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Wirtschaftskriminalität: Profil eines „typischen“ Langfingers in der Wirtschaft

In einer Analyse hat KPMG die Merkmale der Wirtschaftskriminellen nach Alter, Geschlecht, hierarchischer Einordnung und Funktionsbereich analysiert. Wie sieht nun der „übliche Verdächtige“ aus?

Gestatten: langjähriger Senior-Manager im Finanzbereich, männlich, 36-45 Jahre alt

So oder ähnlich lauten die Merkmale eines „typischen“ Betrügers im Unternehmensalltag. Mit den traditionellen Vorurteilen eines gierigen, hinterlistigen Kriminellen muss an dieser Stelle aufgeräumt werden. Auch wenn solche Fälle sicherlich auch auftreten können, handelt es sich typischerweise um langjährige, verdiente Mitarbeiter, die nach einem einflussreichen Ereignis Fehler begehen. Die Gründe können z. B.

  • Unzufriedenheit im Beruf,
  • finanzielle Not,
  • aggressive Ziele oder
  • schlichtweg die passende Gelegenheit

sein. Konkret zeichnet sich der durchschnittlich Langfinger im Unternehmen durch folgende Merkmale aus:

  1. Alter
    Das Alter des durchschnittlichen Betrügers liegt zwischen 36-45 Jahren. Im Zeitraum von 2007-2011 stieg die Größe dieser Gruppe an von 39 % auf 41 % an. Die Gruppe der 46-55 Jahre alten Personen folgt mit 35 % bei den verzeichneten Betrugsfällen.
  2. Geschlecht
    Mit 85 % in 2007 und 87 % in 2011 begehen Männer deutlich häufiger Betrügereien als Frauen. Dies mag u.a. auch damit zusammenhängen, dass Frauen gerade in Europa vergleichsweise selten einflussreiche Führungspositionen übernehmen. In Asien und Amerika, wo Frauen häufiger im Top-Management anzutreffen sind, steigt die Zahl weiblicher Langfinger auf knapp über 20 %.
  3. Hierarchische Einordnung
    Unterschlagung tritt besonders in solchen Positionen auf, in denen Mitarbeiter über sensible Informationen verfügen und die Möglichkeit haben, Kontrollmechanismen auszuhebeln. Dies sind in der Regel verantwortungsvolle Führungsaufgaben. Eine empirische Untersuchung ergab, dass 2007 fast die Hälfte aller Betrugsfälle im gehobenen Management auftrat. 2011 sind es immerhin noch 35 %.
  4. Funktionsbereich
    Die meisten Unterschlagungsfälle finden bei Mitarbeitern im Finanzbereich statt. Der Zugang zu Wertgegenständen sowie Einblicke in Finanzströme und Konten scheinen die Möglichkeiten für Betrügereien zu begünstigen. In 2007 fanden 36 % der Betrugsfälle im Finanzbereich statt; in 2011 waren es 32 %. Danach folgen Betrugsfälle, die sich direkt im Support-Bereich des Vorstandsvorsitzenden ereignen, mit 11 % in 2007 und 26 % in 2011. Drittens ist auch der Vertrieb vergleichsweise oft Schauplatz von Unregelmäßigkeiten. 32 % in 2007 bzw. 25 % in 2011 der Fälle traten hier auf.
  5. Dienstzeit
    Der typische Langfinger ist schon mehrere Jahre im Unternehmen unterwegs, hat sich Respekt und Vertrauen von Kollegen und Vorgesetzten erarbeitet und kennt viele Prozesse und Sicherheitslücken genau. Mehr als ein Drittel der aufgedeckten Betrugsfälle wurde von Mitarbeitern mit über 10-jähriger Betriebszugehörigkeit verübt. Mit fast 30 % folgen jeweils solche Mitarbeiter, die sechs bis zehn bzw. drei bis fünf Jahren dem geschädigten Unternehmen angehören.

Diese Zahlen deuten darauf hin, dass die meisten Mitarbeiter zunächst gar nicht vorhaben, Betrügereien zu begehen. Dies entscheidet sich erst später in Laufe des Berufslebens.

Grundlagen

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG untersuchte 348 Betrugsfälle und publizierte die Ergebnisse in dem Beitrag „Who is the typical fraudster?“ in 2011.

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