30 Minuten Joggen lassen sich nicht direkt in eine verlängerte Lebenszeit umrechnen. Aber gerade Schreibtischarbeiter sollten jede Gelegenheit nutzen, sich zu bewegen. Bild: Haufe Online Redaktion

Verlängert Joggen das Leben? Wenn man so manch schnell getippter Schlagzeile glaubt, schon. Doch es kommt immer auf das richtige Maß an. Sportwissenschaftler zeigen, wie man die neuen Erkenntnisse in die betriebliche Gesundheitsförderung einfließen lassen kann - sodass mehr Bewegung am Arbeitsplatz entsteht.

Wieder einmal haben sich die Zahlenfreunde der "Unstatistik des Monats" bewegende Schlagzeilen vorgenommen. Diesmal geht es ums Joggen. Ob Augsburger Allgemeine, Freundin oder Runner‘s World, die Journalisten griffen die US-Untersuchung "Running as a Key Lifestyle Medicine for Longevity" des Forscherteams um Professor Duck-chul Lee an der Iowa State University auf. Allerdings verkürzten sie stark, um zu Schlagzeilen zu kommen wie "Jede Stunde Laufen schenkt dir 7 Stunden Lebenszeit!" oder "Deutlich mehr Lebenszeit durch Joggen". Etwas vorsichtiger und damit gleich näher am realen Forschungsergebnis bleiben die Wissenschaftsjournalisten der Augsburger Allgemeinen: "Wer ab und zu joggen geht, lebt bis zu drei Jahre länger", heißt dort die Schlagzeile.

Joggen schlägt in dieser US-Studie Radfahren, Schwimmen, Gehen und jeden anderen Sport um Längen. Allerdings wurden dort lediglich die durchschnittlichen zwei Stunden Joggen pro Woche berücksichtigt, die die Teilnehmer in der Selbsteinschätzung angaben. Die Wissenschaftler machen auch klar, dass der Nutzen des Laufens abnimmt, je länger man pro Tag joggt. Sich viele Jahre Lebenszeit zu erlaufen, wird da eher zum Mythos als zur realen Chance.   

Im Berufsleben hat Sport eine Pufferfunktion

Für Klaus Bös geht es ohnehin weniger darum, wie alt ein Mensch wird, als darum, wie die Menschen alt werden. Möglichst gesund nämlich. "Für Erwachsene geht es um den Erhalt der Gesundheit und um Fitness", sagt der Professor für Sportwissenschaften am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Er stellt die zentrale Frage danach, welcher Sport für wen und für was nützlich ist. Dafür untersucht der Sportwissenschaftler in einer Langzeitstudie "Gesundheit und Bewegung" seit 25 Jahren 500 Einwohner zwischen 35 und 80 Jahren in dem Örtchen Bad Schönborn nahe Karlsruhe – und zwar sportlich Aktive ebenso wie Stubenhocker. 

Nach der fünften Befragungs- und Untersuchungswelle, deren Ergebnisse im Spätsommer 2017 veröffentlicht wurden, differenziert Bös: "Die genetische Disposition spielt ebenso eine Rolle wie die Bewegung."Eindeutig, so die Studienergebnisse, hält Bewegung motorisch jung – bis zu zehn Jahre jünger wirkten die sportiven Teilnehmer im Vergleich zu den untrainierten, das zeigen die Testwerte. Außerdem schützt körperliche Aktivität gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beugt Demenz vor, hilft bei Depressionen und befördert den Genesungsprozess nach schweren Erkrankungen.   

Auch für die Arbeitswelt hält die KIT-Langzeitstudie Ergebnisse bereit. Denn im Berufsleben hat Sport eine Pufferfunktion. "Sporttreibende tolerieren Berufsbelastungen besser", sagt Bös. Allerdings gilt es, seine persönlichen Grenzen auszuloten. "Nicht generell, aber in etlichen Fällen gibt es einen Zusammenhang zwischen zu viel Ehrgeiz im Beruf und übertriebenem Ehrgeiz im Sport", beschreibt der Sportprofessor ein Detail, das ihn auf das wichtige Thema Dosierung bringt. Denn Sport ist nicht per se gesund. Unfallrisiken beim Radeln, überforderte Muskulatur beim Joggen, überdehnte Sehnen bei der Gymnastik beschäftigen Ärzte und Physiotherapeuten. "Sport lässt sich wie ein Medikament dosieren", erklärt Klaus Bös. "Das reicht von wirkungslos über optimal bis giftig." 

Alter und körperliche Fitness sind nur zwei Faktoren, die darüber entscheiden, ob einer für seine gute Gesundheit spazieren gehen oder einen Marathon laufen sollte. Unterstützung bei der Entscheidung über Sportart und Trainingsmaß zu finden, ist kein Zauberwerk. Dazu Sportprofessor Bös: "Wir Sportwissenschaftler haben Methoden herauszufinden und dahingehend zu beraten, welche Dosis gut für einen Menschen ist – genauso wie Ärzte in ihrem Gebiet."

