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Eigene Bedürfnisse sind die beste Rückenprävention

Rückenschmerzen müssen nicht sein. Was man dagegen machen kann, weiß Physiotherapeutin und ErgoPhysConsult® Ulrike Lübbert. Sie geht seit Jahren in die Betriebe. Im Gespräch mit der Haufe Arbeitsschutz-Redaktion erläutert sie, wie und warum sich Gesundheitsprävention lohnt.

Ob Rücken-Sreening, Bewegungskicks oder Seminare - sie findet immer eine passende Lösung, um die Beschäftigten in Bewegung zu versetzen und zur Eigenverantwortung zu motivieren.


Frau Lübbert, in großen Firmen gibt es Präventivangebote zur Gesundheitsförderung, die sogar während der Arbeitszeit stattfinden. Doch die Teilnehmerzahl ist oft verschwindend klein. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen wählen die Mitarbeiter ihre Präventionsangebote nicht selbst. Sie werden häufig „geschickt“ und nicht gefragt, was sie wollen. Auch ist das Thema „Gesundheit im Büro“ den Führungskräften noch nicht im Bewusstsein. Und eine Reflexion des Themas hat noch nicht stattgefunden.

Dass die AU-Tage nur eine Kennzahl für ein erfolgreiches Gesundheitsmanagement sind und es das Ziel sein muss, Gesundheit ganzheitlich im Unternehmen zu verankern, diese Erkenntnis hat noch nicht alle Führungskräfte erreicht. Ihre Kompetenz im Umgang mit sich selbst und der eigenen Gesundheit ist oft wenig ausgeprägt.

So erlebe ich immer wieder, dass sich Führungskräfte bei einem Gesundheitsseminar nach einer halben Stunde mit dem Satz verabschieden: „Ich habe jetzt dafür keine Zeit mehr, die Arbeit ruft.“ Was für einen Stellenwert vermittelt das denn den Mitarbeitern?

Zum anderen bleibt der Erfolg etwa bei der klassischen Rückenschule meines Erachtens aus, weil der Mitarbeiter nichts mitnimmt und keine Eigenverantwortung lernt. Es ist ein bisschen wie Kino: Man freut sich darauf – was meiner Meinung nach der größte Gewinn der Rückenschule ist – und wird dann „passiv“ belustigt.

Das heißt, die Übungen tun gut, während man sie macht. Sie verändern aber nichts am Arbeitsplatz. Trotzdem erwacht der Anspruch: Das zahlt mir der Arbeitgeber oder die Krankenkasse, das will ich wieder haben.

 

Mit welchen Angeboten gelingt es Ihnen, Rückenprävention in den Unternehmen zu etablieren?

Wir bieten Maßnahmen in fünf Bereichen an:

  • Sensibilisierung für einen achtsamen Umgang,
  • Bewegung und Haltung am Arbeitsplatz,
  • Gesunde Ernährung,
  • Eustress und Disstress,
  • Bildschirmarbeit mit dem Schwerpunkt Sitzen und Stehen.

 

Bei den Maßnahmen kommt nirgends der Rücken vor ...

Ja, richtig. Unsere Rückenprävention beginnt nicht beim Rücken. Denn der Rücken ist, wenn man es so will, die Endstation. Wenn der zwickt, ist schon an anderer Stelle etwas schief gelaufen.

Nehmen wir als Beispiel den Sehabstand bei der Bildschirmarbeit. Wenn der Kopf bzw. das Auge immer näher an den Bildschirm rückt, kann ich das von außen beobachten. Ändere ich die Bildschirmhöhe, die Schriftgröße oder bringe ich einen Vorlagenhalter an, entspannt sich die Situation für den Mitarbeiter meistens deutlich.

