| Sicherheit

Aktuelles Interview: Burnout-Syndrom: Prävention und Früherkennung

Auch bei psychischen Fehlbelastungen wie z. B. Burnout gilt: Die wirkungsvollste Behandlung ist eine rechtzeitige und konsequente Vorbeugung. Symptome müssen bereits frühzeitig wahrgenommen und ein Bewusstsein für Burnout erzeugt werden. Doch wie können Unternehmen auf diese Aufgabe vorbereitet werden? Gibt es ein „Frühwarnsystem“ für Burnout? Im Gespräch mit der Haufe Arbeitsschutz-Redaktion erläutert Christian Stock, Oberarzt an der Berolina-Klinik Löhne, was Unternehmer, Arbeitsmediziner und Sicherheitsfachkräfte tun können, um dem „Ausgebranntsein“ bei Mitarbeitern entgegenzusteuern.

Die Ursachen für Burnout sind vielschichtig. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Schwerpunkte?

In der gängigen Literatur werden organisationsbezogene Ursachen (z. B. Arbeitsverdichtung) und persönlichkeitszentrierte Ursachen (z. B. Typ-A-Verhalten) angegeben. Diese Ursachen sind hinlänglich bekannt und ich möchte sie daher nicht wiederholen.

Aus meiner klinischen Erfahrung kommen dazu aber vor allem noch soziale Faktoren, da sich unser gesellschaftliches Umfeld in den letzten Jahren sehr stark verändert hat und auch noch weiter verändern wird. Ein typisches Beispiel ist die Überalterung unserer Bevölkerung, die immer mehr private Pflege verursacht, oder die sprichwörtliche „Doppelbelastung“ von Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren müssen.

Ich möchte daher einmal die 10 großen Zukunftstrends erwähnen, die in der Studie Horizons 2020 von Siemens erwähnt werden und die uns in den kommenden Jahren noch viel „Kopfzerbrechen“ bereiten werden:

1. Zunehmende Globalisierung 2. Steigendes Lebensalter 3. Weniger Kinder 4. Größere Bedeutung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft 5. Freie Wahl der Lebensformen 6. Steigende Bedeutung virtueller Communities 7. Vernetzung der Kommunikationsmedien 8. Steigende Mobilität („Entlokalisierung“) 9. Zunehmende Migration nach Europa 10. Beschleunigung des technischen Wissens und der Produktzyklen.

Diese Einflussgrößen erfordern eine ständige Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit und stellen somit eine typische „geistig-seelische“ Belastung dar.

Ich glaube, dass die eben genannten Faktoren auch noch stark in ihren Auswirkungen unterschätzt werden. Sie werden mit Sicherheit die Stressbelastung und somit die Burnout-Häufigkeit in Zukunft erhöhen.

 

Gibt es Berufsgruppen, die stärker Burnout-gefährdet sind als andere?

Typischerweise ging man früher davon aus, dass vor allem soziale Berufe gefährdet sind, wegen der emotional belastenden Arbeit. Inzwischen ist aber die Lehrmeinung, dass keine Berufsgruppe vor einem Burnout mehr oder weniger geschützt ist. Es kann sozusagen jeden ereilen.

 

Was können Betriebsärzte oder Sicherheitsfachkräfte tun, um Mitarbeiter, die „ausgebrannt“ sind, möglichst frühzeitig zu erkennen? Welche Warn- oder Alarmsignale sollte man beachten?

Wenn Sie in einer Abteilung eine hohe Personalfluktuation bemerken, und/oder einen hohen Krankenstand und wenn sich Fehler häufen, dann sollten Sie aufmerksam werden. Andererseits wird Burnout oft verdrängt, d. h. es fehlt die Krankheitseinsicht und Sie sehen es einem Kollegen nicht unbedingt an der Nasenspitze an.

Es braucht einige Zeit, bis sich jemand ein Burnout eingesteht und er sich Hilfe holt. Besonders männliche Beschäftigte wollen sich keine Blöße geben und nicht als „Versager“ oder als „nicht belastbar“ dastehen. Es gehört also auch Detektivarbeit dazu, einen „Burnout-Kandidaten“ vorzeitig zu identifizieren.

Auch ist Burnout schleichend und wird daher oft erst spät bemerkt. Hinzu kommen Mythen der Arbeitswelt. Jemand mit Typ-A-Verhalten wird ihnen etwas von „Eustress“ erzählen und dass ihm die Überlastung „gut tut“, weil er ja an ihr „wachsen kann“. Solche Mythen müssen Sie dann erst entkräften.

 

Welche betrieblichen Maßnahmen können helfen, Burnout schon im Vorfeld zu vermeiden? Was können Führungskräfte oder Arbeitgeber tun?

Ich nenne an dieser Stelle nur ein paar Stichworte. Letztendlich alles Schlagworte, die ein positives Betriebsklima beschreiben und ermöglichen:

  • Aufgabenvielfalt,
  • Freiräume zur individuellen Gestaltung (z. B. Bürokratie vermeiden oder Gestaltung der Arbeitsumgebung),
  • Einhalten von Pausen,
  • Ausreichende personelle Besetzung,
  • Begrenzung von Fallzahlen und Zeitdruck,
  • Umsichtige Planung,
  • Optimale Abstimmung der Leistungsbereiche (klar definierte Arbeitsaufgaben und Rollen),
  • Flexible Arbeitszeiten,
  • Laufbahnentwicklung,
  • Aus-/ Weiterbildungsmöglichkeiten, Supervision, Intervision,
  • Familienfreundlichkeit (z. B. Betriebskindergarten),
  • Sinnhaftigkeit der Arbeit,
  • Möglichkeiten der sozialen Interaktion,
  • einwandfreies Führungsverhalten,
  • Mediation und Konfliktmanagement,
  • Generationenmix

Ähnlich einer Gefahrenanalyse können Sie auch eine Stressanalyse oder eine „Stresskarte“ eines Unternehmens oder einzelner Abteilungen anfertigen. Das ist eine graphische Darstellung aller Einflussgrößen, die im übertragenen Sinne Kraft und Energie „kosten“, oder aber Kraft und Energie „geben“. Mit so einer Stresskarte können Sie dann Veränderungen vornehmen.

Haben Sie z. B. eine Altersanalyse ihrer Mitarbeiter gemacht? Haben Sie für eine gesunde Mischung aller Alterstufen gesorgt, oder gehen demnächst viele Mitarbeiter in den Ruhestand und Sie haben keine Nachfolger? Oder haben Sie Ihr Unternehmen „verjüngt“ und jetzt fehlt Ihnen die Erfahrung der älteren Mitarbeiter?

 

Wie wichtig ist Aufklärung und Weiterbildung zum Thema Burnout in Unternehmen?

Die WHO geht davon aus, dass bis zum Jahr 2030 die psychischen Erkrankungen die körperlichen überholt haben werden. Schon jetzt gibt jeder dritte Bundesbürger laut einer aktuellen TK-Studie chronische Stressbelastung an. Wir stehen hier vor einer sehr großen Herausforderung und müssen sie unbedingt ernst nehmen.

Sie tun ihren Mitarbeiten einen großen Gefallen, wenn Sie die organisationsbedingten Stressoren möglichst gering halten und zusätzlich z. B. in Schulungen auch Kenntnisse zur Stressprävention vermitteln, also z. B. Entspannungsverfahren, Ausgleichssport usw., die Ihre Mitarbeiter selbstständig in ihrer Freizeit anwenden können.

 

Herr Stock, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Schlagworte zum Thema:  Psychische Belastung

Aktuell

Meistgelesen