In einem sich immer schneller wandelnden Umfeld haben Entscheidungsträger die Herausforderung, dass in vielen Entscheidungsfällen auch immer genauere und umfangreichere Analysen keine eindeutige Vorhersage treffen können. Das Einzige, was bleibt, ist die Unsicherheit in Entscheidungssituationen zu akzeptieren und mit ihr umzugehen.

Für das strategische Controlling, das die finanzielle Bewertungsgrundlage für Entscheidungen schafft, bedeutet dies, dass stärker in Szenarien und Bandbreiten kommuniziert werden muss. Dies impliziert allerdings, dass das Top-Management nicht "die eine" richtige Vorhersage erwartet.

Natürlich entbindet dies das Controlling nicht davon, tiefergehende Analysen akkurat zu rechnen. Im Gegenteil: In der Diskussion von Szenarien ist es sogar noch wichtiger, die Ergebnis-Treiber klar herauszuarbeiten und mit klar verständlichen und transparenten Prämissen-Sets zu arbeiten.

Produktentscheidungen in der Automobilindustrie sind dadurch geprägt, dass sie zumeist ein Jahrzehnt vor ihrem eigentlichen Wirken getroffen werden müssen (3–4 Jahre Entwicklungszeit + 6–7 Jahre Lifecycle). Dabei ist es die Aufgabe des strategischen Controllings, dafür zu sorgen, dass die notwendigen Investitionen in die richtigen Felder (Produkte, Technologien, Märkte etc.) erfolgen – bei Mercedes Benz Cars geht es dabei um eine Größenordnung von 13 Mrd. EUR pro Jahr für Sach- und Entwicklungsinvestitionen (Jahresbericht Daimler AG 2019).

Um solch langfristige Entscheidungen systematisch treffen zu können, ist eine klare Prämissenlage notwendig. Dies wird aktuell dadurch erschwert, dass die Automobilindustrie, wie viele andere Industrien auch, von einer zunehmenden Marktunsicherheit betroffen ist. Das umfasst zum einen volatile Themen, welche stabile Prämissensetzungen erschweren, wie z. B. Zolldiskussionen. Zum anderen sind dies anhaltende Trends, welche die Industrie nachhaltig verändern, wie z. B. die Elektrifizierung des Antrieb-Portfolios.

Die zunehmende Elektrifizierung zieht eine Vielzahl an Folgeaspekten nach sich:

  • Die Beschleunigung der technologischen Entwicklung: -75 % Preisrückgang (in EUR/kWh) von Lithium-Ionen-Batterien von 2013 bis 2019;[1]
  • neue und branchenfremde Wettbewerber: hierzu zählen neue Fahrzeug-OEMs aus USA und China aber auch Technologiefirmen;
  • Veränderung des regulatorischen Umfelds: z. B. eine NEV-Quote[2] 2020 in China von 12 % (FAZ 2017).

All diese Aspekte beeinflussen letztendlich eine elementare Größe für die Automobilindustrie: die Entwicklung des Electric-Vehicles (EV)-Absatzvolumens als Anteil des Gesamtmarkts. Und auch hier zeigt sich in externen Studien, dass diese je nach Prämissensetzung unterschiedlich beurteilt werden kann. So zeigt sich eine extreme Spreizung zwischen "EV-konservativen" (z. B. OPEC, Exxon) und "EV-optimistischen" (z. B. BloombergNEF) publizierten Forecasts von über 30 % für das Jahr 2030 und sogar 41 % für das Jahr 2040 (BloombergNEF 2019). Auch wenn es für diese Abweichung durchaus Erklärungen in der Herangehensweise der Forecasts geben könnte, so zeigt sie doch, dass es stark darauf ankommt, auf welche Datenbasis man sich stützt.

Gleichzeitig zeigt sich auch in einem intertemporalen Vergleich einzelner Forecasts eine deutliche Abweichung. So weicht z. B. der Forecast von BloombergNEF aus den Jahren 2018 und 2019 im Mittel um ca. 33 % voneinander ab. Das ist durchaus eine Größenordnung, die bei richtungweisenden Entscheidungen den Ausschlag geben kann.

Das heißt, dass die stabile Prämissensetzung sehr schwierig ist und dadurch die Unsicherheit in diesem Feld so groß, dass das strategische Controlling in der Entscheidungsunterstützung immer stärker mit Szenarien-Bewertungen arbeitet. Wie das genau aussehen kann, wird nun in den folgenden Kapiteln vorgestellt.

Abb. 1: Forecasts von EV-Beständen und ihre Entwicklung

[1] Statista, 2019.
[2] New electric vehicle: spezifische Definition, die regelt, welche Fahrzeuge in diese Quote mit einbezogen werden dürfen.

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