Doch die größte Veränderung bewirke ich mit Impulsen wie: „Setzen Sie sich tief in den Stuhl, um die Rückenlehne zu erreichen“ oder „Nehmen Sie den Blick zurück“ und schon ist der Kopf über dem Brustkorb und der Nacken entlastet. Die veränderte Körperhaltung lässt die Person sofort wahrnehmen, dass sie selbst entscheidend dazu beitragen kann, sich wohl zu fühlen. Sie merkt: Verändere ich das eigene (Sitz-)Verhalten, geht es mir besser.

Erst danach schauen wir gemeinsam nach dem Stuhl und stellen ihn auf die Verhältnisse des Mitarbeiters passend ein. Dabei geht es nicht um Richtwerte, sondern darum, die passende Einstellung für die jeweilige Person zu finden.

Entscheidend für ein gesundes Sitzen ist die Abnahme der körpereigenen Gewichte. Die Armlehne, die Rückenlehne, die Sitztiefeneinstellung dienen zur Abnahme der Arm-, Bein-, Rückengewichte. Wenn die Gewichte optimal abgenommen sind durch eine perfekte Anpassung des Stuhls, dann sitzt der Nutzer des Stuhls auch noch bequem.

 

Das hört sich nach individueller Beratung und Förderung an. Ist das nicht sehr aufwendig?

Mit meiner langjährigen Berufserfahrung kann ich heute sagen: Große Seminare sind ineffizient. Vorzuschreiben oder auch nur zu empfehlen, was jemand anders machen soll, ist absolut uneffektiv. Sinnvoll ist es, die Achtsamkeit im Umgang mit der eigenen Person und den Arbeitsmitteln am Arbeitsplatz zu verbessern.

Wir binden den Mitarbeiter von Anfang an ein. Wir gehen an den Arbeitsplatz und führen einen Minicheck durch. So lernt der Mitarbeiter mich und meine Arbeitsweise kennen. Er fasst Vertrauen und wird neugierig. Dann kommt die Sensibilisierung – und zwar nicht wie es immer heißt für das Thema – sondern für den eigenen Körper und die eigenen Bedürfnisse.

Zum Programm gehört zum Beispiel ein Apfel. Den überreiche ich dem Mitarbeiter um ihn auf gesunde Ernährung aufmerksam zu machen. Und ich definiere individuelle Übungen für ihn, meist reichen zwei oder drei. Dafür kläre ich mit dem Mitarbeiter ab:

  • Worauf hast du Lust?
  • Was macht dir Spaß?
  • Was fordert dich heraus?

 

Wie reagieren die Verantwortlichen in den Unternehmen auf Ihre Angebote? 

Für Führungskräfte sind zunächst Informationen und Argumentationshilfen ganz wichtig. Deshalb evaluieren wir den Ist-Zustand an den Arbeitsplätzen. Das Ergebnis zu „ Wie viele Mitarbeiter haben die passende Arbeitshöhe“ fällt meist so schlecht aus, dass jeder mit einem Blick erkennt, dass da etwas verändert werden muss.

Mit unserem ganzheitlichen Ansatz und der Sensibilisierung der Mitarbeiter erreichen wir auch die Mitarbeiter unter 35 Jahren. Das ist wichtig, denn diese Altersklasse kümmert sich oft noch nicht um den gesundheitlichen Aspekt bei der Arbeit. Schmerzen treten häufig erst mit höherem Alter auf.

Wir haben das zum Beispiel bei einem Gesundheitstag in einem großen Unternehmen erlebt. Aus der jüngeren Riege gab es kaum Anmeldungen. Darauf haben wir kurzfristig reagiert und gesagt: Wenn die nicht zu uns kommen, dann müssen wir hingehen.

Das Ergebnis war überwältigend: In fünf Stunden haben wir knapp 70 Personen erreicht. Besonders schön war: Viele junge führungsnahe Mitarbeiter die zunächst „zugeknöpft“ waren, legten nach dem eigenen Erleben Wert darauf, dass wir zu allen Mitarbeitern gehen sollten, damit jeder davon partizipieren konnte.

 

Können Sie Ihre Erfolge mit weiteren Zahlen belegen? 

