Flucht- und Rettungswege im... / 2 Fluchtwege aus Sicht der Arbeitsstättenverordnung

Die Arbeitsstättenverordnung und die ASR A2.3 "Fluchtwege, Notausgänge, Flucht- und Rettungsplan" verwenden im Gegensatz zum Baurecht den Begriff Fluchtweg, weil im Vordergrund das Bestreben liegt, die selbstständige Flucht von Beschäftigten aus den Arbeitsräumen möglichst sicherzustellen. Fluchtwege im Sinne der ASR A2.3 sind auch die im Bauordnungsrecht definierten Rettungswege, aber nur, wenn sie selbstständig begangen werden können.

Nach ASR A2.3 gibt es im Einzelfall weitergehende Anforderungen an Fluchtwege und Notausgänge, als sie sich aus dem Baurecht ergeben. Das bezieht sich v. a. auf die Forderung, ggf. zusätzliche, selbstständig nutzbare zweite Fluchtwege zu schaffen, wenn die Gefährdungsbeurteilung eine Notwendigkeit dazu ergibt. Hingewiesen wird in diesem Zusammenhang auf Bereiche mit erhöhter Brandgefahr, hoher Personendichte oder großer Ausdehnung (Produktions- und Lagerbereiche mit mehr als 200 m², Geschossflächen von mehr als 1.600 m² u. a.). Weil aber auch Auslegungen im Baurecht sich wandeln und zudem einem großen, regional unterschiedlichen Ermessensspielraum unterliegen, bleibt abzuwarten, inwieweit in der Praxis tatsächlich Bau- und Arbeitsschutzbestimmungen voneinander abweichen werden.

Im Übrigen weichen Maße und viele andere grundlegende Anforderungen an Fluchtwege nach ASR A2.3 nicht grundlegend von den baurechtlichen Anforderungen an Rettungswege ab. Der Einfachheit halber wird im Folgenden der Begriff Rettungsweg für Flucht- und Rettungswege verwendet und bei Bedarf spezifische Anforderungen an Fluchtwege nach ASR A2.3 ergänzt.

 

Wichtig

Was ist beim zweiten Rettungsweg zu bedenken?

  1. Ein Aufenthaltsraum kann nur eingerichtet werden, wenn die Frage des zweiten Rettungsweges hinlänglich geklärt ist. Das muss bei der Umnutzung, z. B. von Keller- oder Dachgeschossräumen, berücksichtigt werden. Durch ein vergittertes Kellerfenster oder das unerreichbare Dachflächenfenster kann ein Raum zur tödlichen Falle werden.
  2. Der zweite Rettungsweg (soweit er nicht ohnehin über eine normale Treppe führt) muss so gestaltet sein, dass er von normal körperlich konstituierten Personen genutzt werden kann. Dazu sind u. U. bestimmte Hilfsmittel wie Tritte zum Erreichen einer Fensterbrüstung oder Plattformen und Haltegriffe auf einem geneigten Dach erforderlich. Generell müssen Dachflächen, die im Notfall betreten werden sollen, mit entsprechenden Geländern gesichert sein. Notleitern gibt es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern nur in Ausnahmefällen im zweiten Rettungsweg. I. d. R. geht man davon aus, dass die Unfallgefahr auf Leitern in der Hektik des Fluchtfalles zu groß ist. Wenn Notleitern unumgänglich sind, müssen sie genauen Anforderungen entsprechen. In keinem Fall reicht es, irgendwo eine normale Haushaltsleiter bereitzuhalten.
  3. Halten sich Personen mit besonderen Einschränkungen im Gebäude auf (z. B. Gehbehinderte, Kinder usw.), muss dies beim Rettungswegekonzept berücksichtigt werden. So ist es natürlich am günstigsten, wenn für Gehbehinderte oder Rollstuhlfahrer auch der zweite Rettungsweg möglichst barrierefrei ist (z. B. im Erdgeschoss). Möglicherweise sind aber auch technische Hilfen (Rettungsgeräte zum Treppentransport) oder organisatorische Maßnahmen (im Rahmen der Brandschutzordnung) erforderlich.
  4. Rettungswegekonzepte müssen in bereits länger bestehenden Gebäuden gelegentlich überprüft werden. Auf Seiten des Betriebs sind alle Arten von Nutzungsänderungen dabei von besonderer Bedeutung:

    • Hat sich die Struktur des Gebäudes verändert (z. B. durch Umbauten oder Fremdvermietungen)?
    • Gibt es mehr oder andere Gebäudenutzer (z. B. mehr Ortsunkundige)?
    • Mit der Feuerwehr ist zu überprüfen, ob z. B. Durchfahrten und Wendekreise noch der über die Jahre sich verändernden Feuerwehrausstattung entsprechen.
  5. Abgelegene Fluchttreppenhäuser und Notausstiege im Keller geraten oft bei den Gebäudenutzern im Laufe der Jahre regelrecht in Vergessenheit. Das Wissen über den jeweils infrage kommenden zweiten Rettungsweg ist eines der ganz wichtigen Themen bei den durchzuführenden Brandschutzunterweisungen, "vorzugsweise mindestens einmal jährlich im Rahmen einer Begehung der Fluchtwege" (Abschn. 9 Abs. 6 ASR A2.3).

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