19.04.2016 | Top-Thema Betriebsprüfung: Prüfungstechniken und Branchenbesonderheiten

Klassische und neue Prüfungstechniken

Kapitel
Klassische und neue Prüfungstechniken bei Kontrolle der von Unternehmen selbst berechneten Bemessungsgrundlagen
Bild: Michael Bamberger

Aufgabe der Außenprüfung ist es, die von Unternehmen selbst berechneten steuerlichen Bemessungsgrundlagen zu kontrollieren. Im 1. Kapitel geben wir einen Überblick über die klassischen und neuen Prüfungstechniken.

Ziel ist die periodengerechte Besteuerung. Dazu gilt es

  • den Gewinn mithilfe der Bilanzposten bzw. Betriebseinnahmen und -ausgaben Jahr für Jahr genau festzustellen,
  • die Höhe des betrieblichen Kapitals zu ermitteln,
  • Betriebs- und Privatbereich voneinander abzugrenzen,
  • Umsätze und Vorsteuern zu berechnen und
  • sonstige steuerrelevante Vorgänge (z. B. Schenkungen) zu erkennen und steuerlich auszuwerten.

Um diese richtige periodengerechte Besteuerung überprüfen zu können, steht den Steuerprüfern eine Vielzahl von Prüfungstechniken zur Verfügung, die in drei Kategorien eingeteilt werden können:

  • Klassische Prüfungstechniken,
  • neue Prüfungstechniken (EDV) und
  • Prüfung von Branchenbesonderheiten.

Je nach betrieblichen Gegebenheiten wird der Betriebsprüfer aus den nachfolgend genannten Prüffeldern einzelne herausgreifen und schwerpunktmäßig abprüfen.

Klassische Prüfungstechniken

Hier geht es um die Entscheidung, ob Zahlungen zu einer Bilanzierung, Betriebsausgaben oder Betriebseinnahmen führen, betrieblich oder privat veranlasst sind und welche steuerlichen Folgen sich daraus ergeben.


Prüffelder Buchführung

ThemaPrüffeld
Bilanz
Anlagen

Investitionsabzugsbetrag, Bildung und Übertrag von 6b-Rücklagen, Investitionszulagen.

Immaterielle WirtschaftsgüterBilanzierung und Abschreibung von Homepage, Domain, Software, Kundenstamm, steuerliches Bilanzierungsverbot für selbst erstellte immaterielle WG.
Unbewegliche Sachanlagen

Bilanzierung von "Ehegattengrundstücken", Drittaufwand, Arbeitszimmern, Wohnungen, notwendiges oder gewillkürtes Betriebsvermögen, Anschaffungsnahe Aufwendungen,

Abgrenzung von Grund und Boden – Gebäude – Außenanlagen.

Bewegliche SachanlagenBilanzierung und Abschreibung von Maschinen und Anlagen sowie insb. privatgenutzten PKWs.
FinanzanlagenNotwendiges Betriebsvermögen?
Vorräte, Waren

Erfassung von Außenlagern, Kommissionslagern, Warenbewertung (Skonti, Rabatte, Verbrauchsfolgen Lifo etc.),

Bewerten von halbfertigen und fertigen Produkten.

ForderungenDelkredere, Forderungsausfälle.
Finanzkonten

Abstimmung von Banksalden,

Kassenbücher, Tagessummenbonds, Aufzeichnungen elektronischer Kassen, Verprobungen.

Aktive RechnungsabgrenzungJahresübergreifende Zahlungen an Versicherungen, von Beiträgen und Wechselzinsen.
Rückstellungen, VerbindlichkeitenPrüfen der Höhe dem Grunde nach, Abzinsung bei unverzinsten Passiva mit einer Restlaufzeit von mehr als einem Jahr.
GuV
AufwandspostenDurchsicht nach aktivierungspflichtigen Positionen bzw. privat veranlassten Aufwendungen.
LöhnePrüfung von Arbeitsverhältnissen mit nahestehenden Personen (z. B. Ehegatten, Kinder, etc.).
Wareneinkauf, ErlöseVerprobung des Rohaufschlages
Privatkonto
GeldverkehrsrechnungKonnte der Lebensunterhalt mit den gebuchten Entnahmen und sonstigen Geldzuflüssen gedeckt werden?
Private Aufwendungen
  • Wurden alle privaten Nutzungen (z. B. Kfz-Nutzung, Strom, Wasser, Heizung, Wohnung) korrekt erfasst?
  • Wurden Anlagenabgänge privat entnommen?
  • Sind Aufwandsposten privat veranlasst?

