20.07.2016 | Compliance-Studie

Wird Compliance-Bedeutung in Deutschland notorisch unterschätzt?

Trotz aller Compliance-Richtlinien - immer wieder kippt die Regeltreue
Bild: Haufe Online Redaktion

Wie die kontinuierlich wiederkehrenden Meldungen über Korruptionsskandale zeigen, scheint das Bewusstsein für die Bekämpfung von Korruption ebenso wie die Implementierung effektiver Kontrollmechanismen in deutschen Unternehmen nach wie vor ein Problem zu sein. Eine Befragung von Compliance-Verantwortlichen bestätigt das.

Für eine Studie der Wirtschaftsberater  „Hogan Lovells International“ wurden über 600 Compliance-Beauftragte von Großunternehmen aus verschiedenen Ländern, darunter Deutschland und weiteren europäischen Ländern, den USA und China befragt. Das niederschmetternde Ergebnis:

Das Thema Korruption hat bei 46 % der deutschen Vorstandsvorsitzenden nicht höchste Priorität. Zum Vergleich: In den USA sind dies nur 28 %, in Japan 27 %, die die Bekämpfung von Korruption nicht als vordringliche Aufgabe sehen.

Mehr als zwei Drittel der Vorstandsvorsitzenden in den USA und in Japan nehmen darüber hinaus regelmäßig an Anti-Korruptionstrainings teil, in Deutschland tut dies nur eine Minderheit.

Korruptionsrisiken existieren in allen Branchen

Dieser Befund ist besonders interessant vor dem Hintergrund, dass nach einer Studie der Unternehmensberater „AlixPartners“ die Compliance-Beauftragten deutscher Unternehmen zu 90 % in ihrer Branche ein spezifisches Korruptionsrisiko sehen, 28 % halten das Risiko für signifikant. 32 % der befragten Unternehmen gaben an, bereits Geschäftsbeziehungen zu Geschäftspartnern abgebrochen zu haben, weil Korruptionsvorwürfe nicht ausgeräumt werden konnten. 75 % der befragten Großunternehmen bestätigten, dass Compliance-Richtlinien in Ihrem Unternehmen existieren. Nach einer anderen Untersuchung der Unternehmensberater von „Kerkhoff“ sind dies nur ca. zwei Drittel.

Korruption ist noch bei weitem nicht ausgerottet

Dies zeigen viele jüngere Beispiele. So wurden im Jahr 2014 die Korruptionsermittlungen gegen das Unternehmen „Rheinmetall Defence Electronics“ wegen Zahlungen an griechische Regierungsmitglieder im Rahmen des Verkaufs von U-Boot-Ausrüstungen gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 37 Millionen Euro eingestellt. Zurzeit laufen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wegen Korruptionsverdachts gegen das Rüstungsunternehmen Thyssenkrupp sowie dessen Tochterunternehmen Atlas wegen des Verdachts der Bestechung von türkischen Regierungsmitgliedern bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen - dies, obwohl diese Unternehmen ausgetüftelte Compliance-Regelwerke besitzen.

Wird Compliance einfach nicht beachtet?

Dem unbefangenen Betrachter drängt sich hiernach die Frage auf, inwieweit Unternehmen überhaupt an der Beachtung der Compliance-Richtlinien interessiert sind, so sie denn im Unternehmen existieren. Die Studie von „Hogan Lovells International“ ergibt:

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Sie halten sie deshalb für wenig hilfreich. Dies bestätigt auch eine Untersuchung der IT-Berater von „Carmao“. Danach sind viele Manager der Auffassung, dass

  • umfangreiche Compliance-Richtlinien die Geschäftstätigkeit zu sehr behindern.
  • Knapp 60 % ist der durch die Implementierung von Compliance erzeugte Zusatzaufwand zu hoch.
  • Mehr als 50 % sind der Auffassung, dass die Richtlinien zu wenig Gestaltungsspielräume bieten.

Compliance hat in Deutschland immer noch ein Akzeptanzproblem

Ein Maßstab für die Akzeptanz von Compliance könnte sein, in welcher Form Unternehmen potenziellen Hinweisgebern die Möglichkeit einräumen, auf entdeckte tatsächliche oder vermeintliche Missstände anonym hinzuweisen. Wer diese Möglichkeit schafft, zeigt damit zumindest, an der Aufdeckung von Fehlverhalten und dessen Beseitigung interessiert zu sein. Nach der Studie von „Hogan Lovells International“ besitzt nur knapp jedes zweite deutsche Großunternehmen eine eigene Telefonnummer für solche Hinweisgeber. Dies könnte ein Beleg dafür sein, dass Hinweise auf mögliches Korruptionsverhalten keineswegs so erwünscht sind, wie dies von den Führungsebenen nach außen vorgegeben wird.

Compliance ist immer noch nicht hinreichend im Bewusstsein verankert

Angesichts dieser Ergebnisse passt eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie des Softwareunternehmens „Recommind“ ins Bild, die in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Würzburg erstellt wurde.

  • Nach dieser Studie konnten 93 % der Mitarbeiter von Unternehmen mit dem Begriff Compliance nichts anfangen.
  • 53 % dieser Befragten sind in Unternehmen von mehr als 500 Mitarbeitern beschäftigt, es trifft also nicht nur kleinere Unternehmen.
  • Jeder vierte Arbeitnehmer gab an, dass bei seinem Arbeitgeber ein ausgeprägtes Regelwerk für Compliance existiere, der Umgang damit aber eher locker sei und im Großen und Ganzen nicht kontrolliert würde.

Auf Führungsebene wird demgegenüber in zwei Drittel der befragten Firmen geäußert, dass die Einhaltung der Richtlinien permanent überwacht würde.

Angst vor Reputationsverlust als maßgebliche Triebfeder

Das Bewusstsein für Unternehmensethik ist in der Führungsebene größerer Unternehmen nach dieser Studie deutlich ausgeprägt. Das offen geäußerte Motiv hierfür: Der geschäftliche Erfolg eines Unternehmens hängt wesentlich von dem Vertrauen der Geschäftspartner und Kunden in das Unternehmen und damit von der Reputation des Unternehmens ab. Veröffentlichte Korruptionsfälle bedeuten in der Regel einen nicht wiedergutzumachenden Verlust dieser Reputation.

Die Angst vor der Aufdeckung solcher Vorgänge ist in den Köpfen der Führungsetagen der Großunternehmen ausgeprägt. Dies gilt ebenso für die Angst vor schadensrechtlicher oder strafrechtlicher Verantwortung bei fehlender Compliance und deren Überwachung. Diese Faktoren scheinen die Hauptantriebsfeder zur Implementierung eines effektiven Compliance-Systems zu sein.

Fazit: Das Bewusstsein für Compliance wächst auch in Deutschland, allerdings auf vielen Ebenen viel zu langsam.

 

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Schlagworte zum Thema:  Compliance-Organisation, Compliance-Beauftragter, Interne Kommunikation, Schmiergeld, Bestechung, Korruption

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