14.09.2016 | 1 Jahr VW-Dieselgate

Kein Ende des Ausnahmezustands in Sicht

Nach wie vor graue Wolken über der VW-Zentrale
Bild: Dieter Schütz/pixelio.de

Aktionärsklagen, Zivilklagen, strafrechtliche Ermittlungen. Seit einem Jahr wird die Welt von VW durch die Abgasaffäre erschüttert. Und ein Ende des Ausnahmezustands ist nicht in Sicht.

Am 19. September 2015 sieht es noch so aus, als könne Volkswagen kein Wässerchen trüben. Tags zuvor hatten Umweltbehörden in den fernen USA zwar mitgeteilt, dass es bei Abgasmessungen von VW-Modellen nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Die Pressestelle aber tritt an jenem Samstag erst mal neuerlichen Gerüchten entgegen. Das seien bloß "Spekulationen".

VW scheint auf dem Zenit. Die Gewinnmaschine läuft rasant. Kaum eine Firma investiert so gewaltig, schafft so viele Jobs.

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Vor einem Jahr kam Dieselgate ins Rollen und der Ausnahmezustand beginnt

Am 20. September 2015 beginnt für VW der größte Crash der rund 80-jährigen Konzerngeschichte. Die Wolfsburger müssen öffentlich "Manipulationen" an ihren Dieselmotoren einräumen.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Milliarden werden zurückgestellt, am 23. September fegt der Skandal Vorstandschef Martin Winterkorn aus dem Amt. Für VW-Verhältnisse der Ausnahmezustand. Und der herrscht auch heute noch, nach einem Jahr.

1 Jahr Dieselgate - die bisherige Bilanz ist katastrophal

Der einst so stolze Autobauer ist in den Grundfesten erschüttert, wichtige Zulieferer bangen, der Diesel scheint zumindest außerhalb Europas keine Zukunft zu haben. Rückrufe von Millionen Wagen bei VW, Audi, Skoda und Seat mit älteren Antrieben laufen nur schleppend an. Mit minus 1,6 Milliarden Euro steht 2015 für den größten Verlust in der VW-Geschichte. Zweistellige Milliardensummen dürfte die Krise am Ende kosten, Genaues ist unklar.

Klagen über Klagen und kein Ende für VW in Sicht

VW muss sich wegen des Diesel-Skandals weltweit vor Gericht verantworten. Der Schwerpunkt liegt in den USA, wo der Betrug aufflog. In vielen anderen Ländern drohen ebenfalls Konsequenzen.

  • Aktionärsklagen: Viele Anleger wollen sich ihre Verluste bei Aktien und Anleihen vom Konzern erstatten lassen. Ihr Argument: Die VW-Führung hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen, die Mitteilung dazu sei zu spät gekommen. Derzeit liegt das Gesamt-Schadenvolumen eingereichter Anlegerklagen bei rund 4 Milliarden Euro.
  • Zivilklagen: Viele VW-Autobesitzer wollen Schadenersatz einklagen. In den USA erreichten Konzern, Kläger und Behörden für rund 480 000 betroffene Diesel einen vorläufigen Vergleich. Dieser könnte VW bis zu 15,3 Milliarden Dollar kosten. Bis Ende August registrierten sich laut den Klägeranwälten 200 000 Dieselfahrer für das Angebot. Eine Lösung für die größeren 3-Liter-Diesel steht noch immer aus.
  • Strafrechtliche Ermittlungen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen Verantwortliche und Ex-Mitarbeiter des VW-Konzerns. Es laufen Verfahren gegen 30 mutmaßlich Beteiligte - bei 21 wegen der Software-Manipulation. Gegen 6 wird im Zusammenhang mit falschen CO2- und Verbrauchsangaben ermittelt. Hinzu kommen Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll. Die Ermittler gehen daneben dem Verdacht nach, Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und der amtierende VW-Markenchef Herbert Diess hätten die Finanzwelt zu spät über den aufgeflogenen Skandal ins Bild gesetzt.

Auch in anderen Ländern gibt es nach VW-Angaben Untersuchungen. In den USA führte der Druck der Behörden dazu, dass ein langjähriger VW-Ingenieur sich des Abgas-Betrugs schuldig bekannte und womöglich auspackt. US-Medienberichten zufolge wird auch bei den strafrechtlichen Ermittlungen über einen Vergleich verhandelt.

Was können wir aus dem VW-Abgasskandal lernen?

Arbeitnehmerboss Osterloh findet im Frühjahr bei einer Rede im niedersächsischen Landtag nachdenkliche Worte: Es gehe darum, die "moralischen Fundamente unseres Unternehmens" neu zu befestigen. VW habe sich an sich selbst berauscht - und dabei oft übersehen, "dass nicht jedes Problem ingenieursmäßig behandelt werden kann".

Kritiker wie Ulrich Thielemann sehen das ähnlich. "Es gibt kein genug mehr. Nie mehr. Und es reicht auch nicht mehr, im Wettbewerb um die "besten" Produkte auf den Absatzmärkten zu reüssieren", betont der Direktor der Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik. Er hält das Bonus-Anreizsystem bei VW für die eigentliche Wurzel des Skandals.

Wenn Gewinnmaximierung mit legalen Mitteln nicht mehr erreichbar ist

Nicht nur Vorstände kassieren üppige Prämien. Auch der Mittelbau mit Fach- und Führungskräften wird entsprechend entlohnt, so dass die Boni Großteile des Einkommens ausmachen können. Thielemann warnt: "Damit werden den unternehmensinternen Entscheidungsträgern die Bedenken, die sie gegenüber dieser oder jener Praxis hegen könnten, gleichsam abgekauft."

Der Experte sieht in der Personalisierung der Affäre - Winterkorn muss gehen, VW verweist auf "einige Wenige" - den Versuch, das tatsächliche Übel der Gewinnmaximierung zu vertuschen.

Angstkultur, Korpsgeist und übertriebene Profitmaximierung sind schlechte Partner, wenn es darum geht, die Compliance aufrecht zu erhalten. Vielen Erklärungsversuchen begegnet man zur Zeit, wenn es um den VW-Skandal geht. Wir haben einige für Sie zusammengefasst.

Schlagworte zum Thema:  Volkswagen, Complianceverstoß

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