Durch das ARUG II wurden in § 87 Abs. 1 S. 2 AktG die Wörter "nachhaltige Unternehmensentwicklung" durch die jetzigen Wörter "nachhaltige und langfristige Entwicklung der Gesellschaft" ersetzt. Diese Änderung wurde erst am Ende des Gesetzgebungsverfahrens durch den Rechtsausschuss eingefügt; in dem vorangegangenen Regierungsentwurf war noch eine Änderung des Gesetzeswortlauts durch die Wörter "langfristige Entwicklung der Gesellschaft" vorgesehen. Nach dem allgemeinen Verständnis vor dem Inkrafttreten des ARUG II meinte "nachhaltige Entwicklung" (bereits) eine "langfristige Entwicklung" im Sinne einer Orientierung der Vergütungsstruktur an einem dauerhaften, periodenübergreifenden Unternehmenserfolg, in Abgrenzung zu einer kurzfristig stichtagsbezogenen Betrachtung einzelner Leistungskennzahlen.[36] Wegen des jetzt bestehenden begrifflichen Nebeneinanders von Nachhaltigkeit und Langfristigkeit in § 87 Abs. 1 S. 2 AktG ist umstritten, ob nunmehr bei der Vorstandsvergütung börsennotierter Gesellschaften zwingend auch Nachhaltigkeitsziele einzubeziehen sind.[37]

Dem Aufsichtsrat ist deshalb zu empfehlen, Nachhaltigkeitsziele festzulegen. Zudem verlangen zunehmend die Abstimmungsrichtlinien von Stimmrechtsberatern und institutionellen Investoren, dass Nachhaltigkeitskriterien in der variablen Vorstandsvergütung – teils sogar speziell in der langfristig variablen Vergütung – berücksichtigt werden.[38] Zu beachten ist hierbei allerdings, dass die Abstimmungsrichtlinien auf sog. Environmental, Social and Governance (ESG)-Kriterien abstellen und insofern mit dem Aspekt der guten Unternehmensführung (Governance) über den Begriff der Nachhaltigkeit hinausgehen, der nach der Begründung der Beschlussempfehlung des Rechtsausschusses zu § 87 Abs. 1 S. 2 AktG (bloß) soziale und ökologische Gesichtspunkte umfasst. Auch die "Leitlinien für eine nachhaltige Vorstandsvergütung", die von einem privaten Arbeitskreis aus Aufsichtsratsvorsitzenden, institutionellen Investoren, Wissenschaftlern und Corporate Governance-Experten erarbeitet wurden, verstehen die Nachhaltigkeit im weiteren Sinne, indem sie hierunter auch ESG-Kriterien sowie (sogar) weitere nichtfinanzielle Parameter (z. B. Innovation und Unternehmenskultur) fassen.[39] Dementsprechend werden in der aktuellen Praxis bei den ausgewiesenen Nachhaltigkeitszielen regelmäßig sozial- und umweltbezogene Aspekte mit weiteren ESG-Kriterien kombiniert. Neben den Aktionärsinteressen (Stichwort: Shareholder-value-Orientierung) werden Interessen und Erwartungen weiterer Stakeholder einbezogen, die für den langfristigen Erfolg der Gesellschaft als wesentlich gesehen werden und damit im wohlverstandenen Unternehmensinteresse liegen. Nach Auswertung der untersuchten Vergütungssysteme stehen bei den ESG-Kriterien vor allem Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit im Mittelpunkt und weniger sozial- und umweltbezogene Ziele.

Der Großteil der untersuchten Vorstandsvergütungssysteme stellt in Bezug auf die Nachhaltigkeit auf ESG-Kriterien ab, wobei vereinzelt sogar begrifflich nicht dazugehörige Aspekte, wie z. B. Datenschutz- und -sicherheit, mit einbezogen werden. Neben Sozial- und Umweltaspekten, die teils spezifiziert werden (z. B. Begrenzung der CO2-Emissionen, schonende Ressourcennutzung), werden als ESG-Bereiche z. B. häufig Kundenzufriedenheit, Mitarbeiterzufriedenheit, Arbeitssicherheit, Compliance und Diversität genannt. Nur wenige Vergütungssysteme fokussieren die Nachhaltigkeit im engeren Sinne auf Sozial- und Umweltaspekte. Des Weiteren gibt es ein Vergütungssystem, das keine Nachhaltigkeitsziele oder ESG-Kriterien in die Vorstandsvergütung einbezieht.

Bei den auf ESG-Kriterien abstellenden Vergütungssystemen gibt es nur eines, das mit einer die Treibhausgasemissionen messenden CO2-Leistung des Unternehmens ein Nachhaltigkeitsziel im engeren Sinne als nichtfinanzielles Leistungskriterium festschreibt. Bei den übrigen Vergütungssystemen ist offen, ob und inwieweit Sozial- und Umweltaspekte bei der Vorstandsvergütung berücksichtigt werden, da die Festlegung der konkret anzuwendenden ESG-Kriterien dem Aufsichtsrat überlassen ist. Hierüber werden erst die später zu veröffentlichenden Vergütungsberichte Aufschluss geben können.

Die Nachhaltigkeitsziele oder ESG-Kriterien sind bei neun der untersuchten Vergütungssysteme (rund 56 %) ausschließlich in der kurzfristig variablen Vergütung, bei einem Vergütungssystem (rund 6 %) ausschließlich in der langfristig variablen Vergütung und bei fünf Vergütungssystemen (rund 31 %) sowohl in der kurzfristig variablen als auch in der langfristig variablen Vergütung verankert. Im letzteren Gestaltungsfall sollte bei der konkreten Festlegung der ESG-Kriterien durch den Aufsichtsrat darauf geachtet werden, dass diese für das STI und das LTI unterschiedlich gewählt sind, um eine Doppelincentivierung zu vermeiden. Gleichwohl kann – je nach Ausgestaltung – ein langfristiges Ziel des LTI (z. B. Unterschreiten eines bestimmten Emissionswertes) auch im Rahmen de...

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