Jörg Baetge/Peter Wollmert/... / I. IIRC: Framework Entwicklung
 

Tz. 65

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Die zentralen Erwägungen für die Entwicklung des IR Rahmenkonzepts sind die folgenden:

1. Die herkömmliche Finanzberichterstattung hat sich über die Jahre zu einem sehr komplexen System entwickelt, das aus einer Vielzahl von Elementen besteht: Selbst für Experten sind die darin enthaltenen Informationen kaum zu verarbeiten (information overload), für Laien sind diese Informationen kaum zu verstehen – die Adressaten dieser Berichte sind häufig überfordert, weil sprichwörtlich ›der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen wird‹.
2. Die Berichterstattung ist zunehmend Compliance-getrieben und entspricht in der Praxis stärker einem Abarbeiten von Berichtschecklisten (zB IFRS oder DRS) als einer Vermittlung entscheidungsrelevanter Informationen an die Adressaten. Dies schlägt sich häufig in einer zwar sehr ausführlichen, aber sehr wenig aussagekräftigen Berichterstattung nieder.
3. Die Finanzberichterstattung ist vornehmlich vergangenheitsorientiert. Wenn Investoren lediglich vergangenheitsorientierte Finanzinformationen sowie Informationen für die nahe Zukunft zur Verfügung stehen, werden sie ihre Anlageentscheidungen, Anteile des Unternehmens zu kaufen, zu halten oder zu verkaufen, lediglich anhand dieser Informationen treffen. Dies führt tendenziell zu (zu) kurzfristigen Anlagehorizonten.
4. Die herkömmliche Finanzberichterstattung, vor allem im Jahres- und Konzernabschluss, umfasst nicht alle wesentlichen Werttreiber. Nichtfinanzielle Sachverhalte, die direkt oder indirekt für den finanziellen Unternehmenserfolg relevant sind, werden nicht (ausreichend) berücksichtigt. Obwohl der Rechtsrahmen für eine aussagekräftige Finanzberichterstattung grundsätzlich gegeben ist, wird von diesen Möglichkeiten in der Praxis regelmäßig nicht ausreichend Gebrauch gemacht. Soziale Elemente, wie Motivation und Qualifikation der Mitarbeiter, sowie ökologische Aspekte, wie Umweltschutz, Abnahme bedrohter Tierarten oder Auswirkungen zunehmend extremer Wetterlagen auf die Geschäftstätigkeit, werden bisher nur am Rande in Finanzberichten kommuniziert. Angaben hierzu finden sich allenfalls in Nachhaltigkeitsberichten.
5. Im Zuge von Finanz- und Wirtschaftskrisen haben Unternehmen Vertrauen von Teilen der Gesellschaft eingebüßt. Eine transparente, aussagekräftige und verständliche Berichterstattung kann dazu beitragen, dass Unternehmen Vertrauen und Anerkennung von Gesellschaft und Politik zurückgewinnen. Eine ganzheitliche, integrierte Berichterstattung kann ferner verdeutlichen, dass Unternehmen nicht losgelöst von der Gesellschaft finanziell erfolgreich sein können, sondern nur, wenn die berechtigten Stakeholdererwartungen berücksichtigt werden.
 

Tz. 66

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Diese an der Finanzberichterstattung geäußerte Kritik ist uE auch auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung gemäß den Berichtsrahmen G3.1 bzw. G4 der Global Reporting Initiative übertragbar. Neben der Zunahme von Komplexität und Compliance-Orientierung der GRI Leitfäden ist anzumerken, dass Nachhaltigkeitsberichte von vielen Investoren und Analysten kaum beachtet werden, möglicherweise vor allem, weil diese Berichte häufig umfangreiche qualitative und zT ungeprüfte Angaben enthalten und weil die wirtschaftliche Relevanz einzelner Sachverhalte nicht ausreichend verdeutlicht wird.

 

Tz. 67

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Die Entwicklung des IR Frameworks durch den IIRC setzt auf den zentralen Elementen der bestehenden Berichtskonzepte auf und ist bestrebt, die Kritik an bisherigen Berichtskonzepten aufzunehmen und deren Schwächen zu vermeiden.

 

Tz. 68

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Ziel des IR Rahmenkonzept ist jedoch keineswegs, lediglich Finanzberichterstattung (zB gemäß IFRS und HGB) und Nachhaltigkeitsberichterstattung (zB gemäß GRI G3.1 oder G4) zu einem einzigen Bericht (›One Report‹) zu vereinen. Für diese in der Praxis häufig anzutreffende Entwicklung ist kein zusätzliches Rahmenkonzept erforderlich: Unternehmen sind zur Finanzberichterstattung gesetzlich verpflichtet, während die Nachhaltigkeitsberichterstattung freiwillig ist. Sofern Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung in einem Bericht zusammengefasst werden sollen, ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung in die Finanzberichterstattung aufzunehmen und mit den darin enthaltenen Informationen zu verknüpfen. Aspekte der unternehmerischen Nachhaltigkeit dürfen nur dann in den Finanzbericht (und dort vor allem in den (Konzern-)Lagebericht) aufgenommen werden, wenn hierdurch entscheidungsrelevante Informationen über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens vermittelt werden. Darüber hinaus dürfen zusätzliche Informationen nur dann in den Lagebericht aufgenommen werden, wenn hierdurch dessen Klarheit und Übersichtlichkeit nicht beeinträchtigt werden (ausführlich zur Aufnahme des Nachhaltigkeitsberichts gemäß GRI G3.1 in den Konzernlagebericht vgl. Schmidt, 2011, S. 87–252).

 

Tz. 69

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Ziel ist vielmehr eine ganzheitliche Berichterstattung über die bedeutsam...

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