Durch unsere Minichecks wissen wir, dass die Arbeitsplätze in über 50 Prozent und bis zu 80 Prozent der Fälle eine Arbeitshöhe haben, die nicht mit den Bedürfnissen des Mitarbeiters übereinstimmt.

Dabei geht es nicht um ergonomische Richtwerte. Die dienen nur zur Orientierung. Denn aufrecht sitzen und gleichzeitig verkrampft sein, kann nicht das Ziel eines optimal gestalteten Arbeitsplatzes sein. Optimal ist er erst, wenn der Mitarbeiter ihn als stimmig und passend empfindet. Und das ist nicht unbedingt identisch mit Zentimeterangaben.

Und noch ein Zahlenbeispiel finde ich überzeugend: Aktivpausen senken die Arbeitsunfähigkeitstage in Unternehmen innerhalb von zwei Jahren um 45 Prozent.

 

Frau Lübbert, wo sehen Sie selbst den größten Bedarf? 

Mit Blick auf die Zukunft ist noch mehr darauf zu achten, was der Einzelne braucht. Ich glaube, dass wir in 10 Jahren keinen 8-Stunden-Tag mehr haben werden. Wir werden an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten.

Sitzende Tätigkeiten werden weiterhin zunehmen oder einen großen Teil der Arbeitszeit ausmachen. Im Büro müssen die Verhältnisse so verändert werden, dass während der Arbeit Stehen und Sitzen im Wechsel an Steh-Sitz-Tischen möglich sein kann.

Wichtig ist aber zu wissen, dass Sitzen durchaus einen Stellenwert hat. Sitzen ist nicht generell ungesund. Eine erwerbstätige Mutter mit drei Kindern, darf ruhig einmal sitzen, wenn sie an ihrem Bildschirmarbeitsplatz ist.

Entscheidend für Fitness und Gesundheit wird immer mehr sein, dass Bewegung in die Arbeit kommt. Haltungswechsel, Steh-Sitz-Dynamik und Aktiv-Pausen sollten ernsthaft und nachhaltig an die Arbeitsplätze gebracht werden. Dann arbeitet der Mensch gesund und auch zufrieden.

Wir Physiotherapeuten sind die besten Experten, wenn es darum geht, Haltungen und Bewegungen zu analysieren. Mit den Ergebnissen können wir ganz gezielt Tipps geben. Die müssen aber auch zur jeweiligen Person passen und von ihr gewollt sein. Denn der Bedarf geht immer vom Einzelnen und von dessen Bedürfnissen aus.

Bei den wenigsten ist das Körpergefühl ausgeprägt. Deshalb schulen wir zunächst immer auch die Körperwahrnehmung. Die Leute sollen lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und formulieren zu können. Bisher höre ich oft: Das mag ich nicht, das ist unbequem. Die Frage: Was täte Ihnen jetzt gut, können die wenigsten auf Anhieb positiv beantworten.

 

Ihre Vision für die betriebliche (Rücken)Prävention? 

Ich bin mit meiner Arbeit dort angekommen, wo ich als Physiotherapeutin hin will und hingehöre: an den Arbeitsplatz bei den Mitarbeitern. Hier kann ich das noch recht neue Gebiet der Verhaltensprävention umsetzen. Zu meinem Fachwissen gehören Biomechanik und funktionale Anatomie. In der Zusammenarbeit mit den einzelnen Mitarbeitern ist meine Kreativität gefordert. Das macht immer wieder Spaß, vor allem dann, wenn die individuell erarbeitete Lösung die Person erleben lässt, wie gut ihr der achtsame Umgang tut. Wie leicht dann Aufgaben wieder fallen.

Für mich gilt – und das trage ich in meiner Arbeit als ErgoPhysConsult® weiter: Ich will so arbeiten, wie es meinen Bedürfnissen entspricht.

 

Frau Lübbert, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview wurde geführt von:

Bettina Brucker M. A., Freie Journalistin und Autorin

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