BGM-Angebote: Klein anfangen

Wo immer Menschen unterschiedlicher Fitness und Kondition gemeinsam angesprochen werden, sind sanfte Bewegungseinheiten von Vorteil. Angebote des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) sollten sich nicht nur an Sportbegeisterte richten, die ohnehin bewegt unterwegs sind. "Wenn Unternehmen ein BGM-Programm auflegen, sind Wanderteams gesundheitlich wertvoller, auch wenn Marathonteams sicher interessanter sind", meint Klaus Bös. Nach dem BGM-Start können sich immer noch Interessengruppen herausbilden, die es auf längere und schnellere Strecken zieht. Spaß machen kann aber auch die Erfahrung, kleine Schritte zu schaffen.
Damit kommt er der Argumentation seines Kölner Kollegen Ingo Froböse sehr nah. Der Universitätsprofessor leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln das Institut für Bewegungsorientierte Präventions- und Rehabilitationswissenschaften. Viele seiner Studien beweisen, dass Sport die Fitness erhöht und den Stress mindert. Selbst erfolgreicher Leistungssportler im 100- und 200-Meter-Sprint, engagiert er sich deshalb seit vielen Jahren dafür, Menschen zum Sport zu bewegen, um ihre Gesundheit zu erhalten und zu verbessern. Auch heute noch favorisiert der Sportprofessor Fitnesstrainings, die Kraft, Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit fördern. Aber ihm ist durch seine Forschungserfahrung klar geworden, dass er nur eine Minderheit erreicht. "75 Prozent der Deutschen treiben keinen Sport", so Froböse, "sie sind untrainiert, haben die Voraussetzungen nicht oder Angst, die sportliche Leistung nicht zu schaffen." Und selbst wenn Menschen drei Stunden pro Woche sportlich unterwegs sind, bleiben sie 165 Stunden inaktiv – sei es im Büro, sei es zu Hause. Deshalb entwickelt der Gesundheitsexperte inzwischen Konzepte für Sportverweigerer. Sein Credo: "Jede Bewegung hilft."

Die Arbeitswelt ist zum Sitzplaneten mutiert

Die Arbeitswelt hat Ingo Froböse als besonderes Risiko ausgemacht. Denn Bewegung wird auf diesem "Sitzplaneten", wie er sie nennt, vermieden. Vermeintlich um die Effizienz zu steigern, sind die Wege kurz. Den Schreibtisch verlässt man kaum. "Und die Schreibtischstühle, entwickelt von guten deutschen Ingenieuren, sind wie ein Korsett", so der Bewegungsspezialist. "Auf einer Bierbank würde man sich mehr bewegen." 

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Was wie ein Scherz klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Das Skelett wird durch falsch eingestellte Bürostühle und zu wenig Bewegung während der Arbeit nachweislich erheblich belastet. Jede Stunde eine kurze Sitzunterbrechung, um den Körper mit kleineren Schwingungen wieder aufzurichten, verändert messbar Herzfrequenz, Blutdruck, Körperrhythmus – und erhöht schnell und effektiv Fitness und Leistungsfähigkeit. Für die Prävention, so der Sportprofessor, "muss man die Räume anders gestalten und neue Wege gehen". Zum Beispiel durch das Treppenhaus. "Diese Trainingsstätte ist mir die liebste", sagt Ingo Froböse.

Mehr Bewegung im Arbeitsalltag integrieren

Utz Niklas Walter hat schon Flyer über den Mehrwert des Treppensteigens in Firmenaufzügen auslegen lassen. Für den Sport- und Gesundheitswissenschaftler ist die Nähe zum Arbeitsalltag entscheidend, wenn betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) erfolgreich sein soll: "Es ist ein unglaublich anspruchsvolles Thema, eine Belegschaft in Bewegung zu bringen. Man muss Rückschläge einkalkulieren, darf nicht aufgeben und muss immer wieder kreative Einzelaktionen starten." 

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Der Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG), einer Ausgründung von Wissenschaftlern der Universitäten Konstanz, München (TU) und Karlsruhe (KIT), hat im Frühjahr gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und der Haufe Gruppe geforscht. Die Studie „#whatsnext – Gesund arbeiten in der digitalen Arbeitswelt“ zeigt zum Beispiel auf, dass Führungskräfte mehr Einfluss auf die Gesundheit der Beschäftigten haben als die Budgethöhe – und dass Vorgesetzte häufig auf der Bremse stehen.

Walter setzt auf ungewöhnliche Methoden gegen die Bewegungsmüdigkeit, solche, die Spaß machen, aber auch langfristige Veränderungen bewirken sollen. Er macht Überraschungsbesuche direkt am Arbeitsplatz und choreografiert Gesundheits-Flashmobs in Werkshallen.

Mehr zu diesen ungewöhnliche Methoden, die Gesundheitsbewusstsein schaffen, lesen Sie hier.

Hinweis: Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 01/2018 der Zeitschrift PERSONALquarterly.

Schlagworte zum Thema:  Betriebliche Gesundheitsförderung, Betriebliches Gesundheitsmanagement, PERSONALquarterly

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