| Controllerpraxis

Kostenvorteile in China sinken: Produktionsstrukturen auf dem Prüfstand

Chinas Attraktivität für Niedrigkostenmodelle hat seinen Zenit bereits überschritten. Durch starke Steigerungen von Löhnen und Transportkosten sowie den Abbau von Subventionen schwinden die Kostenvorteile. Unternehmen sollten ihre Produktions- und Kostenstrukturen überdenken.

China zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt bis 2025

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich China zu einer starken Wirtschaftsmacht entwickelt. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt wird sich das Land lt. aktueller Schätzungen bis 2025 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den USA entwickeln. Der rasante Fortschritt wurde vor allem durch arbeitsintensive Niedriglohnarbeit im Produktionssektor getrieben.

In den drei großen Industrieclustern entlang Chinas Ostküste haben sich viele ausländische Firmen etabliert. Investitionen ausländischer Firmen, darunter sehr viele deutsche, sowie Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation in 2001 waren Meilensteine dieser Erfolgsgeschichte.

Allerdings gibt es bereits seit geraumer Zeit Anzeichen dafür, dass sich Chinas Rolle als „verlängerte Werkbank“ der Welt wandelt. In welche Richtung entwickelt sich China und welchen Herausforderungen müssen sich gerade deutsche Unternehmen stellen?

Kostenvorteile sind rückläufig

Chinas Kostenvorteile schwinden kontinuierlich. Für viele Unternehmen stellt sich immer mehr die Frage, ob China mittel- und langfristig der geeignete Ort für ihre Produktion ist. Drei Treiber sind für die schwindende Wettbewerbsfähigkeit Chinas unter Kostengesichtspunkten verantwortlich:

  1. Geschäftskontext wird anspruchsvoller
    Lange Zeit haben viele Provinzen in China ihre günstigen Produktionsbedingungen angepriesen, um schnell viele ausländische Investoren mit ihren Kostenvorteilen anzuziehen. Mittlerweile streben die Zentralregierung und viele Provinzregierungen einen Wandel ihrer Wirtschaftsstruktur an. High-Tech- und Dienstleistungszonen sollen errichtet werden. Damit verbunden ist ein fundamentaler Wandel in der Wirtschaftsförderung und den Anreizen für ausländische Investoren. Weniger attraktive, nicht zu dieser Strategie passende Industrien werden stufenweise zurückgefahren. Dazu zählt vor allem die einfache, großvolumige Produktion günstiger Ware.
    Beispielsweise hat das sogenannte „Pearl River Delta“ in der südchinesischen Provinz Guangdong einen Entwicklungsplan bis 2020 vorstellt. Als strategisch wichtige und förderungswürdige Industrien gelten vor allem High-Tech, Automobil, Logistik, Tourismus, Finanzen und IT.
  2. Arbeitnehmerschaft im Wandel
    Chinas Arbeitnehmer galten bislang als genügsam, fleißig und vor allem günstig. Die regulatorischen Anforderungen an Arbeitsverträge und Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren jedoch deutlich verschärft. Die meisten der angestrebten Änderungen nähern sich damit westlichen Ansätzen an – und damit steigen auch die Arbeitskosten. Nachdem Chinas neues Arbeitsrecht Anfang 2008 in Kraft trat, verdoppelten sich innerhalb eines Jahres die arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen. Mehrere Unternehmen mussten zudem Lohnsteigerungen von 33 % hinnehmen. Abgesehen von Lohnsteigerungen hat das Gesetz  z. B. folgende Konsequenzen:

    • Überstunden und Wochenendarbeit werden mit Zuschlägen honoriert.
    • Entlassungen ohne Grund sind verboten. Ältere Arbeitnehmer genießen speziellen Kündigungsschutz.
    • Arbeitgeber sind verpflichtet, für jeden Arbeitnehmer Sozialversicherungsbeiträge abzuführen, auch für ausländische Mitarbeiter.
    • Die Gründung von Gewerkschaften ist erlaubt. Arbeitgeber sind verpflichtet, sich deren Belange anzunehmen.

    Hinzu kommt, dass Chinas demographische Entwicklung durch die Ein-Kind-Politik den Alterungsprozess der Gesellschaft beschleunigt. Dies wird den Wettbewerb um hochqualifizierte Arbeitskräfte verschärfen.

  3. Kostenvorteile schwinden
    Abgesehen von den steigenden Lohnkosten gibt es weitere Kostentreiber, die Chinas Wettbewerbsfähigkeit für arbeitsintensive Industriezweige schmälern. Die Inflation ist in China seit Jahren gestiegen. Selbst im Krisenjahr 2008 gehörte China zu den wenigen Ländern, in denen die Inflation nicht gesunken ist. Hinzu kommen die Aufwertung des Yuan und steigende Export- und Transportkosten. Chinas Export- und Transportkosten sind seit 2006 um fast 50 % gestiegen. Der weltweite Durchschnitt liegt hingegen bei gerade einmal 13 %. Insgesamt könnten die Produktionskosten in China lt. aktueller Schätzungen in den nächsten Jahren um bis zu 75 % steigen. Dies würde die Niedrigkostenmodelle einiger Unternehmen auf eine harte Probe stellen.  

Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Chinas Attraktivität für Niedrigkostenmodelle hat seinen Zenit bereits überschritten. Dennoch bieten sich nach wie vor attraktive Nischen für die klassischen, arbeitsintensiven Industrien. In zahlreichen chinesischen Provinzen entstehen Industrieparks mit geringeren regulatorischen Hürden. Gerade Provinzen in den weniger erschlossenen Regionen im Westen Chinas locken weiterhin mit steuerlichen Anreizen und Preisnachlässen bei der Pacht von Grundstücken, auch für einfache, manuelle Tätigkeiten.

Außerdem sollten Unternehmen ihre Kostenstrukturen in China kritisch überdenken und die Profitabilität unter den oben genannten Prämissen für die nächsten Jahre prüfen. Die Betroffenheit schwankt dabei nach Industrie. Besonders schwer tun sich z. B. die Textil- und Spielzeugindustrie sowie weitere Produktionsbereiche. Einige ausländische Firmen haben sich daher für den Weggang aus China entschieden und  sich in andere Länder wie z. B. Vietnam niedergelassen.

Hier sind auch gerade Controller gefragt. Ihnen kommen gleich mehrere Aufgaben zu, nämlich die Profitabilitätsanalyse bestehender Strukturen und eine Kosten-Nutzen-Analyse möglicher Alternativen.

Grundlagen

Der Beitrag basiert auf einer Analyse der Strategieberatung Roland Berger, die im Dezember 2011 unter dem Titel „The end of the China cycle? How to successfully navigate the evolution of low cost manufacturing“ veröffentlicht wurde.

Aktuell

Meistgelesen