BFH II R 31/02
 

Entscheidungsstichwort (Thema)

Gegenstand des Erwerbsvorgangs bei Erwerb eines nicht erschlossenen Grundstücks mit Übernahme der bestehenden Verpflichtung zur Ablösung künftiger Erschließungskosten

 

Leitsatz (amtlich)

Hat der Veräußerer eines noch nicht erschlossenen Grundstücks einen wirksamen Vertrag über die Ablöse künftig entstehender Erschließungskosten mit der Gebietskörperschaft nach § 133 Abs. 3 Satz 5 BauGB geschlossen und übernimmt der Erwerber die vom Veräußerer noch nicht erfüllte Verpflichtung aus dem Ablösevertrag, so ist Gegenstand des Erwerbsvorgangs regelmäßig das unerschlossene Grundstück. Die Übernahme der Verbindlichkeit stellt keine Gegenleistung dar.

 

Normenkette

GrEStG § 8 Abs. 1, § 9 Abs. 1 Nr. 1; BauGB § 133 Abs. 3 S. 5

 

Verfahrensgang

Niedersächsisches FG (Urteil vom 29.05.2002; Aktenzeichen 7 K 192/98; EFG 2003, 336)

 

Tatbestand

I. Der Kläger und Revisionsbeklagte (Kläger) erwarb mit notariellem Kaufvertrag vom 1. Dezember 1997 zwei Grundstücke. Als Kaufpreis wurden 189 115,50 DM vereinbart. § 4 des Kaufvertrages regelt, dass die Grundstücke unerschlossen veräußert werden; sämtliche Erschließungs- und Ausbaukosten gehen danach zu Lasten des Klägers. Nach § 4 des Vertrages übernimmt der Kläger weiter die Erfüllung der Verpflichtung aus einem Ablösungsvertrag über künftig entstehende Erschließungsbeiträge, den der Veräußerer mit den hierfür zuständigen kommunalen Körperschaften geschlossen hatte. Der Ablösungsbetrag belief sich auf 84 304,50 DM und war am 1. April 1998 fällig.

Der Beklagte und Revisionskläger (das Finanzamt ―FA―) setzte mit Bescheid vom 23. Dezember 1997 für den Erwerbsvorgang Grunderwerbsteuer in Höhe von 9 648 DM fest. Das FA ermittelte hierbei die Bemessungsgrundlage von 275 768 DM aus dem Kaufpreis in Höhe von 189 115 DM zuzüglich der Vermessungskosten in Höhe von 2 259 DM sowie des Ablösungsbetrages von 84 304 DM.

Der nach erfolglosem Einspruchsverfahren erhobenen Klage mit der Begründung, der Ablösungsbetrag dürfe nicht in die Bemessungsgrundlage einbezogen werden, gab das Finanzgericht (FG) statt. In der in Entscheidungen der Finanzgerichte (EFG) 2003, 336 veröffentlichten Entscheidung führt das FG zur Begründung im Wesentlichen aus, dass die Gemeinde als Trägerin der Erschließungslast trotz des Ablösungsvertrags die Erschließung als allgemeine öffentliche Aufgabe und nicht im Rahmen eines einheitlichen Erwerbsgegenstandes (erschlossenes Grundstück) an den Kläger erbringe.

Das FA beantragt, das Urteil des FG aufzuheben und die Klage abzuweisen.

 

Entscheidungsgründe

II. Die Revision des FA ist zurückzuweisen (§ 126 Abs. 2 der Finanzgerichtsordnung ―FGO―). Das FG hat zu Recht entschieden, dass die Übernahme der Verbindlichkeit aus dem Ablösevertrag durch den Kläger keine Gegenleistung ist und nicht zur Bemessungsgrundlage zählt (§ 8 Abs. 1 i.V.m. § 9 Abs. 1 Nr. 1 des Grunderwerbsteuergesetzes ―GrEStG―).

Nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 GrEStG unterliegt der Erwerb eines Anspruchs auf Übereignung eines inländischen Grundstücks der Grunderwerbsteuer. Bemessungsgrundlage ist gemäß § 8 Abs. 1 GrEStG die Gegenleistung. Bei einem Grundstückskauf gilt nach § 9 Abs. 1 Nr. 1 GrEStG als Gegenleistung u.a. der Kaufpreis einschließlich der vom Käufer übernommenen sonstigen Leistungen. Danach gehören alle Leistungen des Erwerbers zur grunderwerbsteuerrechtlichen Gegenleistung (Bemessungsgrundlage), die dieser nach den vertraglichen Vereinbarungen gewährt, um das Grundstück zu erwerben. Als Gegenleistung im grunderwerbsteuerrechtlichen Sinne (§ 8 Abs. 1 und § 9 GrEStG) kommen nur Leistungen in Betracht, die der Erwerber als Entgelt für den Erwerb des Grundstücks gewährt oder die der Veräußerer als Entgelt für die Veräußerung des Grundstücks empfängt (vgl. etwa Urteil des Bundesfinanzhofs ―BFH― vom 23. Oktober 2002 II R 81/00, BFHE 200, 416, BStBl II 2003, 199). Soweit es um die Frage geht, ob Erschließungskosten in die Bemessungsgrundlage eingehen, ist nach der Rechtsprechung des Senats entscheidend, ob das Grundstück unerschlossen oder erschlossen bzw. mit der Verpflichtung des Veräußerers, es erschlossen zu verschaffen, Gegenstand des Erwerbsvorgangs ist (vgl. m.w.N. BFH-Urteile vom 15. März 2000 II R 39/99, BFHE 194, 452, BStBl II 2002, 93, sowie vom 15. März 2000 II R 51/00, BFH/NV 2001, 1297).

Im Kern liegt dem die durch §§ 436, 446 des Bürgerlichen Gesetzbuches i.d.F. vor dem Schuldrechtsmodernisierungsgesetz (BGB a.F.) vorgegebene zivilrechtliche Verteilung der Lastentragung zu Grunde (vgl. Urteil des Bundesgerichtshofs ―BGH― vom 29. Januar 1982 V ZR 73/81, Neue Juristische Wochenschrift ―NJW― 1982, 1278). Diese folgt regelmäßig dem Zeitpunkt des Entstehens der öffentlich-rechtlichen Beitragspflicht (vgl. etwa BFH-Urteil vom 9. Mai 1979 II R 56/74, BFHE 128, 92, BStBl II 1979, 577). Trifft den Erwerber eines unerschlossenen Grundstücks künftig eine Erschließungsbeitragspflicht, so übernimmt er mit der Verpflichtung, die entstehenden Erschließungskosten zu tragen, nur eine Verpflichtung, die ...

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