08.04.2014 | Top-Thema Bilanzbuchhalterprüfung: Missstände

Gründe für zu schlechte Prüfungsergebnisse

Kapitel
Bild: Haufe Online Redaktion

Im zweiten Teil unseres Top-Themas zeigen wir die Gründe für die schlechten Prüfungsergebnisse auf. Für die Gründe werden i.d. Regel jeweils eine Beispielaufgabe herangezogen.

Grund 1: Schablonenhafte Korrektur der Prüfungsarbeiten

Die Lösungshinweise der IHK zu den Aufgaben werden in viele Lösungselemente aufgeteilt und jedem Lösungselement werden Punkte – sehr oft nur einer – zugeordnet. Offenbar geschieht das mit der Absicht, eine solche vorgegebene „Schablone“ könne zu einer besonders guten und genauen Beurteilung der Prüfungsleistungen führen.

Diese gut gemeinte Absicht wird aber gerade nicht erreicht. Die Korrektoren suchen nach genau diesen Berechnungen und Ausführungen der Lösungshinweise in den Arbeiten der Prüfungsteilnehmer. Da aber die Denkweise, der Aufbau und die Ausdrucksweise der Prüfungsteilnehmer unterschiedlich sind, finden die Korrektoren die genauen Vorgaben der Lösungshinweise nicht und vergeben schon deshalb zu wenig Punkte. Das führt dann häufig zu einer viel zu schlechten Beurteilung.

Praxis-Beispiel zur schablonenhaften Korrektur

Im Fach „Erstellen von Abschlüssen nach internationalen Standards - Grundlagenteil“ im Frühjahr 2012 lautete Aufgabe 4:

Die Anton AG hat am 1. Dezember 2009 ein Gebäude erworben. Die Anschaffungskosten des Gebäudes betrugen einschließlich einzeln zugeordneter Anschaffungsnebenkosten 10.570.000 € und wurden per Bank bezahlt. Das Gebäude dient als Kapitalanlage und wird an andere Unternehmen vermietet. Die voraussichtliche Nutzungsdauer beträgt 35 Jahre. Zum 31. Dezember 2009 betrug der Marktwert 10.570.000 €. Zum 31. Dezember 2010 war der Marktwert für das Gebäude auf 11.000.000 € gestiegen. Zum 31. Dezember 2011 ist der Marktwert des Gebäudes auf 8.500.000 € gesunken. Alle anderen Immobilien nutzt die Anton AG selbst.

Bearbeitungshinweise:

Hier sind die Bearbeitungshinweise a), b), c), und e) für die zu diskutierende Problematik ohne Bedeutung; d) lautete:

d) Stellen Sie die wesentlichen Merkmale der Folgebewertung nach dem Modell des beizulegenden Zeitwertes dar und ermitteln Sie die Bilanzwerte zum 31. Dezember 2009, 2010 und 2011. Geben Sie alle Buchungssätze an. (12 Punkte) Begründen Sie Ihre Aussage jeweils mit den IFRS-Vorschriften.

Hinweis: Latente Steuern sind nicht zu berücksichtigen.

Die Lösung der IHK zu d) lautete für den 31.12.2009: Zum 31. Dezember 2009: Der Marktwert beträgt 10.570.000 €. Es ist keine Buchung vorzunehmen. (2 Punkte)

Der Prüfungskandidat hat ebenfalls keine Buchung vorgenommen. Es wurde ihm von den hierfür vorgesehenen 2 Punkten keiner gegeben. Im Widerspruch wurde dargelegt, dass die zwei Punkte gegeben werden müssen, weil richtigerweise keine Buchung vorgenommen wurde. Dazu heißt es im ablehnenden Widerspruchsbescheid: „Hier war die ausdrückliche Antwort erforderlich, dass keine Buchung notwendig ist. Wenn darauf nicht eingegangen wird, ist die Aufgabe nicht bearbeitet.“

Wenn die Angelegenheit für den Betroffenen nicht so traurig wäre, müsste man zu dieser Antwort schmunzeln.

Im Übrigen sei darauf hingewiesen: In dieser Arbeit hatte der Kandidat 49 Punkte (= mangelhaft) erzielt. Bei Vergabe der beiden Punkte (oder auch nur von einem) wäre das Ergebnis „ausreichend“ gewesen.

