19.04.2016 | Top-Thema Betriebsprüfung: Prüfungstechniken und Branchenbesonderheiten

Branchenbesonderheiten bei Bau, Gastronomie und Kfz-Handel

Kapitel
In den Branchen Bau, Gastronomie und Kfz-Handel gelten Besonderheiten.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die Betriebsprüfung wird immer darauf achten, ob branchenspezifische Besonderheiten vorliegen und diese in ihre Prüfung mit einbeziehen. Dazu werden entweder bestimmte der Prüffelder intensiv geprüft oder der Branche angepasst. Kapitel 2 stellt beispielhaft anhand der Branchen Bauunternehmen, Gastronomie und Kfz-Handel das Vorgehen der Betriebsprüfung dar. Selbstverständlich gelten die Ausführungen auch bei ähnlich strukturierten Betrieben.

Bauunternehmen

Die Familie der Bauunternehmen umfasst grundsätzlich den Hoch- und Tiefbau. Als Nebengewerbe können Gerüstbau sowie das Maler- und Lackiererhandwerk genannt werden; verwandte Berufe sind Architekten und Bauingenieure.

Bauunternehmen
Bilanzierung

Um einen besseren Überblick über den Stand der geschäftlichen Vorgänge zu erlangen, wird oftmals ein abweichendes Wirtschaftsjahr gewählt. Dies ist bei bilanzierenden Unternehmen grundsätzlich möglich, führt jedoch zu Mehraufwand, wenn das Jahresergebnis (Wirtschaftsjahr) mit der Umsatzsteuer (Kalenderjahr) abgeglichen werden soll.

Einen besonderen Stellenwert nimmt bei Bauunternehmen die Erfassung und Bewertung der teilfertigen Arbeiten ein: Grad der Fertigstellung, drohende Verluste; damit zusammenhängend die Problematik der Rückstellungen für Garantieeinbehalte und ggf. deren Abzinsung.

Prüfungsschwerpunkt kann auch die Behandlung von Vorratsgrundstücken im Privat- oder Betriebsvermögen bzw. als Umlauf- oder Anlagevermögen mit den entsprechenden unterschiedlichen Vorsteuerregelungen sein.

Bei Gerüst- und Schalungsteilen wird oft ein Festwert gebildet; hier muss eine Abgrenzung zu geringwertigen Wirtschaftsgütern (GWG) erfolgen.

Einkommensteuer/GewerbesteuerEinkommensteuerlich fallen Bauleistungen unter Einkünfte aus Gewerbebetrieb und lösen Gewerbesteuer aus. Architekten und Bauingenieure sind Freiberufler und erzielen grundsätzlich Einkünfte aus selbstständiger Arbeit, welche gewerbesteuerfrei sind. Fraglich ist hier, ob die "Architekten-Umsätze" von den Bauleistungen getrennt werden können oder mit der Gewerbesteuerpflicht der Bauleistungen "infiziert" sind. Weitere Themen sind die Bauabzugssteuer bei eingekauften Leistungen und das Vorliegen von Freistellungsbescheinigungen.

Umsatzsteuer

Abweichend von den "Regelumsätzen" wird bei Grundstücksumsätzen und Bauleistungen unter bestimmten Umständen die Steuerschuld auf den Leistungsempfänger verlagert.

Leistungen an private bzw. öffentlich rechtliche Auftraggeber oder Unternehmer führen zu unterschiedlichen Orten der Leistung. Auch die Umsatzsteuerfreiheit bei Umsätzen mit Grundstücken kann eine Rolle spielen. Welcher Umsatz wird getätigt: Lieferung, Werkleistung, sonstige Leistung?

