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Die bitterbösen Folgen mangelnder Regeltreue bei VW

Compliancemängel können auch große Marken ramponieren
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die Krise bei VW entwickelt sich zu einem Lehrstück für die möglichen katastrophalen Folgen der massiven Verletzung von rechtlichen Regeln. Die Irreführung der Verbraucher durch Tricksereien bei den Abgas- und Verbrauchswerten hat nun negative wirtschaftliche Folgen für das gesamte Unternehmen und seine Mitarbeiter.

Der Skandal um manipulierte Emissionswerte und getürkte Verbrauchsangaben bei VW zieht immer weitere Kreise. Nach den erheblichen Strafzahlungen in den USA und den Schadenersatzzahlungen an US-Kunden sowie angesichts anhängiger und erfolgreicher Klageverfahren und drohender weiterer Schadensersatzzahlungen in Europa gerät der deutsche Vorzeigekonzern immer weiter unter Druck.

Aktienkurs massiv eingebrochen

Seit Beginn der Affäre ist der Aktienkurs massiv eingebrochen.

Trotz zwischenzeitlicher Erholungstendenzen ist der Aktienwert im Ergebnis um ca. ein Drittel gesunken.

Zur Finanzierung der erheblichen, auf den Konzern zukommenden Kosten, sind hohe Rückstellungen und Einsparungen erforderlich. Zugleich muss der Konzern, um wettbewerbsfähig zu bleiben, in großem Stil in den Bereichen Elektromobilität und Digitalisierung investieren

Massiver Stellenabbau geplant

Betriebsrat und Unternehmensführung haben sich nun auf den massiven Abbau von Beschäftigten geeinigt. 624.000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern weltweit, 280.000 davon in Deutschland.

  • Bis zum Jahre 2020 sollen nun weltweit 30.000 Stellen abgebaut werden,
  • 20.000 davon allein in Deutschland.
  • Dies bedeutet in Deutschland einen Stellenabbau um ca. 7 %.

Es besteht derzeit noch die Absicht, den Stellenabbau ohne betriebsbedingte Kündigungen zu bewerkstelligen. Der Aufsichtsrat von VW wird sich am 18.11. mit diesen Plänen beschäftigen, seine Zustimmung gilt aber als wahrscheinlich.

Systematische Täuschung der Verbraucher

VW wird an weitergehenden, durchgreifenden Strukturmaßnahmen nicht vorbeikommen. Auch wird die Konzernleitung umfassende Maßnahmen einleiten müssen, um das Vertrauen der Kunden wieder zurückzugewinnen.

Wie sehr VW und andere Autohersteller getrickst haben, haben nicht nur amerikanische Umweltbehörden sondern auch deutsche Umweltverbände unter Führung des ehemaligen Leiters des Verkehrsressorts im Umweltbundesamt, Axel Friedrich, untersucht.

Nach dessen Feststellungen werden die Verbraucher systematisch über die wahren Verbrauchswerte und Emissionswerte der von ihnen gekauften Fahrzeuge – nicht nur von VW - getäuscht.

  • Wie aus den durchgeführten Messungen hervorgeht, werden Fahrzeuge von den Herstellern unter völlig unrealistischen Bedingungen getestet.
  • Fahrzeuge würden quasi nackt, das heißt ohne Nebenaggregate und die üblichen Energieverbraucher - wie zum Beispiel die Klimaanlage - und mit wenig seriennahen Reifen auf den Prüfstand gestellt,
  • ohne dass dies von öffentlichen Stellen, zum Beispiel vom Umweltministerium gerügt oder auch nur überprüft wird.

Der Automobilhersteller bewegten sich zwar im rechtlichen Rahmen, haben den Verbrauchern aber kein realistisches Bild von den tatsächlichen Verbrauchswerten vermittelt.

Missachtung von Compliance nahm in den letzten Jahren massiv zu

Friedrich beanstandet vor allem, dass diese Tendenzen sich in den letzten Jahren erheblich verstärkt haben.

  • Lagen die Verbrauchs- und Emissionswerte vor zehn Jahren noch ca. 15 % unter den in der Realität auftretenden Werten,
  • so liege die Differenz heute bei über 40 % darüber,
  • wobei schwere und große Fahrzeuge überproportional stark betroffen seien und häufig mehr als 50 % mehr Abgase in die Luft jagen und mehr Sprit verbrauchen, als angegeben.

Insbesondere der Spritverbrauch sei Käufern von Luxusfahrzeugen aber auch häufig nicht so wichtig. Diese Entwicklung ist angesichts der gerade in den letzten Jahren häufig zu hörenden hehren Versprechungen zur Beachtung der Vorschriften zum Schutz der Umwelt und den Bekenntnissen der Vorstände zu Regeltreue, zu Compliance schon erstaunlich.

Offensichtlich hat die Erarbeitung umfassender Compliance-Regelwerke und der Einsatz von Compliance-Beauftragten bei Volkswagwen noch zu keinem umfassenden Bewusstseinswandel geführt und ein Umdenken steht eher am Anfang.

Eliminierung von Schummel-Software muss staatlich kontrolliert werden

Daneben beanstandet Friedrich die Manipulation der Messungen durch besondere Softwareentwicklungen eigens zu dem Zweck, die Verbrauchs- und Emissionswerte günstiger aussehen zu lassen.

Die Software erkennt häufig, ob ein Fahrzeug auf dem Prüfstand steht oder in der Realität bewegt wird. Durch entsprechende Vorgaben regelt die Software auf dem Prüfstand bestimmte Leistungsparameter herunter und beeinflusst damit Verbrauchs- und Emissionswerte.

Die Umweltverbände fordern deshalb:

  • Messungen des Fahrzeugverbrauchs unter realistischen Bedingungen
  • d.h. auf der Landstraße, der Autobahn und im Stadtverkehr
  • die gleichen Forderungen gelten für die Messungen der Emissionswerte
  • Kontrolle der Messungen durch die zuständigen Ministerien, insbesondere durch den Umweltminister.

Fazit:

Die Entwicklung bei VW ist ein Lehrstück für die verheerenden wirtschaftlichen Folgen, die entstehen können, wenn rechtliche und ethische Grundsätze in einem Konzern massiv missachtet werden.

Der damit verbundene Image- und Vertrauensverlust ist nur schwer wieder wettzumachen. Wenn Compliance nur ein Lippenbekenntnis ist, kann dies ein Unternehmen teuer zu stehen kommen.

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Hintergrund:

"Tatsächlich lassen sich die Missstände, die VW in die Krise stürzten, auch in vielen anderen deutschen Unternehmen beobachten", so das Fazit in dem Beitrag "Führungskultur - Wolfsburger Zustände überall" in der SZ online.

Umfragen bestätigen dies: 308 deutsche Unternehmensberater wurden befragt. Diese sprechen sogar davon, "dass es in der deutschen Wirtschaft "einen Trend zu unmoralischerem Verhalten" gibt". Dann hilft natürlich auch das beste Compliance-Managementsystem nichts.

Eine Kultur der Kritik und Widerspruch sollte explizit erwünscht und unterstützt werden und zwar auch und gerade gegenüber der obersten Spitze eines Unternehmen. Oder wie es ein Unternehmensberater laut SZ online ausdrückte: "Wenn keine Kultur gelebt und vorgelebt wird, dann kann man auch keine Kultur erwarten."

Schlagworte zum Thema:  Compliance, Umwelt

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