07.12.2011 | Controllerpraxis

Strategiewechsel ist Hauptgrund für Produktionsverlagerung zurück nach Deutschland

Wenn Unternehmen die Produktion aus dem Ausland zurück nach Deutschland holen, ist dies meistens kein Eingeständnis einer früheren Fehlentscheidung. Vielmehr sind neue strategische Ausrichtungen der Hauptgrund, wie eine neue Studie zeigt.

Die Gründe für eine veränderte Standortpolitik sind sehr unterschiedlich

Oft entsteht der Eindruck, dass Heimkehrer nach Deutschland im Ausland gescheitert wären. Aber dies ist mitnichten der Fall. Deutsche Unternehmen sind zwar nicht gegen Fehlentscheidungen immun, beurteilen ihre Standortentscheidungen aber sehr differenziert. Nur ein kleinerer Teil von ihnen baut seine ausländischen Produktionsanlagen in Deutschland identisch wieder auf. Zu den zentralen Motiven für die Rückverlagerung ausländischer Produktionsstandorte nach Deutschland gehören vielmehr folgende strategische Entscheidungen:

  • Rahmenbedingungen im Ausland ändern sich. Der Gang ins Ausland basiert auf bestimmten Annahmen. Von deren Eintreffen hängt wesentlich ab, ob die Produktionsverlagerung ein Erfolg wird oder nicht:

    • Wachsen die Märkte nicht schnell genug?
    • Wird die Infrastruktur nicht wie erhofft?
    • Können die internen Prozesse nicht schnell genug etabliert werden?

Wenn nicht, ist Umdenken gefragt. Letzte Konsequenz kann der Abbruch der Auslandsinvestition sein.

  • Lage im Ausland wird falsch eingeschätzt. Zuverlässige Daten für komplexe Modellrechnungen zu erhalten ist nicht einfach. Gerade dynamisch wachsende Schwellenländer sind durch Intransparenz gekennzeichnet. Oft fallen Fehleinschätzungen erst auf, wenn es zu spät ist und die Produktion im Ausland bereits angelaufen ist. Die Rückkehr nach Deutschland hat dann eine positive Seite, nämlich optimale Produktionsbedingungen wieder herzustellen.
  • Strategie war nicht stimmig. Der Gang ins Ausland mag auch Resultat einer unstimmigen Unternehmensstrategie sein. Werden die internationalen Standorte nicht optimal aufeinander abgestimmt, kann der parallele Betrieb mehrerer Produktionsanlagen sehr kostspielig werden. In solchen Fällen kann eine Bündelung der Produktion in Deutschland sogar günstiger sein, trotz der vergleichsweise hohen Lohnkosten in Deutschland.

Interessant ist, dass die letzten beiden Gründe von den befragten Unternehmen doppelt so häufig genannt werden wie der erste Grund. D.h., es handelt sich nicht zwangsläufig um eine „Rückkehr in Reue“, sondern vielmehr um einen Strategiewechsel. Auch ist der Strategiewechsel kein Anzeichen von Wertvernichtung im Ausland. Denn die ausländische Produktion kann durchaus profitabel gelaufen sein, bis sich wichtige Faktoren negativ verändert haben.

Die Antworten der befragten Unternehmen räumen mit einem weiteren Vorurteil auf, nämlich dass die meisten Firmen Deutschland nur aus Kostengründen verlassen haben. Dies ist aber selten der einzige Grund. Die Besetzung neuer Märkte und die Anpassung des Produktportfolios an lokale Bedürfnisse sind mindestens genauso wichtig.

Was bei Produktionsentscheidungen zählt

Um einen Standort bestmöglich einschätzen zu können, müssen zahlreiche Faktoren bedacht werden. Wichtig ist, dass nicht nur die offensichtlichen, quantitativen Daten bedacht werden, wie z.B. Löhne, Rohmaterialkosten oder Energiekosten. Weitere Umweltfaktoren sind ebenso entscheidend. Dazu gehören die Infrastruktur, das Ausbildungsniveau lokaler Arbeitskräfte, rechtliche und politische Stabilität. Um diese Faktoren angemessen beurteilen zu können, sind ggf. weitreichende Recherchen und Diskussion mit allen Beteiligten notwendig.

Grundlage

Der Informationsdienst Wissenschaft veröffentlichte am 14.09.2011 den Beitrag „Rückkehr in Reue? Warum Unternehmen ihre Produktion aus dem Ausland nach Deutschland verlagern“. Die Ergebnisse basieren auf der Untersuchung von 95 Unternehmen durch den Bayreuther Wissenschaftler Dr. Dominik Schultheiß vom Lehrstuhl für internationales Management.

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