Subunternehmen

Wie erfolgt die Abrechnung, welche Auflagen sind zu beachten? Ebenso spielen umsatzsteuerliche Besonderheiten bei Sachverhalten mit Auslandsbezug eine Rolle.
Arbeitnehmer/ArbeitnehmerüberlassungThemen sind hier Abrechnung und Bilanzierung von Wintergeld, Winterausfallgeld und Ansprüchen aus bzw. von Zusatzversorgungskassen sowie Vorruhestandsregelungen. Seit 2015 müssen zusätzlich die Anforderungen des Mindestlohngesetzes beachtet werden. In diesem Zusammenhang spielen auch Rückstellungen für Haftungsfragen im Subunternehmerbereich eine Rolle.

Kalkulationsmethode

Abstimmung der Lieferorte bei Warenbezug mit den verbuchten Baustellen; Ermittlung des Fertigstellungsgrades anhand der Kostenstellenrechnung.

Gastronomie

Besonderes Augenmerk legt die Betriebsprüfung seit je her auf bargeldintensive Betriebe. Dies sind im Groben Bäckereien, Metzgereien und Gaststätten. Die Umsätze werden hier fast ausschließlich bar abgerechnet. Meist werden bei einem Geschäftsvorgang Umsätze mit verschiedenen Steuersätzen erzielt. Eine Kalkulation wird durch Eigenverbrauch und Verderb erschwert. Saisonale Schwankungen und häufiger Wechsel von geringfügig beschäftigten Arbeitnehmern sind zu beachten. Diese Problematiken treten am häufigsten und komplexesten in der Gastronomie auf.

Gastronomie
BetriebsformenIn den letzten Jahren hat sich das Gaststättengewerbe in Deutschland stark verändert. Neben der reinen "Deutschen Küche", "US-Burger" und italienischer Pizza sind viele weitere Spezialitäten hinzugekommen: griechische, türkische, chinesische, indische und sonstige asiatische Küchen. Auch die Art und Weise der Speisen- und Getränkeabgabe hat sich diversifiziert: Speisegaststätte, Erlebnisgastronomie, Cateringservice einerseits, Bierlokal, Imbisswagen, Dönerbude etc. andererseits. Zu beachten sind auch gastronomische "Nebenbetriebe", wie Café in der Bäckerei, Mittagstheke beim Metzger oder Essen und Trinken im Möbelhaus. Die "Klassiker" Hotel- und Gaststättengewerbe sowie Fest- und Zeltbetriebe runden das Umfeld ab.
KalkulationBei jeder Kalkulation sind diese o. g. Besonderheiten in der Betriebsform zu berücksichtigen. Zunächst müssen Wareneinsatz, Personalkosten und Umsätze dem jeweiligen Geschäftsbereich zugeordnet werden. Die Anteile der Umsätze im und außer Haus sowie das Verhältnis Getränke zu Speisen sind zu ermitteln. Sodann müssen Verderb, Personalverpflegung und Eigenverbrauch berücksichtigt werden. Anhand der im Betrieb verwendeten Rezepturen und Abgabepreise wird dann eine Aufschlagskalkulation erstellt. Zum Schluss findet eine Abstimmung mit den Daten der meist elektronischen Kasse bzw. verbuchten Einnahmen statt.
AufzeichnungenUm eine Verprobung durchführen zu können, wird das Finanzamt folgende aufbewahrungspflichtige Unterlagen anfordern: Wareneingang, Lohnkonten, Aufzeichnungen nach dem Mindestlohngesetz (ab 2015), Speisekarten, Rezepturen, Unterlagen zu Länge und Reinigung der Bierleitung.
Kassensystem

Die alten Einnahmeerfassungssysteme (Schub, Geldbeutel, Registrierkasse, Kassenbuch) sind kaum mehr anzutreffen. Sie wurden durch elektronische Kassen, PC-Kassen und "Orderman" (Smartphone als Bestell- und Abrechnungsmedium) ersetzt. Sie bieten eine große Bandbreite an Eingabe- und Auswertungsmöglichkeiten: Sofortige Zuordnung eines Umsatzes zu "in" bzw. "außer Haus", Ermittlung von Umsätzen pro Tisch, zu gewisser Uhrzeit, bei bestimmtem Wetter, pro Kellner(in). Im Zusammenspiel mit Wareneinsatz werden Umsatzrenner oder Aufschlagsflops ermittelt. Die Bestellmenge für den Wareneinkauf kann vorausberechnet, die körperliche Inventur mit der Buchinventur abgeglichen werden.

