Jörg Baetge/Peter Wollmert/... / IV. Kommunikationswege des Aktienanalysten
 

Tz. 24

Stand: EL 38 – ET: 6/2019

Mit der Beschaffung von Informationen, deren Verarbeitung zu einem integrierten Prognosemodell sowie der Ableitung eines fairen Unternehmenswertes, ist die Arbeit eines Aktienanalysten noch nicht beendet. Als Informationsintermediär wird der Finanzanalyst dafür entlohnt, den Bankkunden (Investoren) einen Mehrwert zu ihren Investitionsentscheidungen zu liefern. Dies erfordert zwingend die Kommunikation seiner Erkenntnisse. Da es einen grundsätzlichen Trade-off zwischen Schnelligkeit und Detailgenauigkeit der Analyse gibt, bedient sich der Analyst verschiedener Kommunikationswege, um sowohl zu einer raschen qualitativen Einschätzung als auch einer detaillierten und tiefer gehenden Analyse in der Lage zu sein.

So kommentiert er seine spontane Einschätzung zu während der Börsenhandelszeiten publizierten und kursrelevanten Information oftmals, zB hausintern mündlich, über ein sog. Online-Sprachsystem (Ringschaltung) oder eine Telefonkonferenz an die hausinternen Sales Professionals (Berater institutioneller Anleger), die daraufhin ihre Kunden unterrichten, um von diesen in Wertpapierorders bezahlt zu werden. Auch mittels schriftlicher Kurzkommentare über hausinterne Chatsysteme, E-Mails oder SMS-Verteiler kann der Analyst seine institutionellen Kundenbetreuer als Vertriebskanal oder seine an solchen Informationen interessierten handelsorientierten Kunden erreichen.

Die meisten Analysehäuser verwenden differenzierte Formate für schriftliche Analysen. IdR werden diese nach Informationskosten, Quantität und Time-to-Market-Verfügbarkeiten unterschieden. Zu den verwendeten Formaten gehören zB die kurzen Morning Notes, mehrseitige aktuelle tagesgleiche Kommentierungen und großvolumige detaillierte Sektor- oder Unternehmensstudien. Morning Notes erscheinen häufig vor Börseneröffnung und bieten eine Kurzkommentierung aktueller Nachrichten und ein Standardset von Kennzahlen. Mehrseitige Veröffentlichungen erlauben einen stärkeren Tiefgang und beinhalten zudem einen datenbankgetriebenen standardisierten Anhang eines kompletten integrierten Prognosemodells sowie einen Überblick über bewertungsrelevante Kennziffern. Eine fundierte und umfassende Analyse erlauben umfangreiche Unternehmensstudien, die neben dem entscheidenden Investment Case eine ausführliche Bewertung des Unternehmens inklusive einer Sensitivitätsanalyse wertbestimmender Parameter, eine Beschreibung des Unternehmens, eine Strategiebeurteilung und Beurteilung des Business Modells (zB nach einem Porter-Schema) sowie des Wettbewerbsumfelds umfassen. Darüber hinaus werden in Sektorstudien relevante Branchentrends diskutiert.

Die Ergebnisse seiner Analysen diskutiert der Analyst in Morning Calls und ausführlichen Sales Briefings mit den Kundenbetreuern, die ihm sowohl als Sparringspartner als auch als Multiplikatoren dienen. Weiterhin kontaktiert er wichtige Kunden telefonisch oder auf Analystenroadshows, auf denen er die Ergebnisse seiner Analyse vor Ort beim Kunden präsentiert. Darüber hinaus wirkt er bei der Gewinnung des Unternehmensmanagements für Unternehmensroadshows und Investorenkonferenzen mit, die einen direkten Kontakt der Unternehmensvertreter mit den (institutionellen) Bankkunden herstellen. Im Rahmen der Wiedergabe der Ergebnisse ist auf die Trennung zwischen Fakten und Meinung zu achten.

Der Analyst betreibt ebenfalls Imagemarketing für seine Bank, indem er für Interviews in Rundfunk und Presse zur Verfügung steht. Solche öffentlichen Meinungsäußerungen sollen die Wahrnehmung des Finanzdienstleisters, für den der Analyst tätig ist, als Kompetenzträger für wirtschaftliche Sachverhalte schärfen. Öffentliche Interviews erreichen regelmäßig einen wesentlich breiteren Adressatenkreis und können das öffentliche Image des analysierten Unternehmens gerade in Bezug auf Sachverhalte erheblich prägen, zu denen das Unternehmen nicht öffentlich Stellung nimmt. Gerade in Bezug auf solche Fälle ist es auch für das betreffende Unternehmen wichtig, dass das Geschäftsmodell mit seinen wesentlichen Werttreibern sowie die Grundsätze des unternehmerischen Handelns des Managements von den Finanzanalysten verstanden werden.

 

Tz. 24a

Stand: EL 38 – ET: 6/2019

Der (Sell-side-) Aktienanalyst arbeitet bei der Betreuung von institutionellen Investoren (Brokerage) mit dem für den jeweiligen institutionellen Investor verantwortlichen Kundenbetreuer (Team "Institutional Sales Aktien") zusammen. Die Aufgabe des Sales-Mitarbeiters ist die Beratung von institutionellen Kunden (zB Versicherungen, Pensionsfonds, Kapitalanlagegesellschaften). Diesen macht er die Researchpublikationen (Analysen) des eigenen Hauses zugänglich, bespricht die Empfehlungen der verschiedenen Analysten (sofern sie in das Anlageuniversum und das Investorenprofil passen) und vermittelt den Kontakt zum eigenen Analysten oder zum Management der Aktiengesellschaften (zB durch persönliche Treffen im Rahmen sog. Roadshows, Telefonkonferenzen usw.). Die Bewertung der Qualität dieser Dienstl...

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Produkt Baetge, Rechnungslegung nach IFRS (Schäffer-Poeschel). Sie wollen mehr? Dann testen Sie hier live & unverbindlich Baetge, Rechnungslegung nach IFRS (Schäffer-Poeschel) 30 Minuten lang und lesen Sie den gesamten Inhalt.


Meistgelesene beiträge