| Nach mir die Sintflut

Keine Lösung in Sicht beim Atommüll

Der Umgang mit Atommüll wurde dramatisch unterschätzt.
Bild: Haufe Online Redaktion

Immer mehr beschädigte Fässer mit Atommüll, in der Asse sieht's übel aus, Schacht Konrad ist zu klein. Langsam wird deutlich, was für ein unkalkulierbares, strahlendes Erbe die Atomkraft hinterlässt. Die Deutsche Umweltstiftung spricht vom "atomaren Entsorgungs-Gau".

Das bisherige Entsorgungskonzept habe auf drei Standorten beruht: dem früheren Bergwerk Asse, Schacht Konrad und Gorleben. "Nun erleben wir, wie alle drei Standorte wegbrechen", erklärt der Vorsitzende der Deutschen Umweltstiftung Jörg Sommer. Gorleben ist als Endlager für hoch radioaktiven Müll geplant gewesen, aber technisch ungeeignet und politisch verbrannt.

Immer mehr Atommüllfässer sind beschädigt

Bundesweit sind inzwischen 2000 von insgesamt rund 85 000 Behältern mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall beschädigt. Allein im früheren Kernforschungszentrum Karlsruhe sind 1692 Behälter beschädigt.

Das beim Thema Atom beliebte Schwarze-Peter-Spiel ist voll im Gange

Letztlich haben die Betreiber vor Ort die Verantwortung für die sachgemäße Zwischenlagerung. Die verwiesen darauf, dass man nicht mit so einem langen Zeitverzug beim zentralen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, Schacht Konrad bei Salzgitter, gerechnet habe.

Nur ein Bruchteil des Atommülls in Deutschland ist aber bisher fachgerecht für eine Endlagerung verpackt. Wie das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte, gibt es für Schacht Konrad bisher 3000 Kubikmeter für die Einlagerung zugelassene Abfälle. Gemessen an der Gesamtmenge, für die Konrad konzipiert ist, wäre derzeit nur ein Prozent so verpackt, dass der Abfall dorthin kommen könnte.

Konrad wird frühestens 2022 fertig sein - bisher ist es nur für 303 000 Kubikmeter genehmigt, der deutsche schwach- und mittelradioaktive Abfall könnte aber auf bis zu 600 000 Kubikmeter anschwellen.

Beim Umgang mit Atommüll scheint das Motto zu gelten: "Nach mir die Sintflut"

Ein geordneter Zustand und ein sachgemäßer Umgang mit Atommüll sieht wohl anders aus als die Lage, die die Sprecherin von Schleswig-Holsteins Energie- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) aus dem Atomkraftwerk Brunsbüttel schildert. Dort lagern in unterirdischen Kellerräumen seit über 30 Jahren 630 Stahlfässer mit Filter- und Verdampferkonzentraten aus dem Kernkraftwerk.

Eine unmittelbare Gefahr für Mensch und Umwelt bestehe nicht, wird nun von allen Seiten betont. Zwischen den neben- und übereinander stehenden Fässern sind in Brunsbüttel in der Vergangenheit aber laut Ministerium bis zu 600 Millisievert pro Stunde gemessen worden. Der Grenzwert für die Bevölkerung liegt bei 1 Millisievert pro Jahr, für AKW-Mitarbeiter bei 20 Millisievert.

Die unterirdischen Kavernen seinen durch meterdicke Betonriegel von der Umgebung abgeschirmt, so dass keine Gefahr für die Bevölkerung und die noch 265 Mitarbeiter des 2011 stillgelegten Atomkraftwerks bestehen würde, heißt es.

Noch übler als in Brunsbüttel sieht es in der Asse aus

Dort wurden bis 1978 rund 126 000 Fässer abgekippt wurden. "Die Asse ist abgesoffen, und wir müssen Milliarden investieren, um den Müll dort wieder zu bergen - wissen aber nicht, wohin damit", sagt Sommer, der auch Mitglied in der Endlagerkommission ist, die bis 2016 Kriterien für die bundesweite Suche erarbeiten soll.

Der Atommüll hat sich wahrscheinlich hinter den dicken Betonwänden bereits verteilt. Der Bergdruck im früheren, maroden Salzbergwerk könnte viele Fässer schon zerquetscht haben.

Wenn das Zeug überhaupt noch geborgen werden kann, wird es mehrere Milliarden kosten - und neben der eigentlichen Abfallmenge muss auch viel kontaminiertes Salzgestein geborgen werden - insgesamt bis zu 200 000 Kubikmeter. Wenn es im Berg verbleibt, fürchten Anwohner, dass radioaktive Stoffe in das Grundwasser gelangen könnten - das wäre ein Drama für die Region.

Das strahlende Erbe und die Folgekosten sind enorm

Habeck betont: "Es ist ein mühsames Puzzle, das wir gerade zusammensetzen, um ein Gesamtbild zu bekommen." Man habe viel zu lange darauf vertraut, dass das Endlager Konrad bald in Betrieb gehen wird, kritisiert er. Und beim wichtigsten Endlager, dem für hoch radioaktive Abfälle, wurde noch gar nicht mit der Suche begonnen.

Schlagworte zum Thema:  Radioaktivität, Atomkraftwerk, Strahlenbelastung, Strahlung

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