Datenschutz-Skandal um Cambridge Analytica schwächt Facebook

Nicht nur Facebook / Zuckerberg haben mit den Folgen des Daten-GAUs um 87 Mill. Nutzer-Daten zu kämpfen. Dem Datensünder "Cambridge Analytica" schien der Fluch der bösen Tat den Garaus zu machen: Insolvenz wegen zu hoher Anwaltskosten und abgeschreckter Kunden. Doch das Geschäftsmodell erweist sich als zäh. Unter derselben Adresse und mit deckungsgleichen Geldgebern und Geschäftszweck ist noch "Emerdata" am Start.

Der Facebook-Skandal um die bei Cambridge Analytica gelandeten Daten, deren Zahl sich im Nachhinein als deutlich höher erwiesen hat, schien zumindest Cambridge Analytica zum Verhängnis zu werden.

Insolvenz von Cambridge Analytica wegen Anwaltskosten und Kundenflucht

Der Facebook-Daten-Gau und die widerrechtliche Nutzung von Millionen Facebook-Daten für Polit-Manipulationsversuche schienen der britisch-amerikanische Firma Cambridge Analytica das Genick zu brechen. Die Firma kündigte auf den 2.5. ihre Insolvenz an, weil die Anwaltskosten in Folge der unzulässigen Datennutzung sie überforderte und die Kunden sich nach ihren Angaben verabschiedeten.

Noch nicht vorbei: Emerdata macht mit gleicher Besetzung weiter 

Die Insolvenz scheint aber nicht die letzte Zuckung dieses Geschäftsmodells bei gleicher Besetzung zu sein. Unter derselben Adresse wie Cambridge Analytica wurde schon im vergangenen Jahr mit "Emerdata" ein weiteres Unternehmen im Handelsregister eingetragen, das von der gleichen Mannschaft betrieben und finanziert wird, wie bisher "Cambridge Analytica", u.a. Rebekah Mercer, die zu den einflussreichsten Wahlkampf-Unterstützern Trumps gehörte.

Der Geschäftszweck laut britischen Handelsregister: Datenverarbeitung und dazugehörige Aktivitäten. Die Protagonisten von Daten-Dealerei und  -Missbrauch scheinen. ähnlich der griechischen Hydra, recht langlebig.

EU-Parlament will Zuckerberg befragen

Wegen des Facebook-GAUs um 87 Mill. Nutzer-Daten besteht das EU-Parlament nach wie vor auf Anhörung Zuckerbergs, der langsam zur negativen Datenschutz-Symbolfigur wird. Parlamentarier aller Parteien äußerten sich in einer Parlamentsansprache schockiert über die Auswüchse der datengetriebenen Wirtschaft und dringen auf strengere Einhaltung des Datenschutzes und Anwendung der E-Privacy-Verordnung.

Eine Parlamentarierin der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) sah sich an die Science-Fiction-Literatur von Orwell (Animal Farm) und Huxley (Brave New World) über Gewaltherrschaften erinnert angesichts des offenbar gewordenen "Missbrauchs demokratischer Prozesse". Facebook & Co. hätten digitale Machtsysteme aufgebaut, "die gegen uns genutzt werden".

Seitens eines österreichischen Christdemokraten wurde die Befürchtung geäußert, Facebook werde es auch dem russischen Geheimdienst ermöglichen, die Plattform zu missbrauchen.

Begrüßt wurde, dass die Datenschutzgrundverordnung durch Zuckerberg schon vor dem Inkrafttreten einen Bekanntheitsschub erfahren habe und zu einer Art "weltweiter Norm" geworden sei.

Das EU-Parlament besteht darauf, Zuckerberg persönlich zu dem Thema zu befragen und Parlamentspräsident Tajani lehnt Zuckerbergs Angebot ab, seinen Stellvertreter Joel Kaplan zu diesem Thema ins Parlament zu schicken.

Kommt er oder kommt er nicht?

Zuckerberg will sich dem EU-Parlament wohl nur unter bestimmten Voraussetzungen stellen. Seine vermeintliche Zusage für eine Anhörung ist nicht unbestritten.Von der der Europäischen Volkspartei hieß es, die  Einladung sei unter Bedingungen angenommen worden, laut Sprecher des Parlamentspräsidenten Antonio wartet man noch immer auf eine Antwort.

Facebook ist für Datenschützer schon lange ein rotes Tuch

Gegenwind von vielen Seite

Firmengründer Mark Zuckerberg zeigte sich derweil demütig, verspricht, auch vor dem amerikanischen Kongress Besserung, doch die Aktie sinkt und unter dem "#Delete Facebook" melden sich viele User bei Facebook ab und nun fordern auch Investoren seinen Rücktritt.

Sein Auftritt vor dem amerikanischen Kongress half ihm nicht und überzeugte wenig. Schon die Fragen gingen zum Teil am Thema vorbei, solchen nach der Datenverwendung durch seinen Konzern wich er aus, und selbst einfache technische Details schien er nicht zu kennen.

Die allgemeine Empörung scheint nun das Thema Datenschutz und Digitalisierung und die Hilflosigkeit gegenüber Datenmissbrauch und Datenkapitalismus am Social-Media-Riesen Facebook und insbesondere an Zuckerberg festzumachen.

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An der Börse verloren die Facebook-Aktien deutlich an Wert.

Was geschah zwischen  Facebook und Cambridge Analytica mit den Nutzerdaten?

