkunden. Des Weiteren plante, beaufsichtigte und überprüfte er die Tätigkeit seiner Mitarbeiter. Er rief die Tätigkeitsberichte, die diese direkt an die Zentrale weitergaben, täglich ab, analysierte sie und prüfte, ob die vorgegebenen Jahresziele, insbesondere die Umsatzzahlen, eingehalten wurden. Alle sechs bis acht Wochen organisierte der Kläger ein Mitarbeitertreffen. Ferner gehörte es zu seinen Aufgaben, die Platzierung der Waren zu überprüfen. Wöchentlich war er im Durchschnitt zwei Tage außer Haus. Die übrige Zeit verbrachte er in seinem Arbeitszimmer. Dort arbeitete er in der Regel acht bis zehn Stunden, nach seinen Angaben auch an den Wochenenden. Von den Mitarbeitern wurde er fast täglich angerufen. Mitarbeitergespräche führte er in der Regel in seinem Arbeitszimmer. Der Arbeitgeber stellte ihm für seine Tätigkeit ein Dienstfahrzeug zur Verfügung, mit dem er pro Jahr durchschnittlich 20 000 km beruflich fuhr.

Die Kosten des häuslichen Arbeitszimmers berücksichtigte der Beklagte und Revisionskläger (das Finanzamt ―FA―) lediglich in Höhe von 2 400 DM als Werbungskosten.

Das Finanzgericht (FG) hingegen erkannte die geltend gemachten Aufwendungen mit den in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2002, 611 abgedruckten Gründen in voller Höhe an.

Mit der Revision rügt das FA (unter Berufung auf das Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen ―BMF― vom 16. Juni 1998 IV B 2 -S 2145- 59/98, BStBl I, 863, Tz. 3 und 8) die Verletzung des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 b Satz 3 Halbsatz 2 EStG. Das FG habe den Begriff "Mittelpunkt der gesamten beruflichen und betrieblichen Betätigung" falsch ausgelegt. Der Kernbereich einer Tätigkeit könne nicht im häuslichen Arbeitszimmer liegen, wenn der Steuerpflichtige dauerhaft und nachhaltig auch außerhalb des häuslichen Arbeitszimmers tätig werde und wenn die auswärtige Tätigkeit wesentliches Merkmal seiner beruflichen Betätigung sei.

Das FA beantragt, die Vorentscheidung aufzuheben und die Klage abzuweisen.

Die Kläger treten dem entgegen.

 

Entscheidungsgründe

II. Die Revision des FA ist unbegründet. Das FG hat ohne Rechtsverstoß entschieden, dass das Arbeitszimmer des Klägers den Mittelpunkt seiner gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung bildet. Die Aufwendungen für dieses Zimmer sind ohne Beschränkung der Höhe nach als Werbungskosten zu berücksichtigen.

1. Das häusliche Arbeitszimmer eines Steuerpflichtigen, der lediglich eine berufliche Tätigkeit ―teilweise zu Hause und teilweise auswärts― ausübt, ist Mittelpunkt seiner gesamten Betätigung, wenn er dort diejenigen Handlungen vornimmt und Leistungen erbringt, die für den konkret ausgeübten Beruf wesentlich und prägend sind. Die diesbezügliche Würdigung aller Umstände des Einzelfalles obliegt in erster Linie den Finanzgerichten. Dem zeitlichen Umfang der Nutzung des häuslichen Arbeitszimmers kommt im Rahmen dieser Würdigung lediglich eine indizielle Bedeutung zu.

a) Nach § 9 Abs. 5 i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6 b Satz 1 EStG kann ein Steuerpflichtiger Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer nicht als Werbungskosten abziehen. Dies gilt nach Satz 2 der letztgenannten Vorschrift nicht, wenn die betriebliche oder berufliche Nutzung des Arbeitszimmers mehr als 50 v.H. der gesamten betrieblichen und beruflichen Tätigkeit beträ...

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