Bertram/Brinkmann/Kessler/M... / 7 International Standards on Auditing-Anwendung (Abs. 5)
 

Rz. 151

§ 317 Abs. 5 HGB dient der Umsetzung von Art. 26 Abs. 1 der Abschlussprüferrichtlinie, nach dem die EU-Mitgliedstaaten die Abschlussprüfer zu verpflichten haben, die nach Art. 48 Abs. 2 der Abschlussprüferrichtlinie von der EU übernommenen internationalen Prüfungsstandards bei der Durchführung von Abschlussprüfungen anzuwenden. Entsprechend diesen Vorgaben weist Abs. 5 den Abschlussprüfer an, die von der EU übernommenen International Standards of Auditing (ISA) bei der Durchführung von Abschlussprüfungen anzuwenden. Auch wenn in Abs. 5 HGB allgemein von "internationalen Prüfungsstandards" gesprochen wird, sind die in Art. 2 Nr. 11 der Abschlussprüferrichtlinie genannten ISA des IAASB der IFAC gemeint.

Abs. 5 wurde mit dem AReG redaktionell an den überarbeiteten Art. 26 der Abschlussprüferrichtlinie angepasst.

 

Rz. 152

Bislang sind von der EU noch keine ISA übernommen worden, obwohl die der Regelung zugrunde liegende Abschlussprüferrichtlinie schon einige Jahre vorliegt. Der Hintergrund dafür war zunächst, dass vor Übernahme der ISA die Beendigung des sog. Clarity Project durch den die ISA erlassenden Standardsetter, das IAASB, abgewartet werden sollte. Mit dem Clarity Project wurden die ISA insgesamt harmonisiert und in diesem Zusammenhang entweder "redraftet" (neu strukturiert und formuliert) oder "revised and redrafted" (inhaltlich aktualisiert sowie neu strukturiert und formuliert). Nachdem das Clarity Project abgeschlossen ist, wurden die sog. clarified ISA am 3.3.2009 vom PIOB (Public Interest Oversight Board), dem Aufsichtsorgan über das Standard-Setting-Verfahren des IAASB, genehmigt.

 

Rz. 153

Die ISA entfalten bereits seit langem auch auf die deutschen Prüfungsgrundsätze Wirkung. Da sowohl IDW als auch WPK Mitglied der IFAC sind, werden die ISA seit 1998 i. R. d. Entwicklung der IDW PS in deutsche Prüfungsgrundsätze transformiert. Somit werden die clarified ISA auch ohne bislang erfolgte Übernahme durch die EU in den deutschen Prüfungsstandards eine inhaltliche Berücksichtigung finden. Grundsätzliche materielle Neuerungen werden sich durch die Übernahme der ISA und deren direkte Anwendung für den deutschen Berufsstand der Wirtschaftsprüfer/vereidigte Buchprüfer nicht ergeben.

 

Rz. 154

Eine von der Universität Duisburg-Essen im Auftrag der EU-Kommission durchgeführte Studie zu den Kosten-Nutzen-Effekten einer Einführung der ISA zeigt den erwarteten Nutzenüberhang, den weltweit einheitlich gültige Prüfungsstandards für Unt und deren Abschlussprüfer bringen können.

 

Rz. 155

Ausgelöst durch das Grünbuch der EU-Kommission zur Abschlussprüfung vom 13.10.2010 haben sich langwierige Diskussionen über die Fortentwicklung der Regelungen zur Abschlussprüfung ergeben. Zuletzt wurden im Zuge der sog. Trilogverhandlungen zwischen EU-Parlament, EU-Kommission und dem EU-Ministerrat die Weichenstellungen für eine ISA-Übernahme vorgenommen. Die geänderte Abschlussprüferrichtlinie sieht – wie auch derzeit schon in § 317 Abs. 5 HGB angelegt – die direkte Anwendung der von der EU übernommenen ISA vor. Die Umsetzung der ISA-Anwendung wird noch Zeit in Anspruch nehmen, aber zum jetzigen Zeitpunkt scheint § 317 Abs. 5 HGB zumindest in absehbarer Zeit aus seinem bisherigen "Dornröschenschlaf" zu erwachen.

 

Rz. 156

Die sich durch die ISA-Adoption ergebende direkte Anwendung der ISA bedeutet, dass die englischsprachigen Originaltexte, bzw. die amtlichen Übersetzungen in die deutsche Sprache, als Amtssprache der EU für deutsche Abschlussprüfungen verbindlich sein werden. Es gilt, die z. T. leidvollen Erfahrungen bei den IFRS bzgl. der Übersetzungen der Originaltexte bei der Übersetzung der ISA in die jeweiligen Amtssprachen der EU zu vermeiden. Im Juni 2011 hat das IDW in Kooperation mit dem Institut der Österreichischen Wirtschaftsprüfer und der Treuhand-Kammer, Schweizer Kammer der Wirtschaftsprüfer und Steuerexperten, eine vollständige Textausgabe der ISA und des ISQC 1 (Stand: 2010) in synoptischer Darstellung Englisch – Deutsch vorgelegt.

 

Rz. 157

Die zu den jeweiligen ISA ergangenen Anwendungshinweise (sog. application and other explanatory material) werden nicht von der EU übernommen, werden gleichwohl aber materielle Bedeutung haben (müssen) für die Prüfungsdurchführung. Neben den ISA soll auch ISQC 1 (International Standard on Quality Control) von der EU übernommen werden.

 

Rz. 158

Die derzeitigen Rechtsfolgen der Regelung in § 317 Abs. 5 HGB stellen sich wie folgt dar: Soweit ISA von der EU übernommen worden sind (Rz 151), entfalten diese eine direkte Gültigkeit für alle Abschlussprüfungen in Deutschland. Da bislang keine ISA von der EU übernommen worden sind, haben die ISA derzeit demzufolge noch keine unmittelbare Rechtswirkung für deutsche Abschlussprüfungen. Da auch wohl auf absehbare Zeit keine Übernahme der ISA zu erwarten ist, ergeben sich für Abschlussprüfer gleichwohl materielle Änderungen dadurch, dass der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer sich für nach dem 15.12.2017 beginnende Gj dazu entschieden hat, keine Tran...

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