 

Grund 2: Fehleinschätzung von Folgefehlern

Die Prüfungsaufgaben und ihre Lösungen sind häufig sehr komplex. Das führt oft zu Folgefehlern. Es verstößt gegen die Grundsätze ordnungsgemäßer Beurteilung von Prüfungsaufgaben, solche Folgefehler als neue Fehler zu werten.

Praxis-Beispiel zu Folgefehlern:

Im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ im Herbst 2012 befasste sich die Aufgabe 2 mit Problemen der Gewerbesteuer. Zum Schluss dieser komplexen Aufgabe musste der Gewerbesteuermessbetrag berechnet werden. Im Lösungshinweis der IHK war der Gewerbesteuerertrag nach vielen Lösungsschritten mit 299.000 € berechnet. Somit betrug der Gewerbesteuermessbetrag 3,5 % von 299.000 € = 10.465 €.

Der Prüfungskandidat hatte an einigen Stellen Lösungen, die vom Lösungshinweis der IHK abwichen. „Sein“ Gewerbesteuerertrag betrug deshalb 318.000 € und er errechnete den Gewerbesteuermessbetrag folgerichtig 3,5 % von 318.000 € = 11.130 €.

Er erhielt von den vorgesehenen zwei Punkten nur einen, offenbar deshalb, weil er die Messzahl richtig mit 3,5 % angenommen hatte. In dem hiergegen gerichteten Widerspruch beantragte er, dass ihm auch der zweite Punkt gegeben werden müsse, weil seine Berechnung folgerichtig sei. Im ablehnenden Widerspruchsbescheid wurde ausgeführt: „Dieser Punkt wird nur bei einem zutreffenden Ergebnis gegeben, um ein umfassend richtiges Ergebnis von allen anderen Lösungen hervorzuheben.“ Es handelt sich um einen Verstoß gegen den Grundsatz, dass Folgefehler nicht erneut mit einem Punktabzug bestraft werden dürfen.

 

Grund 3: Unklare Aufgabenstellung

Ursache für die falsche Beurteilung von Prüfungsleistungen ist häufig eine unklare Aufgabenstellung. Im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ vom Herbst 2012 lautete beispielsweise der Bearbeitungshinweis b) zur Aufgabe 5: „Führen Sie alle nach dem Körperschaftsteuergesetz notwendigen gesonderten Feststellungen zum 31. Dezember 2011 durch.“

Dieser Hinweis ist völlig unzureichend. Es gibt im Körperschaftsteuergesetz insgesamt sechs gesonderte Feststellungen. Es sollte nach Vorstellung der IHK nur eine, nämlich die Entwicklung des Einlagekontos, durchgeführt werden.

Zu diesem Problem, für das fünf Punkte zu vergeben waren, haben viele Prüfungsteilnehmer keine Aussage machen können und deshalb null Punkte erhalten. Im ablehnenden Widerspruchsbescheid wurde argumentiert, aus dem Sachverhalt sei ersichtlich gewesen, es hätte sich nur um die Entwicklung des Einlagekontos handeln können. Irritierend war die Aufforderung, alle notwendigen gesonderten Feststellungen durchzuführen. Es war aber nur nach einer gefragt. Wer unklare Fragen stellt, darf keine klaren Antworten erwarten.

 

Grund 4: Fehlerhafte Lösungshinweise

In manchen Fällen führen auch fehlerhafte Lösungshinweise dazu, dass Prüfungsleistungen nicht richtig gewürdigt werden. Im Fach „Steuerrecht und betriebliche Steuerlehre“ im Frühjahr 2012 enthielt die Aufgabe 1 folgenden Sachverhalt 2:

Beispiel zu fehlerhaften Lösungshinweisen

Ein Bautrupp, bestehend aus dem Vorarbeiter und sieben Arbeitnehmern, wird auf einer Baustelle in Berlin eingesetzt. Die Arbeitnehmer fahren mit dem Firmenbus am Sonntag nach Berlin und am Freitag wieder zurück nach Bonn. Die einfache Strecke beträgt 650 km.

