| 30 Jahre Bhopal

Auch eine Compliance-Katastrophe

Bhopal steht für ein komplettes Compliance-Versagen
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Es geschah in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984, als aus einer Pestizidfabrik in Bhopal viele Tonnen des hochgiftigen Gases Methylisocyanat austraten. Tausende Menschen starben innerhalb weniger Stunden, insgesamt bisher wohl 22.000 Menschen.  Die Überlebenden fühlen sich alleingelassen.

Es liegt ein beißender Geruch in der Luft, irgendetwas zwischen Chlor und Bleichmittel. "Eigentlich sollte das Gelände abgeschirmt sein wie die Ruine eines Atomkraftwerks", sagt T. R. Chouhan. Der hochgewachsene Mann hat einst als Anlagenführer in der Pestizidfabrik in Bhopal gearbeitet.

30 Jahre nach der Katastrophe kommen die Spätfolgen

Noch während Chouhan das erzählt, tutet in der Nähe ein Zug und erinnert daran, dass das Gelände keine 3 Kilometer vom Bahnhof der 1,8-Millionen-Stadt entfernt liegt.

Noch näher, viel näher lebt die 50 Jahre alte Nu Jaha. Nur eine breite Straße trennt ihre Hütte vom Fabrikgelände. Sie lebt in J.P. Nagar, das zwar Kolonie genannt wird, aber eigentlich ein Slum ist.

Wo auch immer in J.P. Nagar die Tür über den offenen Abwasserrinnen aufgeht, klagen die Menschen über Schmerzen, Herzprobleme, Atemlosigkeit, Juckreiz, schlechte Augen, Depressionen. Viele Kinder kommen mit Geburtsfehlern auf die Welt.

Bhopal steht auch für eine Compliance-Katastrophe

Union Carbide India Limited (UCIL) war die indische Tochterfirma des US-Konzerns Union Carbide Corporation (UCC). 1989 erklärten sich die Amerikaner bereit, 470 Millionen US-Dollar (377 Millionen Euro) als endgültige Entschädigung für die Opfer zu zahlen. Das sind, gemessen an den mehr als einer halben Million Betroffenen, im Schnitt weniger als 850 Dollar pro Person.

Nach massiven Protesten entschied der oberste Gerichtshof in Indien, UCIL müsse viele Millionen für den Bau eines Großhospitals zahlen. Doch wurde das Unternehmen vorher verkauft und in Eveready Industries umbenannt. Die US-Mutter wiederum wurde von Dow Chemical übernommen.

Die Regierung des Bundesstaates Madhya Pradesh nahm das Gelände zurück, meint aber, der Abfall dort gehöre ihr nicht. Damit fühlt sich niemand mehr für die Säuberung zuständig und den Opfern fehlen Ansprechpartner.

Es konnten zwar Strafverfahren weitergeführt werden. Mehr als 25 Jahre nach dem Unglück wurden leitende Angestellte der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden. 7 Manager erhielten je 2 Jahre Haft. Die Anfragen der indischen Regierung an die USA, den damaligen Firmenchef Warren Anderson auszuliefern, blieben allerdings unerhört. Ende September starb Anderson.

Es gibt noch eine weitere Umweltkatastrophe in Bhopal

Schuld an den Spätfolgen ist wahrscheinlich nicht nur das Gift von 1984. Laut Hilfsorganisationen gibt es eine zweite Katastrophe von Bhopal, die eher begann und bis heute dauert.

Denn vom Beginn der Produktion 1979 an habe Union Carbide den giftigen Abfall in Gruben auf dem Fabrikgelände geschmissen, sagt Sathyu Sarangi, Gründer der Sambhavna-Klink. Von dort aus verseuche der Giftmüll das Grundwasser.

"Mindestens 50.000 Menschen haben dieses Wasser, das sie mit Handpumpen holen, getrunken und sich so Leber, Nieren, Lungen und Haut zerstört", meint Sarangi.

Erst in diesem August - Jahrzehnte also nach dem Versenken des Mülls - habe es die Regierung des Landes geschafft, den Menschen in den betroffenen Teilen der Stadt Wasserleitungen zu legen.

Eine Lösung für Bhopal ist nicht in Sicht

"Das Problem ist, dass die Bodenverschmutzung die halbe Stadt betrifft", sagt Pravir Krishna, Hauptgeschäftsführer der Abteilung Gasentschädigung der Stadtverwaltung Bhopal.

Ob eine Lösung die Evakuierung des ganzen Gebietes oder die Waschung des Erdreichs sein könnte, will oder kann er nicht sagen. Auch ein Versuch der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), wenigstens einen kleinen Teil des Giftmülls zu entsorgen, schlug 2012 fehl.

Drei Jahrzehnte seien vergangen, sagt Madhu Malhotra von Amnesty International, und das Leiden gehe weiter: "Eine nicht enden wollende Tragödie".

Die Giftgaskatastrophe von Bhopal reiht sich in eine Liste anderer schwerer Chemieunfälle ein

September 1921 - Nach einer Explosion in einem Ammoniak-Werk der BASF bei Ludwigshafen sterben 585 Menschen.

Juli 1948 - Explosion in der Nitrolack-Fabrik der BASF in Ludwigshafen: 200 Tote, 3.800 Verletzte.

Juli 1976 - Dioxin-Alarm in einer Tochterfirma des Schweizer Chemiekonzerns Hoffmann-La Roche: Hunderte Bewohner von Seveso bei Mailand werden in Sicherheit gebracht, viele schwer vergiftet.

November 1979 - Ein mit Chemikalien beladener Güterzug entgleist und explodiert bei Toronto. 250.000 Menschen fliehen vor giftigen Gasen, verletzt wird niemand.

November 1986 - Nach einem Feuer im Baseler Werk der Firma Sandoz fließt Gift in den Rhein; hunderttausende Fische verenden.

September 2001 - Explosion in einer Düngemittel-Fabrik bei Toulouse: 31 Tote, 2.500 Verletzte.

Oktober 2010 - Umweltdesaster in Ungarn: Giftiger Bauxitschlamm aus einer Aluminiumhütte überschwemmt mehrere Dörfer. Mindestens 9 Tote, rund 150 Verletzte.

Schlagworte zum Thema:  Unfall, Katastrophenschutz, Notfall, Evakuierung, Umweltschutz, Gefahrstoff, Soziale Verantwortung, Haftung

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