Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Thema Corporate Compliance zwar für mittelständische Unternehmen in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen hat, jedoch mangelt es in den meisten Unternehmen momentan noch an wirksamen Regeln und Prozessen auf diesem Gebiet. Es ist zwar vielfach der Wille zur Veränderung vorhanden, jedoch fehlt es an sachgerechtem Know-how bezüglich der konkreten Umsetzung. Die meisten Corporate-Compliance-Programme in der Praxis fokussieren vorwiegend Groß- und Industrieunternehmen.

Auch sind die Verantwortlichkeiten innerhalb der Unternehmen häufig unzureichend geregelt. Die Zuordnung des Themas Corporate Compliance zur Geschäftsführung führt oft zu Interessenkonflikten. Zudem werden Haftungsregelungen oftmals nur für die Geschäftsführung, nicht aber für die weiteren Organe des Unternehmens bedacht. Eher selten werden gezielt externe Berater für die Thematik Corporate Compliance herangezogen.[49] Sicherlich spielt dabei auch die Tatsache eine Rolle, dass der mittelständische Unternehmer die damit verbundenen Kosten scheut, zumal Corporate Compliance nicht kurzfristig und unmittelbar zu einer Ertragssteigerung führt. Dabei kann gerade eine unzureichende Corporate-Compliance-Implementierung im Unternehmen durch die auftretenden Schäden zu exorbitant hohen Kosten und Schäden führen.

Insbesondere die Thematik Korruption wird in diesem Zusammenhang häufig unterschätzt, zumal nicht wenige Unternehmer noch immer Korruption als notwendiges Übel für Geschäftsabschlüsse ansehen.[50] Dies ist angesichts der Gesetzesverschärfungen und der zunehmenden staatsanwaltschaftlichen und polizeilichen Fokussierung auf dieses Gebiet jedoch grob fahrlässig. Darüber hinaus stellen auch Kartellrechtsverstöße gerade für die im Mittelstand angesiedelten "Hidden Champions" eine vielfach unterschätzte Gefahr dar. Denn bereits bei normalen Preiserhöhungen fahnden die Behörden zunehmend nach möglichen Preisabsprachen.[51]

Bedenklich ist die nachlässige Einstellung beim Thema Corporate Compliance zum einen, weil die hohen Strafen gerade für kleinere Unternehmen schnell existenzbedrohende Ausmaße annehmen können.[52] Es kommen neben den Bußgeldern auch Schadensersatzzahlungen, gegebenenfalls Gewinnabschöpfung sowie Honorare für Rechtsanwälte und sonstige Berater in Betracht. Zum anderen sind die Imageschäden häufig kaum zu beziffern und können nach einen eingetretenen Reputationsverlust auch nur unzureichend wieder kompensiert werden. "It takes 20 years to build a reputation and 5 minutes to ruin it."[53]

Insgesamt ist der Status Quo bei der Thematik Corporate Compliance in mittelständischen Unternehmen somit als unzureichend zu bezeichnen.[54] Es besteht hier ein dringender Handlungsbedarf, damit kleinere Unternehmen ohne Corporate-Compliance-Maßnahmen gegenüber großen Unternehmen mit Corporate-Compliance-Maßnahmen keinen weiteren Wettbewerbsnachteil erleiden. Corporate Compliance verbessert die Reputation und dient der Vertrauensbildung gegenüber Kunden, Lieferanten und Banken. Corporate Compliance ist daher ein probates Mittel zur Sicherung und Steigerung des Unternehmenswertes. Dies ist ein Argument, das jeder mittelständische Unternehmer sicherlich versteht. Sicherlich müssen hierbei jedoch die Besonderheiten bei mittelständischen Unternehmen, insbesondere die geringeren Kapazitäten bezüglich Personal und finanzieller Mittel, berücksichtigt werden. Gleichwohl können angemessene Kosten, die für die Implementierung von vernünftigen Corporate-Compliance-Strukturen anfallen, nicht als Legitimation für die fehlende Umsetzung von Compliance im Unternehmen herangezogen werden. „If you think Compliance is expensive – try Non-Compliance.„

 

Autoren

Dr. José A. Campos Nave, EMBA (Accounting & Controlling), RA/FAStR/FAHaGesR, ist Partner und Niederlassungsleiter im Eschborner Büro der internationalen Sozietät Rödl & Partner. Er ist Mitglied des Führungskreises Wirtschaftsrecht und Head of Corporate Compliance bei Rödl & Partner sowie Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen und Monografien zum Wirtschafts- und Steuerrecht.

Jan Zeller ist als Rechtsanwalt im Eschborner Büro der internationalen Sozietät Rödl & Partner im Handels- und Gesellschaftsrecht tätig.

[49] INTES-Studie "Haftung und Compliance in Familienunternehmen", 2010, S. 8.
[50] So Eginhard Vietz im Interview mit der FTD vom 10.8.2010.
[51] Hauschka, SZ vom 23.6.2010, 25.
[52] Passarge, SZ vom 23.6.2010, 25.
[53] So: Warren Buffet.
[54] Vgl. KPMG-Studie "Wirtschaftskriminalität 2010 – Fokus Mittelstand", 2010, 22.

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