08.04.2014 | Top-Thema Bilanzbuchhalterprüfung: Missstände

Maßnahmen zur Behebung der unterschiedlichen Bestehensquoten

Kapitel
Bild: Haufe Online Redaktion

In unserem 4. Teil zeigen wir, welche Reformen oder Änderungen hierfür fokussiert werden müssten.

Anlehnung an das Verfahren beim Zentralabitur in Baden-Württemberg

Zum Zentralabitur in Baden-Württemberg wird in Wikipedia ausgeführt:

„Die Korrektur erfolgt in Baden- Württemberg in drei Durchgängen. Die Erstkorrektur findet durch die Fachlehrkraft anhand des vorgegebenen Lösungshinweises statt, wobei auch, wieder nach Fächern verschieden, die Punkteverteilung vorgegeben ist. Die Arbeiten werden von der Schulleitung kodiert und damit anonymisiert. Die Oberschulämter verteilen dann die Arbeiten anonym zur Zweitkorrektur an jeweils andere Schulen. Erst- und Zweitkorrektor vermerken ihre Punkte nicht in den Arbeiten, sondern auf einem gesonderten Formular, wobei der Zweitkorrektor die Punkteverteilung und Gesamtpunktzahl des Erstkorrektors nicht erfährt. Die Klausuren gehen an die Oberschulämter zurück und von dort an anonyme Drittkorrektoren, in der Regel Fachberater beziehungsweise Fachabteilungsleiter (A 15). Diese erhalten auch die Ergebnisse der Erst- und Zweitkorrektur. Sie legen schließlich die Noten endgültig fest, wobei sie sich im Regelfall nur zwischen den Noten der Erst- und Zweitkorrektur bewegen dürfen. Zwischen den Korrektoren der drei Durchgänge gibt es keinerlei Kommunikation. Der Erstkorrektor erfährt vor der mündlichen Abiturprüfung das Endergebnis, jedoch keinerlei Hinweise, worauf eventuelle Abweichungen von seiner Note beruhen.“

Die Industrie- und Handelskammern sollten sich bei der Bilanzbuchhalterprüfung dazu entschließen, ein solches oder ähnliches Verfahren bei der Korrektur der Prüfungsarbeiten anzuwenden. Damit würde sichergestellt, dass die Prüfungsarbeiten leistungsgerecht beurteilt werden.

Es sollte sachlich, fachlich und prüfungsmethodisch geschultes Personal bei den Korrekturen eingesetzt werden; die Besetzung mit überwiegend ehrenamtlichen Kräften ist zu überdenken.

 

Abschaffung der detaillierten Punktevorgabe in den Lösungshinweisen der IHK

In den Lösungshinweisen der IHK zu den Prüfungsaufgaben werden sehr detaillierte Punktvorgaben zu jedem Lösungselement gemacht. Die Korrektoren suchen dann nach diesen Lösungselementen und ordnen demgemäß Punkte zu oder auch nicht.

Der Nachteil dieser detaillierten Punktvorgabe ist, dass es oft gar nicht möglich ist, eine Lösung in Lösungselemente mathematisch aufzuteilen.

Beispiel für das Problem der detaillierten Punktevergabe der IHK

Ein Beispiel von sehr vielen ist der Sachverhalt 1 aus der Aufgabe 1 im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ aus dem Frühjahr 2012.

Der Sachverhalt lautete: Die Baumann GmbH stellt allen auf den Baustellen eingesetzten Arbeitnehmern Sicherheitsschuhe und Schutzhelme. Im Einkauf kostet das Paar Schuhe 75 € netto und ein Sicherheitshelm 25 € netto. Im Mai 2011 wurden 450 Sicherheitspakete (Schuhe und Helme) zusätzlich zum ohnehin geschuldeten Arbeitslohn kostenlos an die Mitarbeiter ausgegeben.

Bearbeitungshinweis: Beurteilen Sie den Sachverhalt im Hinblick auf die lohnsteuerlichen Auswirkungen.

