| Götterdämmerung

Kaiser Franz - eine Lichtgestalt im Zwielicht

Dunkle Wolken ziehen auf, um eine Lichtgestalt des deutschen Fußballs
Bild: Uschi Dreiucker ⁄

Der DFB-Skandal frisst seine Akteure. Nach dem Rücktritt von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach muss nun auch die nicht mehr in offizieller Funktion stehende Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, ein Mann, der durch alle Lebenlagen hindurch mit Teflon beschichtet schien, mit ernsthaften Imageschäden rechnen.

Die damaligen Akteure der WM, Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer, aber auch  sein cooler Weggefährte Günter Netzer, geraten immer mehr ins Visier der Medien. Schließlich wurde der DFB-Skandal nicht durch aktuelle Vorgänge ausgelöst, sondern durch Vorgänge, die Jahre zurückliegen und nur zum Teil in den Verantwortungsbereich des jetzt zurückgetretenen DFB-Chefs fallen, den viele deshalb als Bauernopfer betrachten.

Mit dem Sturz des Präsidenten ist es nicht getan

Ihren Ursprung hatte die jetzige Affäre bereits im Jahre 2000. Im Juli, unmittelbar vor der Vergabe der Fußball-WM für 2006, hatte Franz Beckenbauer als Chef des Organisationskomitees der FIFA dem damaligen Vizepräsidenten der FIFA, Jack Warner, finanziell nicht unbedeutende Zusagen zur Vergabe von Übertragungsrechten für Fußballspiele für die von Warner geleitete Concacaf (Confederation of North, Central American and Caribbean Association Football) gemacht.

Der Kaiser hat die WM nach Deutschland geholt

Kurz nach den gegenüber Warner gemachten Zusagen vergab das FIFA-Exekutivkomitee die WM 2006 mit 12:11 Stimmen an Deutschland. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. „Es darf nicht vergessen werden, was der Kaiser alles für den deutschen Fußball getan hat“ - so lauten die Kommentare vieler Fußballgrößen wie Rudi Völler oder Karl-Heinz Rummenigge. Das wird auch keiner vergessen.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob die Vergabe der WM 2006 an Deutschland das Ergebnis eines Bestechungsversuchs war. Und da hat das Aufklärungsinteresse der Öffentlichkeit eindeutig Vorrang vor den freundschaftlichen Verbindungen alter Seilschaften und deren Vertuschungsinteressen.

Verschleiern und vertuschen

Der DFB hat mehrfach jegliche Unrechtshandlung dementiert, allen voran Wolfgang Niersbach. Das war möglicherweise der Kardinalfehler. Verschleiern und vertuschen, wenn die Öffentlichkeit bereits einen Großteil der Informationen kennt - das war schon immer ein großer Fehler und dennoch wiederholen die maßgeblichen Akteure - gleichgültig ob in der Politik oder im Sport - diesen Fehler immer wieder.

Niersbach wusste mehr

Als gesichert kann inzwischen gelten, dass Niersbach von den Absprachen zwischen Beckenbauer und Warner und auch von der ominösen Überweisung von 7,6 Million Euro an die FIFA im Jahre 2006 mehr wusste als er zugab. Diese Lüge war letztlich der Grund für seinen Rücktritt. Und auch da stellt sich wieder die Frage:

Warum müssen in der Öffentlichkeit stehende Funktionäre sich durch Verschleiern und Vertuschen immer weiter im Korruptionsgestrüpp verheddern, wenn doch offensichtlich die Rettung allein in der Wahrheit liegt. Die Flucht nach vorne, nämlich in die Aufklärung der Öffentlichkeit, erweist sich meist als die bessere Verteidigung und kommt auch in der Öffentlichkeit wesentlich besser an.

Schweigen ist Silber, Reden wäre Gold

Entsprechendes gilt jetzt für den Kaiser, aber der war schon immer ein Meister des Verdrängens. Weder war Beckenbauer sich zu schade, Imagepflege für Putins WM in Russland zu betreiben, noch vermochte er die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen leidenden Arbeiter an den diversen Baustellen in Qatar zu entdecken.

Kritik in der Öffentlichkeit ist dem Kaiser zuwider und dennoch haben weite Teile der Öffentlichkeit ihm solche Fehler immer wieder verziehen. Auch wenn er jetzt mit der vollen Wahrheit herausrücken würde, hätte er wohl gute Chancen auf öffentliche Exculpation. Der deutsche Fußball hat dem Kaiser ja wirklich einiges zu verdanken. Lückenlose ehrliche Aufklärung wäre jetzt ein Dienst, der das Bild Beckenbauers in der Öffentlichkeit eher verbessern, denn nachhaltig schädigen würde. Mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen hätte Beckenbauer ohnehin nicht. Hätte er sich strafbar gemacht, es wäre verjährt.

Der Kaiser schweigt weiter

Leider ist Beckenbauer abgetaucht, seit Wochen äußerte er sich nicht mehr öffentlich. Auch für ihn scheint Wahrhaftigkeit eine der schwierigsten Übungen zu sein.

Compliance, die Einhaltung rechtlicher Regeln und die Beachtung ethischer Maßstäbe scheinen weiterhin ein Fremdwort im Fußball zu sein. Brächte der Kaiser jetzt ultimativ Licht ins Dunkel, es wäre ein erster Schimmer von etwas wie ethischer Verantwortung und es könnte die schon leicht beschädigte Lichtgestalt Beckenbauer wieder deutlich erhellen.

Immerhin hat Beckenbauer eine ergänzende Aussage bei der den DFB-Skandal untersuchenden Kanzlei Freshfields in Aussicht gestellt. Es wäre zu hoffen, dass dort dann wirklich alle Karten auf den Tisch kommen. Man wünscht es dem Fußball und seinen Akteuren – und dem Kaiser.

Vgl. zu dem Thema auch:

Fußball und Compliance – zwei unvereinbare Größen?

Blatter will bleiben

Sportartikelhersteller wenig weltmeisterlich

 

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