17.11.2014 | Der Fall Middelhoff

Lehrstück deutlich fehlender Compliance

Deutliche Haftstrafe für Middelhoff - vom Millionär zum Haftanstaltsinsassen
Bild: Haufe Online Redaktion

Das hatte kaum einer der Prozessbeobachter erwartet: Thomas Middelhoff, 61, ehemaliger Arcandor-Chef, muss für drei Jahre hinter Gitter. Er wurde am 14.11. noch im Gerichtssaal verhaftet. Ein Niedergang nicht nur infolge persönlicher Hybris. Es mangelte auch an der eigenen Compliance und der Besetzung des Themas in dem geschädigten Unternehmen.

Ein wahrhaft spektakuläres Urteil, mit dem das LG Essen den Prozess gegen den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Mittellauf abgeschlossen hat. Wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung wurde Middelhoff zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.

Festnahme noch im Gerichtssaal

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung erfolgte die Festnahme Middelhoffs noch im Gerichtssaal wegen Fluchtgefahr. Ein noch am Freitagnachmittag durchgeführter Haftprüfungstermin führte zur Bestätigung des Haftbefehls, unter anderem weil Middelhoff keinen gültigen Ausweis vorlegen konnte.

Am 17. November wird das Gericht in einem erneuten Haftprüfungstermin entscheiden, ob Middelhoff möglicherweise gegen Zahlung einer Kaution vorläufig wieder auf freien Fuß kommt oder ob er in Untersuchungshaft bleiben muss. Sein Anwalt Winfried Holtermüller hat bereits die Einlegung der Revision angekündigt.

Die Vorwürfe

Die Hauptvorwürfe gegen Middelhoff betrafen seine Tätigkeit bei Arcandor. Über Jahre hatte er seinem Arbeitgeber Flugkosten in Rechnung gestellt für Flüge, die mit seiner Tätigkeit bei Arcandor nichts zu tun hatten.

  • Zur Wahrnehmung eines Aufsichtsratsmandats bei der New York Times stellte Middelhoff seinem Arbeitgeber eine Rechnung über mehr als 90.000 Euro aus, die dieser bezahlte.
  • Seinem Förderer beim Medienkonzern Bertelsmann, Mark Wössner machte er zu dessen siebzigjährigem Geburtstag eine repräsentative Festschrift zum Geschenk. Die Erstellung kostete mehr als 180.000 EUR, die ebenfalls Arcandor bezahlte.

Diese beiden Fälle wertete das Gericht als Untreue in einem jeweils besonders schweren Fall, für die das Gesetz eine Höchststrafe von zehn Jahren androht. Die Steuerhinterziehungen ergaben sich daraus, dass Arcandor durch die Inrechnungstellung vorsteuerabzugsberechtigt war, obwohl die Rechnungen nicht hätten erstellt werden dürfen.

Verwöhnwochenenden in St. Tropez

In seinem Ferienhaus in Südfrankreich hatte Middelhoff für die Managerriege seines Arbeitgebers mehrfach Verwöhnwochenenden organisiert. Die Bewirtungs- und Unterbringungskosten hat er zum Teil selbst bezahlt, zum Teil wurden sie von Arcandor beglichen. Bei diesen Treffen wurden auch geschäftliche Angelegenheiten besprochen.

So fasste man in geselliger Runde bei einem Glas südfranzösischem Rotwein den Entschluss, 4.000 Mitarbeiter zu entlassen. Der Vorsitzende Richter Jörg Schmitt betonte, eine solche Runde sei wohl eher eine Geschmacksfrage. Rechtlich wertete er diese Vorgänge, die zumindest teilweise geschäftlich inspiriert waren, nicht als Untreue.

Lebensleistung als Strafmilderungsgrund

Das Gericht betonte, dass es sich mit der verhängten Strafe am unteren Rand dessen bewege, was das Gesetz bei einem solchen Delikt zulasse. Insbesondere die Gesamtlebensleistung des ehemaligen Arcandor- Chefs sah das Gericht als strafmildernd an. Middelhoff war im Jahr 1994 bei Bertelsmann als Vorstand eingestiegen und von 1998 bis 2002 Vorstandschef. Nach einem Abstecher in eine britische Fondsgesellschaft wurde er 2004 Aufsichtsratschef von Karstadt-Quelle und war dort von 2005-2009 Vorstandsvorsitzender, ab 2007 dann beim Mutterkonzern Arcandor. Nach seinem Abgang bei Arcandor meldete das Unternehmen Insolvenz an. Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat er wohl ruiniert.

Bei Bertelsmann viel erreicht

Die zu würdigende Lebensleistung bezog das Gericht denn auch im wesentlichen auf seine Tätigkeit bei Bertelsmann, während der er das Eigenkapital des Unternehmens verachtfacht und den Umsatz verdoppelt hat.

Strafverschärfend: abenteuerlichen Ausreden

Im Hinblick auf seinen aufwändigen Lebenswandel erkannte das Gericht auf eine besondere Haftempfindlichkeit. Zu Ungunsten des Angeklagten wertete der Richter allerdings die nach seiner Auffassung „abenteuerlichen Ausreden“, die sich der Angeklagte einfallen habe einfallen lassen.

Compliance – für Middelhoff ein Fremdwort

Wenn ein Vorstandsvorsitzender glaubt, sein Arbeitgeber müsse sechsstellige Beträge für seine privaten Belange zahlen, fallen einem unwillkürlich die Kündigungen wegen einer gestohlenen Frikadelle oder zu Unrecht eingetauschter Kassenbons ein.

Wie ist es dennoch möglich, dass einem Mann an der Spitze eines Unternehmens angesichts der Schadensummen jegliches Unrechtsbewusstsein fehlt? Und Middelhoff hat keinerlei Unrechtsbewusstsein gezeigt.

Nobel zu Gericht

Bis zum Schluss ist er selbstbewusst aufgetreten, hat seinen luxuriösen Lebensstil weitergeführt. Obwohl er im Juli diesen Jahres bei der Gerichtsvollzieherin in Essen seine Vermögensauskunft erteilt hat (früher Offenbarungseid), hielt er es für angemessen, zur Gerichtsverhandlung mit einem Fahrzeug im Wert von 187.000 Euro vorzufahren. Was Middelhoff offensichtlich völlig abgeht, ist jegliche Art von Bewusstsein davon, was in der jeweiligen Lebenssituation als angemessenes Verhalten zu werten ist.

Der Niedergang des Thomas Middelhoff – ein Votum für Compliance-Regeln

Letztlich fehlte Middelhoff von Anfang an eine unternehmerische Compliance, ein Wertekatalog für unternehmerisches Handeln. Compliance-Regeln existierten damals bei Arcandor offensichtlich nicht oder jedenfalls nicht in ausgeprägter Form. Nur solche Unternehmen, die angemessene Compliance-Regeln aufzustellen, Regeln gegen Korruption und für eine transparente Unternehmensethik, die ihre Mitarbeiter einschließlich der Vorstände auf die Einhaltung dieser Regeln verpflichten, darin schulen und eine Einsicht in die Erforderlichkeit einer Verantwortungsethik schaffen, können sich und auch ihre Mitarbeiter gegen solche katastrophalen Entwicklungen wie im Fall Middelhoff wirksam schützen.

Schlagworte zum Thema:  Compliance-Regel, Compliance-Kultur, Compliance-Organisation, Compliance-Management

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