Lösung: Die unentgeltliche Überlassung von Berufskleidung stellt Arbeitslohnim Sinne des § 8 Abs. 2 Satz 1 EStG i.V.m. § 2 Abs. 1 LStDV dar. (1 Punkt)

Die unentgeltliche Überlassung typischer Berufskleidung ist steuerfrei, § 3 Nr.31 EStG. (1 Punkt)

Für diesen Fall sind die Steuerbarkeit und die Steuerfreiheit mit jeweils 1 Punkt vorgesehen, d.h. es erfolgt eine Aufteilung im Verhältnis 50:50. Das ist nicht angemessen, denn die weitaus wichtigere Feststellung ist als Ergebnis die Steuerfreiheit.

Wenn nämlich die Steuerfreiheit festgestellt wird, so ergibt sich daraus, dass der Vorgang auch steuerbar war, ohne dass das besonders erwähnt werden müsste. Man mag darüber streiten, ob die Feststellung der Steuerfreiheit 90 % oder etwas weniger oder mehr von der Lösung ausmacht.

Jedenfalls ist das Verhältnis 1:1 unangemessen. Es ist bekannt, dass Prüfungskandidaten, die die Steuerbarkeit nicht erörtert haben, ein Punkt, also die Hälfte, abgezogen wurde. Das wird der Prüfungsleistung nicht gerecht und führt in der Summe dazu, dass die Arbeiten mit einer zu schlechten Note versehen werden.

Auch wenn Lösungsweg abweicht kann dieser richtig sein!

Sehr oft bringen Prüfungskandidaten eine Lösung, die vom Lösungshinweis abweicht, aber doch vertretbar oder sogar richtig ist. Dann wird das wegen der detaillierten Punktevorgabe nicht oder nicht ausreichend gewürdigt. Mit dem Lösungshinweis nicht übereinstimmende, aber folgerichtige Lösungen werden wegen der detaillierten Punktevorgabe oft nicht richtig gewürdigt. Allzu oft wird festgestellt, dass die Punktevergabe schablonenhaft, genau nach der im Lösungshinweis vorgegebenen Punktzahl, erfolgt. Es wird überprüft, ob die Formulierungen und Berechnungen exakt mit dem Lösungsvorschlag übereinstimmen.

Ist das nicht der Fall, so werden das führt dazu, dass die Leistungen der Prüfungskandidaten in der Tendenz schlechter beurteilt werden, als sie es in Wirklichkeit sind. Die detaillierte Punktevorgabe ist ein Korsett, das auf die unterschiedlichen individuellen Lösungen der Prüfungsteilnehmer nicht passt, und deshalb für die Beurteilung des Leistungsvermögens ungeeignet ist. Aus diesen Gründen sollte in Zukunft die detaillierte Punktevorgabe entfallen. Jede Aufgabe bzw. jeder Aufgabenkomplex (unterschiedliche Sachverhalte in Aufgaben) sollte mit einer Gesamtpunktzahl versehen werden.

Die Korrektoren haben dann zu beurteilen, ob die Lösung der Prüfungskandidaten zu einem Gesamtkomplex die Note sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft oder ungenügend verdient hat. Danach wären die Punkte prozentual entsprechend dem Punkteschema in der Skala bis

100 zu vergeben.

Multiple Choice-Aufgaben

Im Hinblick auf die Probleme einer leistungsgerechten Beurteilung von Prüfungsarbeiten sollte ein nicht geringer Teil der Prüfungsarbeiten im Multiple Choice-Verfahren gestellt werden. Dieser Vorschlag wurde bereits publiziert. Dem für die Aufgabenstellung zuständigen DIHK ist dringend zu empfehlen, dieses Verfahren in die Prüfungsaufgaben für Bilanzbuchhalter einzubringen.

100% bestandene Prüfung – auch nicht normal

Bei einigen IHK betragen die Bestehensquoten 100 % oder nahezu 100 %. Auch das ist zu kritisieren, weil nicht anzunehmen ist, dass die Prüfungsteilnehmer an diesen Orten einen höheren Wissensstand als woanders haben. Den Prüfungsausschüssen dieser Kammern ist zu empfehlen, strengere Maßstäbe bei der Korrektur der Prüfungsarbeiten anzulegen, denn die Unternehmer, die beabsichtigen, Bilanzbuchhalter mit bestandener Prüfung einzustellen, müssen sich darauf verlassen können, dass diese nach bestandener Prüfung entsprechende Kenntnisse aufweisen. Bei einer Bestehensquote um die 100 % ist das nicht gewährleistet.

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Schlagworte zum Thema:  Bilanzbuchhalterprüfung, Bilanzbuchhalter

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