Auf der Baustelle übernachten die Bauarbeiter kostenlos in einer Gemeinschaftsunterkunft der Baumann GmbH (Wohncontainer). Im Mai 2011 nutzten die Arbeitnehmer die Unterkünfte an 20 Tagen. (2 Punkte)

Die Lösung lautete:

Gewährt der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer freie Unterkunft, so ist dieser geldwerte Vorteil als Sachbezug steuer- und beitragspflichtig. Es ist die SvEV anzuwenden, § 8 Abs. 2 Satz 1 und Satz 6 EStG. Für die Unterkunft ist ein Betrag von mtl. 206 € zu berücksichtigen, § 2 Abs. 3 SvEV.

Bei einer Gemeinschaftsunterkunft ist ein Abschlag in Höhe von 15 % und bei der Belegung mit mehr als drei Beschäftigten ein weiterer Abschlag von 60 % vorzunehmen. Der Sachbezugswert von 34,40 € berechnet sich wie folgt:

206 EUR / 30 Tage = 6,87 EUR

Abzügl. 15 % von 6,87 EUR = 103 EUR

Abzügl. 60 % von 6,87 EUR = 4,12 EUR

Verbleiben: 1,72 EUR* 20 Tage = 34,40 EUR

Diese Lösung ist falsch!

Die gewährte Unterkunft unterliegt nicht der Lohnsteuer. Die Folge war offenbar, dass Prüfungskandidaten mit falscher Lösung – wie im Lösungshinweis der IHK – mit Punkten bedacht worden sind, während Prüfungskandidaten mit richtiger Lösung leer ausgegangen sind.

Falsche Lösung wurde veröffentlicht und mit Punkten bedacht

Vertreter des DIHK, die für die Erstellung der Aufgaben und Lösungen zuständig sind, wurden über den Fehler informiert. Trotzdem ist die fehlerhafte Lösung veröffentlicht worden. So etwas kann ja auch fatale Auswirkungen auf die Tätigkeit von Bilanzbuchhaltern in der Praxis haben, wenn sie nämlich der Richtigkeit der Lösungshinweise vertrauen und in der Praxis entsprechend handeln.

Der Beurteilungsspielraum

Die Korrektoren von Prüfungsaufgaben haben einen Beurteilungsspielraum, den sie auch haben müssen. Wenn also beispielsweise ein Korrektor in einer Teilaufgabe mit 10 Punkten feststellt, dass der Prüfungskandidat den überwiegenden Teil der Lösungselemente richtig gelöst hat, gibt ihm sein Beurteilungsspielraum die Möglichkeit, 6 bis 8 Punkte von 10 zu geben. Die Grenze des Beurteilungsspielraum ist aber überschritten, wenn er für eine solche überwiegend richtige Lösung nur 3 Punkte (= an der Grenze von ungenügend und mangelhaft) vergibt. Auf die ganze Aufgabe bezogen, die 100 Punkte hat, hat also ein Korrektor für eine Aufgabe, die sich an der Grenze zwischen ausreichend und mangelhaft bewegt, in der Regel den Ermessensspielraum, Punkte von etwa 45 bis 55 zu geben.

Es liegen Aufgaben vor, die mit ungefähr 45 Punkten, also mit mangelhaft, bewertet worden sind. Diese Aufgaben hätten es aber verdient, viel besser, also mit 60, 65 oder sogar 70 Punkten, bedacht zu werden. In diesen Fällen war der Beurteilungsspielraum bei weitem überschritten, denn einen Beurteilungsspielraum zu haben, heißt nicht, dass für eine bestimmte Leistung jede beliebige Note erteilt werden darf.

Die nicht leistungsgerechte Beurteilung als Ergebnis

Die hier geschilderten – und andere – Gründe führen dazu, dass bei einer Reihe von Industrie- und Handelskammern die Bestehensquote weit unter dem Durchschnitt liegt. Natürlich lassen schlechte Ergebnisse allein den Schluss mangelhafter Korrektur nicht zu, aber sie sind ein starkes Indiz dafür, dass die Grenzen des Ermessens bei der Notengebung überschritten sein können.

An einer eventuell sehr strengen Beurteilung kann es nicht liegen, wenn die Bestehensquote – wie z. B. bei der Handelskammer Hamburg – in der Nähe von 25 % liegt. Es müssen Fehlbeurteilungen, die hier beispielhaft dargelegt worden sind, hinzukommen.

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Schlagworte zum Thema:  Bilanzbuchhalterprüfung, Bilanzbuchhalter

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