Auch der Fiskus wird darauf zurückgreifen. Problematisch ist hier die gesetzlich vorgeschriebene "Unveränderbarkeit" der Daten, die bei jedem Kassensystem wesentlicher Bestandteil für die Beweiskraft der Buchführung ist.

Sonstige UmsatzträgerZusätzlich zum reinen Gastronomiebetrieb kommen unter Umständen noch Umsätze aus Automaten (z. B. Zigaretten) oder Veranstaltungen (Theater, Musik, Kabarett) hinzu.
Umsatzsteuer

Bei der Umsatzsteuer unterliegen Umsätze in der Gastwirtschaft dem vollen, die Lieferung von Speisen außer Haus dem ermäßigten Steuersatz. Hierauf wird die Außenprüfung ein gewichtiges Augenmerk legen. Zu beachten ist z. B., dass die meisten Getränke grundsätzlich dem vollen Steuersatz unterliegen – auch wenn sie "außer Haus" verkauft werden.

Kfz-Handel

Neu- und Gebrauchtwagen, Jahreswagen, Reimporte, Reparaturen, Markenbindung, bargeldintensiv, Konkurrenz aus dem Internet sind die Schlagworte dieser Branche.

Kfz-Handel
Betriebsform

Heute erscheint eine Unterscheidung in drei Klassen sinnvoll:

  • Markengebundener Händler mit Neu- und Gebrauchtwagen sowie Reparatur,
  • reiner Gebrauchtwagenhändler vor Ort,
  • Internethändler (Verkauf von ehemaligen Leasingfahrzeugen, Reimporten, etc.).

Je nach Kategorien stehen bestimmte Prüffelder im Fokus.

Markengebundener Händler

Themen sind hier

  • die Bewertung und Aktivierung von Vorführwagen bzw. Zuordnung der Fahrzeuge zum Umlaufvermögen,
  • die Abgrenzung der Reparatur zu den Verkaufsumsätzen und damit zusammenhängende Gewinne oder Verluste aus Differenzbesteuerung (s. u.),
  • Rabatte, Incentives der Autohersteller.

Reiner Gebrauchtwagenhändler vor Ort
  • Differenzbesteuerung (s. u.)

Internethändler

  • Auswertung der Internetaktivitäten,
  • Umsatzsteuer beim Reimport.
Relevante Prüfungspunkte für alle Kfz-Händler
  • Höchst komplex ist die grenzüberschreitende Fahrzeuglieferung geregelt. Hier gilt es zur Sicherung der Umsatzsteuerfreiheit die richtigen Belegnachweise vorzuhalten.
  • Differenzbesteuerung: Erwirbt der Händler Fahrzeuge von Privatpersonen ohne Vorsteuerabzug, wird die Umsatzsteuer beim Verkauf nur aus dem Differenzbetrag zwischen Verkaufs- und Einkaufspreis berechnet. Bei Verlusten fällt keine Umsatzsteuer an.
  • Altteile: Hier sind umsatzsteuerliche Besonderheiten hinsichtlich "Austauschteilen" zu beachten.
  • Nebengeschäfte: Weitere Prüffelder können Verschrottungserlöse-/aufwendungen sowie die Vermittlung von Haftpflicht- oder Garantieversicherungen sein.
  • Kalkulationsform: Abstimmung der Einkäufe, Verkäufe und Bestände anhand der Fahrgestellnummern

Vertiefende Informationen zum Thema Branchenbesonderheiten bei der Betriebsprüfung:

>Außenprüfung: Baubranche

>Außenprüfung: Gastronomiegewerbe

>Außenprüfung: Maritime Wirtschaft

 

Schlagworte zum Thema:  Betriebsprüfung, Bemessungsgrundlage, Außenprüfung

Aktuell

Meistgelesen