03.06.2015 | Fehlende Fußball-Compliance

Blatter geht - aber wer räumt den FIFA-Stall auf?

Blatter muss vom Platz - Kronzeuge sagt über FIFA-Korruption aus
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Der FIFA weht der Wind ins (korrupte) Gesicht. US-Strafverfolger spielen mal wieder die Rolle des Welt-Polizisten. Trotz sieben hohen in der Schweiz verhafteten FIFA-Funktionären konnte Blatter seine Wahl noch durchboxen, doch jetzt muss auch er schließlich weichen.

Nicht die allgemeine Empörung in den Medien scheinen Blatter zum Rücktritt gedrängt zu haben. Auch der sich aufbauende Druck großer Sponsoren und Werbepartner gab nicht den Ausschlag. Es waren wohl seine Anwälte, die ihm mit Blick auf die sich zuziehende Schlinge der US-Fahnder vom Platz schickten.

10 Millionen Dollar für WM-Vergabe und ein Kronzeuge

Die US-Behörden haben wohl eine Überweisung der FIFA in Höhe von insgesamt 10 Millionen Dollar an Jack Warner aufgedeckt, offenbar ein Obolus im Rahmen der Vergabe der WM 2010 an Südafrika.

Die Überweisung soll laut New York Times der Generalsekretär der FIFA, Jerome Valcke, ehemaliger Fifa-Vizepräsidenten und langjähriger Chef der nord- und mittelamerikanischen Föderation Concacaf, veranlasst haben. Valcke, der den Vorgang dementiert, ist einer der engsten Vertrauten von Sepp Blatter. Richtig eng wird es aber, weil ein Kronzeuge aussagt, der ehemalige Fifa-Funktionär Chuck Blazer, der selbst wohl rund 750.000 Dollar erhielt, jetzt aber nach dem Motto „rette sich wer kann“ mit dem US-Bundesstaatsanwalt kooperiert.

Ethikkommission der FIFA kam schon lange nicht mehr nach

Die Ethikkommission der FIFA hatte in den letzten Jahren schon genug zu tun. In ihrem Auftrag hat FIFA-Chef-Ermittler Michael Garcia die Details zu den Vergabepraktiken der Fußballweltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar untersucht. Nach Erstellung des Abschlussberichtes konnte der deutsche Richter Hans Joachim Eckert als Vorsitzender der rechtsprechenden Kammer der FIFA keine gravierenden Verstöße bei den WM-Vergaben feststellen. Der Einspruch Garcias hiergegen war erfolglos. Entnervt trat Garcia daraufhin von seinem Amt zurück.

US-Ermittler – geübt in der Bekämpfung mafiöser Strukturen - schlagen zu

Nun haben die US-Strafverfolger das Zepter in die Hand genommen. Die US-Justiz ist in Fällen von Korruption, Untreue, Steuerhinterziehung und Geldwäsche äußerst hartnäckig. Das US-amerikanische Recht kennt seit Jahren spezielle Vorschriften für die Bekämpfung mafiöser Strukturen, die auch im Falle FIFA zur Anwendung kommen.

  • Nach den US-Gesetzen sind staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen im Ausland begangener Straftaten nicht nur gegen US-Staatsbürger möglich.
  • Die USA fühlen sich schon dann zuständig, wenn Straftaten in irgendeiner Form mit den USA in Berührung stehen.
  • Hierzu genügt ein Geldtransfer über eine US-amerikanische Bank oder auch schon die Versendung einer Mail, die über einen Internet-Server in den USA läuft.

Verdacht der Geldwäsche

US-Justizministerin Loretta Lynch weist darauf hin, dass Fußballfunktionäre Schwarzgelder über amerikanische Banken gewaschen hätten und auch sonst hinreichende territoriale  Berührungspunkte mit den USA bestünden, die eine Zuständigkeit der US-Ermittler rechtfertigen.

Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass es nicht die Aufgabe von US-Strafverfolgern sein kann, die Korruption bei dem in der Schweiz ansässigen gemeinnützigen Verein FIFA zu bekämpfen. Sie mahnen dringend den Aufbau geeigneter Strukturen bei der FIFA selbst an, um den Korruptionssumpf dauerhaft trocken zu legen.

International einheitliches Korruptionsstrafrecht erforderlich

Mark Pieth, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Basel – als ehemaliger Präsident des Independent Governance Commitee der FIFA keineswegs unumstritten - fordert Initiativen der internationalen Staatengemeinschaft. Die Staatengemeinschaft habe die Pflicht, die internationale Rechtslage so zu gestalten, dass in weltweit operierenden Konzernen wie der FIFA, eine wirksame Korruptionsbekämpfung möglich ist.

Staatengemeinschaft in der Pflicht

Bisher habe der FIFA ein mehr oder weniger rechtsfreier Raum zur Verfügung gestanden, der Machtpolitikern und gierigen Geschäftemachern jeden nur denkbaren Freiraum für korrupte Vereinbarungen geboten habe.

  • Deshalb hätten die Staaten, in denen die Dachverbände des Sports (FIFA, UEVA, IOC) ihren Sitz haben, die Pflicht, rechtliche Strukturen zu schaffen, die eine Aufsicht dieser Verbände ermögliche.
  • Hierzu sei international eine Vereinheitlichung des Korruptionsstrafrechts dringend geboten.

Länderübergreifend mächtige Organisation wie die OECD muss tätig werden

Nach Auffassung von Pieth wäre die OECD eine geeignete Organisation, eine internationale Rechtsvereinheitlichung zu initiieren. Dort seien alle Staaten vereinigt, in denen die Sport-Dachverbände ihren Sitz haben. Eine Organisation wie die OECD sei auch in der Lage, wirksame Mechanismen zur Kontrolle der Einhaltung von Anti-Korruptionsvorschriften einzusetzen.

Durchgreifender Strukturwandel der FIFA erforderlich

Aber nicht nur internationale Organisationen, auch die Sportverbände selbst, allen voran die FIFA, sind gehalten, eine glaubwürdige Anti-Korruptionscompliance zu implementieren. Hierzu wäre erforderlich, dass die Verbände

  • Richtlinien zu einer eigenen Verbandsethik entwickeln,
  • verbindliche und klare Transparenzregeln schaffen,
  • demokratische Strukturen einführen,
  • einen unabhängigen Aufsichtsrat sowie
  • eine unabhängige Verbandsjustiz einrichten, die mit juristisch integren Persönlichkeiten (wie z.B. ehemaligen Richtern) besetzt ist.

Wer kommt jetzt?

Dass die FIFA unter ihrem neu gewählten Präsidenten Blatter die Kraft gehabt hätte, eine dermaßen durchgreifende Strukturreform zu schaffen, hatte wohl niemand geglaubt. Nun wird es jedenfalls nicht mehr dazu kommen. Der ehemalige Bundeskanzler und Putin-Kumpel Gerhard Schröder hat laut Rheinischer Post bereits wissen lassen: „Ich könnte auch FIFA-Präsident“ – aber er habe kein Interesse.

Vgl. auch:

FIFA-Funktionäre unter korruptionsverdacht

Anti-Korruptionsgesetz

Russischer Umweltaktivist in Sotschi zu Lagerhaft verurteilt - weitere Festnahmen

 

Schlagworte zum Thema:  Fußball, Geldwäsche, Korruption

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