Tabelle: Prüffeld Buchführung

Neben der Buchführung bzw. Einnahmenüberschussrechnung gilt es noch diverse gesetzliche Normen zu beachten:

Prüfungsansätze Einzelsteuergesetze

ThemaPrüffeld
Einkommensteuer
  • Wurden alle nichtabzugsfähigen Betriebsausgaben richtig verbucht und dem Gewinn außerbilanziell wieder hinzugerechnet?
  • Führten handelsrechtliche Bilanzierungswahlrechte zu steuerlichen Aktivierungspflichten bzw. Passivierungsverboten?
  • Liegt ein Fall der Verlustabzugsbeschränkung nach § 15a EStG vor?
Körperschaftsteuer
  • Verdeckte Gewinnausschüttungen,
  • Steuerfreistellung bei erhaltenen Ausschüttungen,
  • Abzugsverbot von Beteiligungsverlusten,
  • Kapitalertragsteuer.
Gewerbesteuer
  • Abgleich des steuerlichen Gewinns ESt/KSt mit dem erklärten Gewinn aus Gewerbebetrieb,
  • Hinzurechnungen,
  • Kürzungen.
Umsatzsteuer
  • Steuerfreie Umsätze (EU, Drittland),
  • ermäßigt besteuerte Umsätze,
  • Leistungsempfänger als Steuerschuldner (13b-Fälle),
  • Vorsteuerabzug, EUSt, Zölle,
  • Vorsteuerberichtigung nach Nutzungswechsel.

Tabelle: Prüfungsansätze Einzelsteuergesetze

Liegen besondere Fallgestaltungen vor, sind weitere Themen interessant:

Besondere Fallgestaltungen

ThemaPrüffeld
AnpassungenÜbergang von der Handels- zur Steuerbilanz
Betriebsaufspaltung

Erkennen der Betriebsaufspaltung und Bilanzierung der Wirtschaftsgüter,

Aufdeckung der stillen Reserven bei Wegfall der Betriebsaufspaltung.

Höhe der Pachtentgelte.

Gewerblich geprägte PersonengesellschaftVermeidung der Aufdeckung stiller Reserven
Personengesellschaft

Sonderbetriebsvermögen, Ergänzungsbilanzen,

Abstimmung mit Verlustabzugsbeschränkung.

Gesellschafterwechsel, Unternehmensverkauf

Mitnahme bzw. Wegfall von Verlustvorträgen, Umsatzsteuerfreiheit, Vorsteuerberichtigungen, Grunderwerbsteuer 95 %-Grenze,

Erbschaft- und Schenkungssteuer.

AuslandssachverhalteVerrechnungspreise, Abzugsbeschränkung von Aufwendungen, sofern sie mit nicht in Deutschland versteuerten Erträgen zusammenhängen, Umsatzsteuer(-befreiungen).

Tabelle: Besondere Fallgestaltungen

Neue Prüfungstechniken

Seit Einführung des digitalen Datenzugriffs (Abgabenordnung 2004) ist es der Finanzverwaltung gestattet, direkt auf die elektronischen Daten des zu prüfenden Unternehmens zuzugreifen.

Der Zugriff betrifft nicht nur die Finanz- und Anlagenbuchhaltung, sondern umfasst auch Daten aus den sog. "Vorsystemen" wie Warenwirtschaftssystem, Kassensystem, Auftragsabwicklung etc.

Sämtliche steuerrelevanten elektronischen Daten sind unveränderbar aufzubewahren. Dabei ist es unbeachtlich, ob die Daten im Unternehmen generiert wurden (z. B. Buchführung) oder von außen in die betriebliche Sphäre gelangten (z. B. elektronische Bankauszüge). Im Extremfall kann es bei Verstößen zur vollständigen Verwerfung der Buchführung und anschließenden Vollschätzung kommen. Der BMF hat sich dazu ausführlich in einem BMF-Schreiben (BMF, Schreiben v. 14.11.2014, IV A 4 – S 0316/13/10003, BStBl 2014 I S. 1450) geäußert. In Bezug auf diese neuen digitalen Daten haben sich auch neue Prüffelder und –methoden entwickelt:

Digitale Prüfungstechniken

PrüffeldErläuterung
SortiervorgängeDaten können leicht nach bestimmten Kriterien sortiert und geprüfte werden (z. B. Sortierung nach Umsatzsteuerschlüssel, Betrag, Inland, Ausland, Geschäftsfreunde-Gruppen, Umsätze einzelner Kassen).
FiltervorgängeFiltern nach Betrag, Zahlungen außerhalb einer bestimmten Periode, etc.
ZeitreihenvergleichGegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben in bestimmten Zeitperioden (Tag, Woche, Monat, Jahr)
DoublettenAuffinden von mehrfach gebuchten Vorgängen
LückenanalyseAuffinden fehlender Nummern in bestimmten Abrechnungskreisen

Tabelle: digitale Prüfungstechniken

Vertiefende Informationen zum Thema Branchenbesonderheiten bei der Betriebsprüfung:

>Außenprüfung: Baubranche

>Außenprüfung: Gastronomiegewerbe

>Außenprüfung: Maritime Wirtschaft

 

Schlagworte zum Thema:  Betriebsprüfung, Bemessungsgrundlage, Außenprüfung

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