12.05.2011 | Controllerpraxis

Emissionshandel im europäischen Luftverkehr

Der 2012 startende Emissionshandel im europäischen Luftverkehr stellt die Fluggesellschaften vor erhebliche Herausforderungen. Die Deutsche Lufthansa AG hat bereits eine Vielzahl unterschiedlicher Unternehmensprozesse erfolgreich an die neuen Rahmenbedingungen angepasst und eine neue Treasury-Software eingeführt.

Im Rahmen der Controlling World 2011 stellte Bärbel Schwarzer, Leiterin Konzern-Finanzrisikocontrolling Deutsche Lufthansa AG, die Auswirkungen des beschlossenen Emissionshandels im europäischen Luftverkehr für das Unternehmen vor. Beginnend ab 2012 werden alle von einem Flughafen der Europäischen Union (EU) startenden und landenden Flüge in das europäische Emissionshandelssystem einbezogen. Ab diesem Zeitpunkt müssen die betroffenen Luftverkehrsunternehmen Emissionsrechte für die durch ihre Flugzeuge verursachten CO2-Emissionen halten und nachweisen. Zwar ist der Luftverkehr nur für rund 4 % der Treibhausgasemissionen in der EU verantwortlich, allerdings mit steigender Tendenz und weit dynamischeren Wachstumsraten als andere Wirtschaftsbereiche.

Emissionshandel führt zu Mehrkosten für den Luftverkehr in Milliardenhöhe

Im europäischen Emissionshandelssystem wird dem Luftverkehr die Menge an Emissionszertifikaten zugeteilt, die den durchschnittlichen jährlichen Emissionen in den Jahren 2004 bis 2006 entsprechen. Die Europäische Kommission hat diese historischen Luftverkehrsemissionen auf 219.476.343 Tonnen festgelegt. Von dieser Größe werden allerdings die bereits festgelegten Reduktionsziele in Höhe von 3 % in 2012 sowie 5 % in 2013 abgezogen. Diese 3 % bzw. 5 % sowie die zusätzlich durch das ständige Verkehrswachstum im europäischen Luftverkehr verursachten Emissionen müssen von den Luftverkehrsunternehmen mittels effizienterer Flugzeuge und -verfahren oder mittels Zukauf von Zertifikaten, beispielsweise von stationären Emittenten, kompensiert werden. Nach Schätzungen der Luftfahrtindustrie belaufen sich die dadurch verursachten Kosten für den Emissionshandel im Jahr 2012 auf 1,4 Milliarden Euro und werden sich mit stark steigender Tendenz auf insgesamt sieben Milliarden Euro im Jahr 2020 erhöhen.

Frühzeitige Anpassung von Unternehmensprozessen notwendig

Der Konzern Deutsche Lufthansa AG hat schon frühzeitig mit der Vorbereitung auf den Emissionshandel im europäischen Luftverkehr begonnen. Im Rahmen der internen Analyse wurde deutlich, dass Anpassungen in vielen Unternehmensprozessen notwendig sind, um das Thema CO2-Management erfolgreich zu integrieren. Dabei sind insbesondere auch die Funktionen Controlling, Finanzen und Rechnungswesen betroffen (s. Abbildung 2).

Frau Schwarzer betonte, dass insbesondere im Hinblick auf die Datenspeicherung die Luftverkehrsunternehmen vor erheblichen Herausforderungen stehen: mussten bislang einzelne, flugbezogene Informationen wie beispielweise der Kerosinverbrauch oder die Menge des beförderten Gepäckes lediglich für einen Zeitraum von 10 Tagen nach Beendigung des Fluges gespeichert werden, erhöht sich diese Erfordernis im Zuge des beschlossenen Emissionshandels auf nunmehr 10 Jahre.

Einführung einer neuen Treasury-Software

Zusätzlich wurde im Finanzrisiko-Controlling eine neue Treasury-Software eingeführt, da das Unternehmen schon frühzeitig die Notwendigkeit einer Systemunterstützung erkannte. Im Zeitraum August bis November 2009 wurde dafür ein umfangreiches Pflichtenheft erstellt. Dabei mussten Anforderungen für eine Softwareunterstützung definiert werden, ohne dass bereits praktische Erfahrungen im Bereich des Emissionshandels vorlagen. Hier zeigte sich dann auch: „Lediglich 30 % der im Pflichtenheft vorspezifizierten Reports haben in unveränderter Form überlebt“. Nach einer mehrmonatigen Ausschreibung und vier Anbieterworkshops im März 2010 wurde die ausgewählte Software im Zeitraum Mai 2010 bis März 2011 erfolgreich im Unternehmen eingeführt.

Luftverkehrsunternehmen stehen vor weiteren Herausforderungen

Offene Fragen und Planungsunsicherheiten gibt es noch bei zahlreichen Themen. Im Rahmen des Reportings ist beispielsweise unklar, ob die Beimischung alternativer Kraftstoffe bei der Ermittlung der CO2-Emissionen positiv angerechnet werden kann. Eine weitere Problematik ist insbesondere in den vergangenen Wochen noch einmal verstärkt deutlich geworden: Emissionszertifikate unterliegen einem starken politischen Einfluss, der Preis für ein Emissionszertifikat ist im Zuge der Diskussion um den Atomausstieg in Deutschland innerhalb weniger Wochen von 16,50 € auf etwa 18,00 € gestiegen. Die Herausforderung besteht daher darin, diese Volatilitäten im Rahmen des Risiko-Controllings zu berücksichtigen und abzusichern. Abschließend müssen die Luftverkehrsunternehmen den Umstand bewältigen, dass sie erst gegen Ende 2011 erfahren werden, wie viele Emissionszertifikate sie im Rahmen der Zuteilung erhalten. Erst dann sind verlässliche Planungen, insbesondere auch im Hinblick auf den Erwerb zusätzlicher Emissionszertifikate, für das Jahr 2012 durchführbar, allerdings zu spät für die üblichen Intervalle im Rahmen operativen Planung in den jeweiligen Unternehmen, so dass hier mit einem erheblichen zeitlichen Mehraufwand zu rechnen ist.

Der Beitrag beruht auf der Präsentation „Emissionshandel: Eine neue Aufgabe im Finanzrisiko-Controlling“ von Bärbel Schwarzer, Leiterin Konzern-Finanzrisikocontrolling Deutsche Lufthansa AG, im Rahmen der Controlling World 2011 am 12. April 2011 in Frankfurt/Main.

Der Autor

Dipl.-Kfm. Mike Schulze, Strascheg Institute for Innovation and Entrepreneurship (SIIE), EBS Business School.

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