Das Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica hatte sich indirekt Nutzerdaten aus rund 50 Millionen Facebook-Profilen verschaffen können.
  • Diese Daten wurden anschließend dazu genutzt, um politische Werbekampagnen zu „optimieren“.
  • So wurden etwa im US-Präsidentschaftswahlkampf anhand dieser Daten ganz gezielt Anhänger von Donald Trump mit Botschaften auf Facebook umworben,
  • während man zugleich versuchte, Anhänger von Hillary Clinton durch entsprechende Postings zu verunsichern bzw. zu demotivieren.
  • Auch schon bei der Abstimmung über den Brexit sollen auf diesem Wege die Befürworter des Austritts unterstützt und Gegner geschwächt worden sein. 

Datengewinnung  aus einem Psycho-Test

Cambridge Analytica erhielt die Daten dabei nicht direkt von Facebook, sondern von einem britischen Wissenschaftler, der eine Facebook-App mit einem Test zur Ermittlung eines psychologischen Persönlichkeitsprofils angeboten hatte.

  • Über diese App wurden jedoch nicht nur die Daten der rund 270.000 Nutzer erfasst,
  • zugleich wurden auch Informationen zu den Facebook-Freunden dieser Nutzer erhoben.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von „Cambridge Analytica“ hat den Datenklau öffentlich gemacht.

Datensammlung wurde von Facebook für wissenschaftliche Zwecke erlaubt

Angeblich war diese Datensammlung von Facebook nur für wissenschaftliche Zwecke erlaubt worden. Doch der Psychologieprofessor, der die App entwickelt hatte, soll die gesammelten Daten anschließend unter Missachtung der Facebook-Richtlinien und des Datenschutzes an Cambridge Analytica weitergegen haben, wo sie dann für die oben genannten Zwecke genutzt wurden.

Facebook hatte sich nicht engagiert um Schadensbegrezung bemüht

Nachdem die Weitergabe der Daten bekannt geworden war, soll Facebook zwar deren Löschung verlangt,

  • jedoch keine weiteren Bemühungen unternommen haben, um die Einhaltung dieser Forderung durchzusetzen und zu überprüfen.
  • Auch unterrichtete das Unternehmen die Öffentlichkeit nicht über den Daten-Missbrauch. 

Heftige Reaktionen auf Nutzerdaten-Desaster

Nach dem Bekanntwerden des Vorfalls könnten Facebook seine stoische Haltung bedauern.

  • So drohen etwa drastische Sanktionen durch die US-Handelsaufsicht FT, sofern diese Vorgänge als Verstoß gegen ein Datenschutzabkommen eingestuft werden sollten, das vor gut sechs Jahren zwischen der Behörde und Facebook geschlossen wurde.
  • Hier könnten pro Einzelfall bis zu 40.000 US-Dollar Strafe fällig werden, sodass sich die Gesamtstrafe theoretisch bis auf 2 Billionen Dollar belaufen könnte. Wenngleich es sich dabei nur um eine theoretische Strafsumme handelt, bestätigte ein Sprecher der FTC, dass eine sehr hohe Strafe fällig werden könne.
  • Zudem wird auch überprüft ob Facebook in diesem Fall gegen weitere amerikanische oder europäische Gesetze verstoßen hat. Auch in Deutschland behält man sich weitere Schritte vor. So hat etwa Justizministerin Katarina Barley angekündigt, einen Vertreter des Sozialen Netzwerks zu laden, um ausreichende Erklärungen zu dem Fall zu erhalten.
  • Die EU-Justizkommissarin Vera Jourová sieht durch diesen Fall nicht nur Gefahren für die persönlichen Daten, sondern eine Bedrohung der Demokratie.

Facebook hat Verbesserungen angekündigt

Mittlerweile hat auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg auf die Vorwürfe reagiert. In einem TV-Interview räumte er ein, dass man Fehler begangen habe, wies aber zugleich noch einmal darauf hin, dass die Daten unrechtmäßig an Cambridge Analytica weitergegeben worden seien.

  • Künftig wolle man die Daten der Nutzer besser schützen.
  • Man habe bereits Maßnahmen ergriffen, um die Zugriffe von Apps die Nutzerdaten einzuschränken.
  • So sollen Apps von Drittanbetern generell nur noch auf wenige Grundinformationen wie Name. Mail-Adresse oder Profilfoto zugreifen können.
  • Ebenso sollen Apps, die man länger als drei Monate nicht mehr verwendet habe, automatisch die eingeräumten Zugriffsrechte verlieren.

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Hintergrund:

Werbenetzwerke, die das Nutzungsverhalten von Websurfern aufzeichnen und aus diesen Daten Empfehlungen für passende Werbebanner erstellen, sind für Datenschützer schon lange ein Ärgernis. Auch wenn die Daten hier in anonymer Form genutzt werden, sehen die Kritiker in diesem Vorgehen eine weitreichende Überwachung und fordern schon seit langem eine bessere Möglichkeit für die Internetnutzer, sich dieser Kontrolle entziehen zu können.

Noyb (None of your Business)

Der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems, der Facebook schon lange wegen seine Datenschutzmängel angreift, ist dabei, eine neue Organisation auf die Beine zu stellen, mit der Datenschutzrechte besser geschützt werden sollen.

Der Datenschützer Max Schrems ist vor allem durch seine Klagen gegen Facebook bekannt geworden, in deren Folge sogar das bis dahin gültige Datenschutzabkommen Safe Harbor zwischen der EU und den USA gekippt wurde.

Mit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) im Mai werden auch Verbände ein Klagerecht bekommen. Mit dem von ihm mitbegründeten neuen Verein namens Noyb (None of your Business – Geht Dich nichts an) können dann Ansprüche mehrerer Personen gebündelt werden. Noyb (None of your Business) läuft als Crowdfunding-Projekt an den Start, um die erweiterten Rechte und verschärften Sanktionen der Datenschutzgrundverordnung zu nutzen.

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