Jörg Baetge/Peter Wollmert/... / IV. Entwicklungsgeschichte des Standards
 

Tz. 6

Stand: EL 28 – ET: 03/2016

Der IASB erschließt sich mit dem Standard eine neue Zielgruppe: nicht-kapitalmarktorientierte Unternehmen. Grundsätzlich ist der IASB zwar der Auffassung, dass die herkömmlichen IFRS auch durch KMU anwendbar seien, jedoch stellen diese Regelungen in erster Linie auf die Bedürfnisse der Nutzer von Abschlüssen kapitalmarktorientierter Unternehmen ab (vgl. IFRS für KMU BC47–48). Erleichterungen für nicht-kapitalmarktorientierte Unternehmen sind in den herkömmlichen IFRS grundsätzlich nicht vorgesehen. Eine Ausnahme bilden hier lediglich einzelne Vorschriften, beispielsweise die Regelungen zur Segmentberichterstattung (IFRS 8) und zur Zwischenberichterstattung (IAS 34). IFRS 8 bezieht ausdrücklich nur kapitalmarktorientierte Unternehmen in den verpflichtenden Anwenderkreis ein, während IAS 34 gar keinen verpflichtenden Anwenderkreis beschreibt. Insbesondere die umfangreichen Anhangangaben sind primär auf die Informationsbedürfnisse der Investoren am Kapitalmarkt ausgelegt. Ein erster, früher Vorschlag des IASC war daher, lediglich Erleichterungen im Bereich der Anhangangaben vorzunehmen. Dieser Vorschlag war dem IASB jedoch nicht weitreichend genug.

1. Diskussionspapier

 

Tz. 7

Stand: EL 28 – ET: 03/2016

Im Juni 2004 veröffentlichte der IASB ein Diskussionspapier (vgl. IASB, Discussion Paper 24.06.2004), um die Meinung der Öffentlichkeit zu einem International Financial Reporting Standard für kleine und mittelgroße Unternehmen zu eruieren. Hierbei interessierten den IASB insbesondere folgende Kernfragen (vgl. IFRS für KMU BC6):

  • Besteht ein Bedarf für einen speziellen IFRS für KMU?
  • Welche Ziele sollte ein derartiger Standard verfolgen?
  • Für welche Unternehmen sollte der Standard gedacht sein?
  • Wie wäre mit Regelungslücken in dem Standard umzugehen?
  • Sollte es erlaubt sein abweichend von einer Regelung in dem Standard eine Vorschrift der IFRS anzuwenden?
  • Wie sollte der IASB an die Entwicklung eines IFRS für KMU herangehen? Inwiefern sollten die Konzepte und Prinzipien sowie die dazugehörigen Erläuterungen der herkömmlichen IFRS die Basis des IFRS für KMU sein?
  • Auf welcher Basis könnten die Konzepte und Prinzipien der IFRS für den IFRS für KMU modifiziert werden?
  • In welcher Form sollte der Standard für KMU veröffentlicht werden?

Dem IASB gingen 120 Antworten von Interessengruppen aus aller Welt zu. Im Ergebnis zeigte sich ein eindeutiger Bedarf nach einem IFRS für KMU. Dieser sollte in einigen Ländern sogar einer nationalen Rechnungslegung vorgezogen werden. Die Ergebnisse des Diskussionspapiers veranlassten den IASB dazu, den IFRS für KMU zu erarbeiten und der Öffentlichkeit einen Standardentwurf vorzulegen (vgl. IFRS für KMU BC5, 7).

2. IASB-Fragebogen

 

Tz. 8

Stand: EL 28 – ET: 03/2016

Aus den Antworten zu dem Diskussionspapier ließ sich die Forderung nach vereinfachten Ansatz- und Bewertungsvorschriften ableiten (vgl. IFRS für KMU BC8). Da hierzu keine genauen Angaben gemacht wurden, sah sich der IASB dazu veranlasst, mittels eines Fragebogens Einzelheiten zu ermitteln. Der im April 2005 veröffentlichte Fragebogen adressierte zwei wesentliche Fragen: (vgl. IFRS für KMU BC10)

  • In welchen Bereichen werden mögliche Vereinfachungen von Ansatz- und Bewertungsvorschriften gesehen?
  • Welche Themen, die in den IFRS adressiert werden, sind untypisch für KMU und daher zu vernachlässigen?

101 beantwortete Fragebögen gingen beim IASB ein (vgl. IFRS für KMU BC11). Die Antworten wurden im Standards Advisory Council, in der SME Working Group (einer für die Entwicklung des Standards ins Leben gerufenen Beratergruppe bestehend aus Vertretern der Praxis und Lehre), mit Rechnungslegungsstandardsetzern sowie in öffentlichen Diskussionsrunden beraten. Die Ergebnisse dieser Diskussionen wurden Ende 2005 vom Board intensiv erörtert und in vorläufigen Entscheidungen festgehalten. Auf Basis dieser Entscheidungen wurde dem IASB im Januar 2006 ein erster vorläufiger Entwurf eines IFRS für KMU vorgelegt. Auch der SME Working Group wurde der Entwurf Ende Januar 2006 präsentiert, um Empfehlungen für den IASB zu formulieren. Die Diskussion über die vorläufigen Entwürfe zog sich über das gesamte Jahr 2006 hin.

3. Standardentwurf, Feldstudien und abschließende Beratungen

 

Tz. 9

Stand: EL 28 – ET: 03/2016

Im Februar 2007 veröffentlichte der IASB den Entwurf eines IFRS für KMU zur Stellungnahme durch die interessierte Öffentlichkeit. Um das Verständnis des Standardentwurfs weltweit zu erleichtern und die Akzeptanz zu fördern, wurde der Entwurf – erstmalig in der Geschichte des IASB – in fünf Sprachen übersetzt. Mit neun Monaten war die Stellungnahmefrist zudem außergewöhnlich lang bemessen. Dies hing ua. damit zusammen, dass parallel zur Stellungnahmefrist Feldstudien durchgeführt wurden. Der Standardentwurf war eng an die Regelungen der herkömmlichen IFRS angelehnt und zeigte nur in wenigen Bereichen Erleichterungen auf. Durch diverse Querverweise auf die herkömmlichen IFRS wurde auf Vorschriften verwiesen, die nicht im IFRS für KMU enthalten waren. Dies führte zum einen dazu, dass der Standard sehr komplex wurde, zum anderen, ...

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