Leitern: Benutzung und Prüfung / 1.2 Unfallursachen

Unfälle mit Leitern werden i. W. durch Gleichgewichtsverlust – v. a. beim übermäßigen seitlichen Hinauslehnen – und damit verbundenem Abstürzen von und mit der Leiter bzw. durch Wegrutschen der Leiter verursacht. Leitern in Anlegeposition werden dabei häufig zu flach angestellt, so dass sie – besonders wenn der Benutzer auf halber Leiterhöhe steht – leicht nach hinten wegrutschen. Durch die an dieser Stelle auftretende hohe (maximale) Durchbiegung verringert sich der ohnehin schon zu geringe Anlegewinkel am Fußpunkt der Leiter noch einmal und das Wegrutschen ist vorprogrammiert.

Die allermeisten der untersuchten Unfälle ereigneten sich – entsprechend der Häufigkeit der Arbeiten in dieser Höhe- bis zu einer Absturzhöhe von 2,5 m (vgl. Abb. 3). Die Verletzungsfolgen waren z. T. gravierender als von etwas größeren Höhen, da dem Verunfallten weniger Zeit zur Reaktion auf den Sturz bleibt, z. B. durch Einnehmen einer bestimmten Körperschutzhaltung.

Abb. 3: Absturzhöhen bei Leiterunfällen

Die Verletzungsfolgen sind gleichermaßen Prellungen und Quetschungen, Gehirnerschütterungen, Brüche sowie Verstauchungen (vgl. Abb. 4).

Einen wichtigen Einfluss auf das Unfallgeschehen hat der Leiterzustand.

Das Versagen von Leiterteilen, z. B. das Brechen eines Holms oder einer Sprosse, spielt eine untergeordnete Rolle. Davon ausgenommen sind Vorschädigungen, wie sie häufig beim Transport gerader langer, schwerer Leitern immer wieder vorkommen und nicht erkannt bzw. ignoriert werden. Bei anschließender Benutzung knickt das z. B. schon nach innen verbogene und durch seitliches Hinauslehnen belastete Holmende ein und die Leiter stürzt mit der Person um.

Abb. 4: Verletzungsarten bei Leiterunfällen

 

Achtung

Prüfung vor Benutzung

Entscheidend ist also nicht nur der richtige Umgang mit der Leiter, sondern auch der "schnelle Blick" auf die Leiter, bevor diese bestiegen wird mit dem Ziel, Vorschädigungen zu erkennen und entsprechend zu reagieren.

Neue Leiterkonstruktionen, wie die Teleskopleiter, bringen jedoch oft ein erhöhtes Unfallrisiko mit sich, da bauartbedingte neue Anforderungen erst formuliert und in die Herstellung übertragen werden müssen. Sie sind seit einigen Jahren von dem eigens dafür erarbeiteten Normteil EN 131-6 erfasst. So waren auch im gewerblichen Bereich mehr und mehr Unfälle durch versagende Teleskopleitern zu verzeichnen, die z. B. in Fernost hergestellt werden.

In der Zwischenzeit ist das konstruktionsbedingte Unfallgeschehen durch Anwendung der Norm zurückgegangen.

Die folgenden Unfallbeispiele aus der Praxis veranschaulichen die Problematik:

 

Praxis-Beispiel

Malerarbeiten

Eine Stahlbauhalle im Rohbau sollte angestrichen werden. Der Anstreicher verwendete dafür eine 6 m lange Anlegeleiter. Er stellte sie auf den unbefestigten Hallenboden aus lockerem Bauschutt und Sand und lehnte sie mit dem oberen Ende an einen Stahlträger an. Beim Besteigen versank die Leiter ungleichmäßig im Untergrund, rutschte am Stahlträger ab und kippte seitlich weg. Der Anstreicher erlitt durch den Absturz erhebliche Kopfverletzungen.

Abgesehen davon, dass gemäß DGUV-V 38 "Bauarbeiten" Malerarbeiten als sog. "Bauarbeiten" in dieser Höhe für länger andauernde Arbeiten unzulässig sind, war die wesentliche Unfallursache das Aufstellen der Leiter auf einem nicht ausreichend tragfähigen Untergrund.

 

Praxis-Beispiel

Reparaturarbeiten

An einem Hallenschiebetor war eine Verblendung verbogen. Ein Monteur wollte die Verblendung richten. Er bestieg eine Stufenstehleiter mit einer Höhe von ca. 2,5 m bis fast zur obersten Stufe. Mit einer Brechstange versuchte der Monteur die Verblendung zu richten. Dabei stürzte er mit der Stehleiter um.

Die beiden wesentlichen Ursachen für den Unfall liegen darin, dass der Monteur zum einen von einem unzulässig hohen und damit unsicheren Standplatz (zu geringe Haltemöglichkeiten, da Standplatz höher als drittoberste Stufe) arbeitete und dabei zum anderen zu hohe seitliche Kräfte auf die Stehleiter übertrug, sodass deren Standsicherheit aufgehoben wurde.

In beiden Fällen führte das Verhalten des Leiterbenutzers zum Unfall.

Die in der Vergangenheit deutlich höheren Unfallzahlen und erheblichen Unfallfolgen waren seinerzeit der Grund, für dieses vermeintlich einfache Arbeitsmittel eigens die Unfallverhütungsvorschrift BGV D36 "Leitern und Tritte" zu erlassen. Diese wurde im Jahr 2002 durch Erscheinen der Betriebssicherheitsverordnung abgelöst und ist mittlerweile bei allen Unfallversicherungsträgern zurückgezogen. Bedeutung hat diese UVV nur noch bei Festlegungen, die nicht in der BetrSichV oder in Normen geregelt sind, wie z. B. zu bestimmten Bauarten, wie der Bauleiter.

1993 wurden erstmals die europäischen Normen DIN EN 131 Teil 1 "Leitern; Benennungen, Bauarten, Funktionsmaße" und Teil 2 "Leitern; Anforderungen, Prüfung, Kennzeichnung" erarbeitet. Das hatte zur Folge, dass die "Sicherheitsreserven" bei den Leitern zunahmen und seitdem die Leiterunfälle durch Bauteilversagen rückläufig sind. Leitern, die nach dieser Norm hergestellt un...

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