Abschreibung nach Handels- ... / 2.2.1 Nutzungsdauer wird geschätzt

Die Nutzungsdauer von abnutzbaren Vermögensgegenständen wird vor allem durch die laufende Abnutzung und den technisch-wirtschaftlichen Fortschritt bestimmt. Daraus ergeben sich erhebliche Unsicherheiten, die eine exakte Vorausbestimmung der Nutzungsdauer nicht zulassen. Soweit es Anlagen sind, die relativ häufig angeschafft oder hergestellt werden, liegen Erfahrungswerte aus der Vergangenheit vor, wie sie sich z. B. in Lebensdauerstatistiken oder auch in den amtlichen AfA-Tabellen der Finanzverwaltung niederschlagen. Für einen Geschäfts- oder Firmenwert ist in § 7 Abs. 1 Satz 3 EStG eine steuerrechtliche Nutzungsdauer von 15 Jahren sogar gesetzlich geregelt.

Dagegen kann die bilanzpolitisch nutzbare Bandbreite für die Nutzungsdauerschätzung in folgenden Fällen besonders groß sein:

  • betriebsindividuelle Spezialanlagen,
  • komplexe, sich aus vielen Einzelaggregaten zusammensetzende Fertigungs- und Transportanlagen, bei denen es zweifelhaft ist, wie die unterschiedlichen Nutzungsdauern der Einzelaggregate die Nutzungsdauer der Gesamtanlage beeinflussen,
  • technisch neuartige Anlagen,
  • Reserveanlagen und vorübergehend stillgelegte Anlagen.

Die in der amtlichen AfA-Tabelle ausgewiesenen Nutzungsdauern dienen als Anhaltspunkte. Da die AfA-Tabelle auf den Erfahrungen der steuerlichen Betriebsprüfung beruht und unter Mitwirkung der Fachverbände der Wirtschaft erstellt wurde, besitzt sie eine relativ starke Indizwirkung. Branchenübliche Besonderheiten, wie z. B. der Mehrschichteinsatz, der Einfluss von Nässe, Säuren und Umwelteinflüssen, sind in der AfA-Tabelle regelmäßig bereits berücksichtigt.

 

Praxis-Tipp

Abweichende Nutzungsdauer muss begründet werden

Wenn von den Werten der amtlichen AfA-Tabelle abgewichen werden soll, müssen die Gründe für die Annahme einer kürzeren Nutzungsdauer ausreichend glaubhaft gemacht werden. Dabei sind

  • betriebsinterne Erfahrungswerte aus der Vergangenheit,
  • Vergleichswerte aus anderen Unternehmen oder
  • Erhebungen zu Gebrauchtgerätepreisen

gute Argumente. Auch Erkenntnisse der Fachverbände und Finanzierungsunterlagen können Aufschluss über branchen- oder betriebsbezogene Besonderheiten geben. Eine saubere Dokumentation ist somit im Rahmen einer Diskussion mit dem Finanzamt – zumal im Rahmen einer steuerlichen Außenprüfung – unerlässlich.

In der folgenden Übersicht finden sich Argumente, mit denen eine Abweichung von der amtlichen AfA-Tabelle begründet werden kann.

 
Sachverhalt Argumente
Technische ­Eigenschaften des ­Anlageguts

Konstruktion und technische Eigenschaften sind atypisch, woraus sich im Vergleich zur AfA-Tabelle eine verringerte Nutzungsdauer ableitet.

Mängel oder unbeabsichtigte Abweichungen von der Norm.
Umweltbedingungen während des ­Gebrauchs der Anlage

Die Anlage ist "Wind und Wetter" ausgesetzt, während Anlagen dieser Art normalerweise vor Witterungseinflüssen geschützt sind.

Über das Normalmaß hinausgehende Einwirkungen von Abgasen, Staub, Temperatureinflüssen, Feuchtigkeit und Erschütterungen.

Von der Anlage selbst gehen Umweltbelastungen aus, sodass in absehbarer Zeit mit einer Stilllegung oder zumindest mit Nutzungsbeschränkungen zu rechnen ist, die zu einer vorzeitigen Beendigung der Verwendung im Betrieb führen.
Art und Weise der ­Nutzung

Branchenuntypische chemisch aggressive Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe greifen die Anlage ganz besonders an.

Die Anlage ist besonders häufig Druck-, Temperatur- und Geschwindigkeitsveränderungen unterworfen. Evtl. Grund dafür: Der Produktionsprozess wird häufig unterbrochen, z. B. wegen kleiner Auftragsgrößen.
Lebensdauer­statistiken In den Tabellen und Statistiken zeigt sich eine breite Streuung der vorkommenden Nutzungsdauern, sodass der vorsichtig bilanzierende Kaufmann eine Nutzungsdauer unterhalb des arithmetischen Mittels ansetzen sollte.
Wirtschaftliche und rechtliche Faktoren Das Risiko von Bedarfsverschiebungen auf den zugehörigen Absatzmärkten ist besonders groß, sodass mit einer kürzeren Nutzungsdauer zu rechnen ist. Das betrifft vor allem Anlagen, die nur schlecht auf andere Verwendungszwecke umgestellt werden können.
 

Der technische Fortschritt auf dem betreffenden Gebiet ist rasant. Deshalb muss damit gerechnet werden, dass die Anlage aus wirtschaftlichen Gründen, d. h. ohne Rücksicht auf ihre technische Abnutzung, ersetzt werden muss, weil modernere Anlagen große Vorteile in Bezug auf Qualität und Quantität ihrer Leistungen und im Hinblick auf die Betriebskosten aufweisen.

Aus rechtlichen Gründen ergibt sich eine kürzere Nutzungsdauer, z. B. bei einer zeitlich begrenzten öffentlich-rechtlichen Betriebserlaubnis.

Checkliste 2: Argumente für kürzere Nutzungsdauern

Bei selbstgeschaffenen immateriellen Vermögensgegenständen, deren Nutzungsdauer nicht verlässlich geschätzt werden kann, sind nach § 253 Abs. 3 Satz 3 HGB i. d. F. des BilRUG die Abschreibungen über einen Zeitraum von 10 Jahren vorzunehmen. Dieser Abschreibungszeitraum ist nach § 253 Abs. 3 Satz 4 HGB ab Erwerb in nach dem 31.12.2015 beginnenden Geschäftsjahren auch zwingen...

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