Jörg Baetge/Peter Wollmert/... / B. Bedeutung einer integrierten Berichterstattung, Implikationen für eine integrierte Unternehmensführung und Anknüpfungspunkte in der handelsrechtlichen (Konzern-)Lageberichterstattung

I. Bedeutung einer integrierten Berichterstattung

 

Tz. 9

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Die wesentliche Triebkraft für eine integrierte Berichterstattung sowie für die Gründung des IIRC war die von seiner königlichen Hoheit, dem Prince of Wales gegründete Organisation The Prince's Accounting For Sustainability Project (A4S). Bereits 2006 sagte der Prince of Wales anlässlich der ersten Jahresversammlung von A4S:

›Früher konnten wir sagen, dass wir über die Folgen unseres Handelns für unseren Planeten entweder nichts wussten oder dass es zumindest Raum für Zweifel gab. Diese Zeiten sind vorbei. Wir wissen alle nur zu genau, was wir tun und dass wir daran dringend etwas ändern müssen. Eine bessere Finanzberichterstattung muss Teil dieses Prozesses sein.‹(Druckman, WPg 2010, S. I)

 

Tz. 10

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Der Forderung nach einer integrierten Berichterstattung liegt die Erkenntnis zugrunde, dass vollständige Informationen die Voraussetzung für effiziente Kapitalmärkte sind und dass der mittel- und langfristige finanzielle Unternehmenserfolg in hohem Maß von der nichtfinanziellen Leistung des Unternehmens abhängt, vor allem davon, wieweit es diesem gelingt, die (zB ökologischen und sozialen) Erwartungen seiner Stakeholder zu erfüllen. Allerdings enthalten die (zB nach IFRS oder HGB erstellten) Jahres- und Konzernabschlüsse keineswegs alle für die Kapitalmarktteilnehmer entscheidungsrelevanten Informationen, vor allem nicht über die sogenannten nichtfinanziellen Werttreiber. Diese wurden zunächst vornehmlich in von der Finanzberichterstattung separaten Nachhaltigkeitsberichten (zB entsprechend den Leitfäden der Global Reporting Initiative (GRI)) abgebildet, die für Kapitalmarktteilnehmern aber nur von geringer Bedeutung sind, vermutlich vor allem, weil eine solche separierte Berichterstattung nicht erkennbar macht, wie die finanzielle Leistung eines Unternehmens durch dessen nichtfinanzielle Leistung beeinflusst wird. Hierdurch stehen den Kapitalmarktteilnehmern nicht alle wesentlichen Informationen zur Verfügung, die diese benötigen, um ihre Anlageentscheidungen fundiert treffen zu können (vgl. A4S, 2009, S. 3). Sowohl Finanz- als auch Nachhaltigkeitsberichte kommen ihrer Informationsfunktion nur noch eingeschränkt nach, wenn die Quantität, also der Umfang der Berichterstattung, im Mittelpunkt steht, und nicht die Qualität, also der Nutzen für die Berichtsadressaten.

 

Tz. 11

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Es ist daher ein ganzheitlicher Berichtsrahmen erforderlich, der die Finanzberichterstattung sowie die Berichterstattung über Strategie, Unternehmensführung, Anreizsysteme, das Geschäftsmodell und die damit verbundenen Geschäftsrisiken sowie über die Auswirkungen der Geschäftstätigkeit auf die Umwelt und die Gesellschaft umfasst und deren Interdependenzen prägnant und verständlich erkennbar macht (vgl. A4S, 2009, S. 4): Die geforderten Informationen sollen nicht nur in der Finanzberichterstattung genannt werden (kombinierte Berichterstattung), vielmehr ist diese ›nichtfinanzielle‹ Berichterstattung mit der Finanzberichterstattung zu verknüpfen (integrierte Berichterstattung) (vgl. A4S, 2009, S. 5). Ohne diese nichtfinanziellen Informationen stehen den Kapitalmarktteilnehmern vor allem vergangenheitsorientierte Finanzdaten zur Verfügung sowie kurzfristige finanzielle Prognosen. Es fehlen allerdings Informationen über die mittel- und langfristige Ausrichtung des Unternehmens sowie über dessen Fähigkeit, langfristig erfolgreich zu sein. Es fehlen mithin Informationen über die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens und seines Geschäftsmodells.

 

Tz. 12

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Eine integrierte Berichterstattung bildet nicht lediglich das finanzielle Ergebnis ab. Vielmehr erläutert sie dessen Zustandekommen, indem die wesentlichen Erfolgsfaktoren bzw. Werttreiber und deren Wechselwirkungen innerhalb des Unternehmens sowie zwischen dem Unternehmen und seinen Anspruchsgruppen verdeutlicht werden. Vor allem sollen diese Informationen verlässliche Rückschlüsse auf die künftige Unternehmensentwicklung zulassen. Ohne diese Informationen besteht die Gefahr, dass die Kapitalmarktteilnehmer ihre Anlageentscheidungen vornehmlich anhand der kurzfristigen finanziellen Unternehmensperformance treffen (vgl. A4S, 2009, S. 4).

 

Tz. 13

Stand: EL 24 – ET: 09/2014

Der im Zusammenhang mit der integrierten Berichterstattung häufig verwendete Begriff ›nichtfinanziell‹ ist erklärungsbedürftig, gerade wenn es um die Finanzberichterstattung geht. Dieser Begriff wird beispielsweise auch in §§ 289 Abs. 3, 315 Abs. 1 Satz 4 HGB verwendet. Er darf jedoch nicht missverstanden werden als ›ohne Bezug zur wirtschaftlichen Lage‹. Tatsächlich sind nichtfinanzielle Aspekte in der Finanzberichterstattung weit verbreitet, zB in der Berichterstattung über Forschung und Entwicklung, in der Chancen- und Risikoberichterstattung oder als zugrunde liegende Annahmen in der Prognoseberichterstattung. Für die Finanzberichterstattung wesentliche nichtfinanzielle Aspekte betreffen regelmäßig die vom Unternehmen verursachten exte...

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Produkt Baetge, Rechnungslegung nach IFRS (Schäffer-Poeschel). Sie wollen mehr? Dann testen Sie hier live & unverbindlich Baetge, Rechnungslegung nach IFRS (Schäffer-Poeschel) 30 Minuten lang und lesen Sie den gesamten Inhalt.


Meistgelesene beiträge