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Warum Stress subjektiv ist

Viele Arbeitnehmer klagen über beständigen Stress. Einige erkranken daran. Neurobiologe Gerald Hüther erklärt in einem Interview mit dem Personalmagazin, wann Stress zur Höchstleistung antreiben kann und wo die Grenze zu belastendem, krank machendem Stress liegt.

personalmagazin: Warum können einige Menschen mit Stress besser umgehen als andere?

Gerald Hüther: Jeder Mensch bewertet den Stress rein subjektiv. Es gibt Mitarbeiter, die bei allen Herausforderungen versuchen, sich aus der Schusslinie zu bringen. Diese werden immer über Stress klagen. Und es gibt Menschen, die bei Herausforderungen zeigen wollen, was sie können. Es kommt darauf an, wie jemand die eigenen Erwartungen an die Situation anpasst.

 

personalmagazin: Was passiert im Körper, wenn man tatsächlich in Stress gerät?

Hüther: Zunächst nimmt ein Mensch die Kluft zwischen den eigenen Erwartungen und der Realität wahr. Dabei entsteht eine unspezifische Erregung im Frontalhirn, wo die Erwartungshaltungen verankert sind. Diese Unruhe versucht er in Einklang zu bringen. Das führt schnell dazu, dass sich der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt. Meist schafft man es so, die Energie aufzubringen, um die Situation zu bewältigen. Ist der Erfolg eingetreten, werden die Belohnungszentren im Hirn aktiviert und Botenstoffe ausgeschüttet - als ob man Heroin und Kokain gleichzeitig genommen hätte. Dieser Ablauf wird häufig Eustress genannt. Zu viel Eustress kann aber krank machen.

 

personalmagazin: Warum?

Hüther: Der Körper befindet sich dann in einem dauerhaften Alarmzustand. Der sogenannte Sympathikus ist ständig hoch und damit auch Blutdruck und Herzschlag. Das kann zu Herzkranzproblemen führen.

 

personalmagazin: Die beschriebenen Vorgänge helfen aber trotzdem zunächst dabei, Herausforderungen zu bewältigen. Was passiert bei Menschen, die davon krank werden?

Hüther: Wenn man trotz der selbst entwickelten Kraft nicht aus der schwierigen Situation herauskommt, breitet sich die Erregung im Gehirn immer stärker aus und erfasst auch tiefer liegende Bereiche im Zwischenhirn. Dann läuft ein Prozess an, bei dem vermehrt Cortisol ausgeschüttet wird. Das stellt dem Körper energiereiche Verbindungen zur Verfügung, schwächt aber unter anderem auch das Immunsystem. In den oberen Bereichen des Gehirns entsteht eine Übererregung und der Mensch kann keine gute Lösung mehr finden.

 

personalmagazin: Was geschieht dann?

Hüther: Zunächst kann es sein, dass man in kindliche Bewältigungsmuster zurückfällt. Und wenn es noch schlimmer kommt, werden die im Hirnstamm liegenden archaischen Notfallprogramme aktiviert. Das ist zuerst der Angriff, dann die Flucht. In der Familie - aber auch gegenüber Vorgesetzten - helfen diese beiden Lösungsmuster nichts. Dann folgt die dritte Möglichkeit: Ohnmächtige Erstarrung.

 

 

Das vollständige Interview, in dem Gerald Hüther auch auf die Ursachen der steigenden Zahl psychisch erkrankter Arbeitnehmer eingeht, lesen Sie im Personalmagazin, Ausgabe 6/2011.

Schlagworte zum Thema:  Psychische Belastung

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