| Marode Moralapostel

Compliance-Regelwerke bei Banken oft nur Fassade? Stephen Green und HSBC

Wasser predigen und Wein trinken - sind viele Compliance-Regelwerke nur Fassade?
Bild: Haufe Online Redaktion

Eine Kultur hoher ethischer Standards und die Vereinbarkeit von Moral und Geldgeschäften - das war die Botschaft des früheren HSBC-Chefs Stephen Green. Nun sind die hehren Grundsätze wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Der Lord und zeitweilige Handelsminister wird mit Blutdiamanten und Waffengeschäfte und Steuerhinterziehungsstrukturen in Verbindung gebracht. War sein Moralgetöse nur ein Ablenkungsmanöver?

Er war nicht nur viele Jahre Verwaltungsratschef der britischen Großbank HSBC, er war - und ist – auch ordinierter Laienprediger der anglikanischen Kirche. Er hat vehement die Theorie vertreten, dass Geld, Moral und Religion sich nicht ausschlössen.

Über Moral veröffentlicht, trotzdem vom Sockel gefallen

Stephen Green hat zur Zukunft der Redlichkeit sogar ein vielbeachtetes Werk verfasst „Wahre Werte – über Moral, Geld und die Zukunft“. 2010, während des Abflauens der Finanzkrise, kam es als eine der ersten Analysen zur Krise auf den Markt.

Nach seiner Bankentätigkeit war Green einige Jahre Handelsminister in Großbritannien. Jetzt steht er im Kreuzfeuer der Abgeordneten.

Geheime Unterlagen des Bankhauses HSBC

Ein Mitarbeiter der Bank hatte im Jahr 2008 geheime Unterlagen des Bankhauses mitgehen lassen und diese der ICIJ (Organisation investigativer Journalisten) zur Auswertung übermittelt (Whistleblowing zur Aufdeckung von Rechtsverletzungen). Die Ergebnisse dieser Auswertung sind niederschmetternd.

Waffengeschäfte und Blutdiamanten; Betrüger oder Dummkopf?

Die von ihm propagierten hohen Werte hat er offensichtlich während seiner Aufsichtsratstätigkeit in der Bank nicht implementieren können oder implementieren wollen. Heute wird ihm vorgeworfen, dass während seiner Tätigkeit als Verwaltungsratschef die Bank sich – besonders in der Schweiz - an Geschäften mit Waffenschiebern bereichert und das Geld aus dem Handel mit Blutdiamanten gehortet habe.

Im großen Stil Steuervermeidungsstrategien entwickelt

Im großen Stil habe die Bank unter seiner Zeit als Verwaltungsratschef Steuervermeidungsstrategien entwickelt und den Kunden bei der Hinterziehung von Steuern massiv geholfen (Swiss-Leaks).

Die große Frage lautet: Hat Green von diesen Praktiken gewusst, hat er sie möglicherweise sogar forciert – dann wäre er ein großer Betrüger - oder hat er von alldem als Bankenchef nichts bemerkt – dann wäre er als Verwaltungsratschef eher ein naiver Dummkopf.

2 Milliarden Dollar freiwillige Strafzahlungen

Im Jahre 2012 hatte die HSBC sich mit den Justizbehörden in den USA verglichen. Äußerst unangenehme Ermittlungen wegen Geldwäsche konnten mit einer Zahlung von knapp 2 Milliarden Dollar beendet werden. Sollte sich nun herausstellen, dass die Bank auch US-Bürgern in erheblichem Umfange mit Steuervermeidungsstrategien unter die Arme gegriffen hat, so wäre die Einigung möglicherweise nicht mehr rechtswirksam. Dies würde umso mehr gelten, wenn sich auch noch der Vorwurf bestätigen würde, dass die Bank durch Handel mit Devisen die Märkte in unzulässiger Weise manipuliert hat.

Compliance als reine Show Veranstaltung?

Während der Bankenkrise selbst war die HSBC nie in den Strudel staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen geraten. Der Grund dafür könnte exakt darin gelegen haben, dass Green während dieser Zeit die unsauberen Geschäfte anderer Geldhäuser lautstark gegeißelt und immer wieder auf die hohen ethischen Standards der eigenen Bank verwiesen hat.

Moraltheater als Schutzschirm?

Britische Labour-Abgeordnete unken bereits, dass das ganze Compliance-Gerede des Verwaltungsratschefs ein Täuschungsmanöver war, das vor allem dazu diente, von den eigenen unseriösen Praktiken abzulenken. Compliance als Deckmantel, hinter dem die eigenen unsauberen Geschäfte versteckt werden - das wäre für die mit hohem Kostenaufwand entwickelten Compliance-Regelwerke der Geldhäuser der Super-Gau - es wäre eine fundamentale Kapitulation jeder Ethik vor der Macht der Gesetze des Geldmarktes.

Das Aus für den ehemaligen Bankenchef

In der vergangenen Woche hat der zum Lord geadelte Stephen Green seinen Rücktritt von seinem Posten als Beirat des britischen Bankenverbandes erklärt. Der „Moralapostel“ der Bankenwelt hatte in der Vergangenheit mit seinen Forderungen nach einem „besseren Risikomanagement“, einer besseren Marktregulierung, der Forderung nach „klaren Verantwortlichkeiten in den Führungsgremien“ und seinem Eintreten für eine effiziente Kontrolle die Bankenwelt häufig aufgeschreckt.

Nach Auswertung der Bankdaten durch die britischen Steuerbehörden mussten inzwischen Tausende britische Staatsbürger insgesamt einen dreistelligen Millionenbetrag (britische Pfund) an Steuernachzahlungen und Strafen leisten. Das sieht nicht nach einem durchschlagenden Erfolg der Compliance-Bemühungen des ehemaligen Bankenchefs Green aus. Bleibt nur zu hoffen, dass das Beispiel HSBC nicht symptomatisch für das Verhältnis der Bankhäuser zu den von ihnen selbst aufgestellten Compliance-Regelwerken ist.

Vgl. zu dem Thema:

Compliance bei Banken

"Das alte Geschäftsmodell der Schweizer Banken ist nicht mehr akzeptabel"

Härtere Strafen für Banken bei Steuervergehen

Schlagworte zum Thema:  Bank

Aktuell

Meistgelesen