Die für quantitative Überforderung konstitutiven Faktoren Zeit- und Leistungsdruck sowie verlängerte und fragmentierte Arbeitszeiten können insbesondere durch störende Unterbrechungen bei der Arbeit sowie durch beeinträchtigende Umgebungseinflüsse teils (mit-)verursacht oder teils verstärkt werden. Gemeinsam ist diesen Belastungen, dass sie von den Beschäftigten einen Zusatzaufwand zur Bewältigung der zusätzlichen Anforderungen sowie zur Überwindung der beeinträchtigenden Erschwernisse verlangen, was sich in zusätzlicher psychischer Ermüdung und in Stressreaktionen – den beiden wichtigsten psychischen Fehlbeanspruchungen nach DIN EN ISO 10075-1:2018-01 – niederschlagen kann.[23]

Eine quantitative Überforderung kann dadurch verursacht oder verstärkt werden, dass der zu erbringende Arbeitsaufwand nicht in vollem Umfang dem verlangten Arbeitsergebnis zugute kommt, sondern z. T. absorbiert wird von unproduktiven oder sogar kontraproduktiven Behinderungen und Beeinträchtigungen. Denn alle durch Störungen und Unterbrechungen verursachten Erschwernisse und Behinderungen müssen durch eine zusätzliche psychische Anspannung kompensiert werden. Dazu gehören störende Unterbrechungen (z. B. durch IT-Störungen oder Informationsüberflutung) ebenso wie von ihrer Häufigkeit, Dauer und zeitlichen Lage her als überflüssig und störend wahrgenommene Kommunikationserfordernisse (z. B. Meetings oder Calls) oder Beeinträchtigungen durch negative Umgebungseinflüsse (z. B. akustische Störungen oder Ablenkungen von der Konzentration). Gemeinsam ist diesen kritischen psychischen Belastungen, dass sie die für die Erledigung der eigentlichen Arbeitsaufgabe erforderliche Zeit schmälern und damit den Zeit- und Leistungsdruck steigern sowie die Leistungsfähigkeit der Beschäftigten mindern können.

[23] Vgl. im Überblick: BIBB/BAuA-2012, Factsheet 01, "Zeitdruck & Co – Arbeitsbedingungen mit hohem Stresspotential", hrsg. v. BAuA, August 2013.

1. Unterbrechungen und Multitasking

Bei störenden Unterbrechungen der Arbeit durch meist kurzfristig ("nebenbei" bzw. parallel) zu erledigende Aufgaben oder durch Kommunikationsanforderungen seitens der Kolleginnen bzw. Kollegen oder der Führungskräfte kann es sowohl zu einer Verdichtung (Intensivierung) der Anforderungen als auch zu einer zeitlichen Verlängerung (Extensivierung) der Leistungsverausgabung kommen. Solche "Störungen stellen eine Sekundäraufgabe dar, deren Bearbeitung einen Zusatzaufwand für den Beschäftigten bedeutet, und gehen in der Regel mit Zeitverlusten einher".[24] Weil dabei zusätzlich zur eigentlichen "Primärtätigkeit" zeitweilig eine zusätzliche "Sekundäraufgabe" ("Unterbrechungsaufgabe" bzw. "Unterbrechungstätigkeit") zu erledigen ist, bleibt vielfach die ursprüngliche Arbeit zunächst liegen, und die Zeitverluste müssen anschließend nachgeholt werden.[25] Wenn die zusätzlichen Aufgaben kurzfristig oder gleichzeitig zu erledigen sind, stellt dieses "Multitasking" eine potentielle Quelle quantitativer Überforderung dar, weil eine größere Menge an Arbeit in der zur Verfügung stehenden oder in verlängerter Arbeitszeit zu erledigen ist.[26]

Davon geht ein erhöhtes Stresspotential aus, das sich in gesundheitlichen Gefährdungen in Form von Nervosität, Schlafstörungen, Magen-Darmproblemen, Bluthochdruck, Schwächung des Immunsystems, Herz-Kreislauferkrankungen, Rückenschmerzen oder Erschöpfungszuständen manifestieren kann.[27] Denn "Arbeitstätigkeiten mit Multitasking-Bestandteilen sowie häufigen Arbeitsunterbrechungen" rufen vielfach chronische Stressreaktionen hervor, "die ohne korrektive Maßnahmen im weiteren Verlauf zu psychovegetativen Reaktionsbildungen mit Krankheitswert führen können".[28]

[24] Vgl. Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt, hrsg. v. BAuA, 2017, S. 26.
[25] Vgl. BAuA (Hrsg.), Arbeitsunterbrechungen und Multitasking täglich meistern, 2019, S. 11.
[26] Vgl. hierzu ausführlich Baethge/Rigotti, Arbeitsunterbrechungen und Multitasking, hrsg. v. BAuA, 2010; sowie Freude/Ullsperger, in: Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie (Zbl Arbeitsmed) (2010), 60 (4), 120–128 und BAuA (Hrsg.), "Bitte nicht stören!" Tipps zum Umgang mit Arbeitsunterbrechungen und Multitasking, 2. Aufl. 2012.
[27] Vgl. BAuA (Hrsg.), Arbeitsunterbrechungen und Multitasking täglich meistern, 2019, S. 7.
[28] Vgl. Baethge/Rigotti, Auswirkung von Arbeitsunterbrechung und Multitasking auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit. (Forschungsbericht), hrsg. v. BAuA, 2013, S. 61.

2. Akustische Störungen

Aus akustischen Störungen z. B. durch Gespräche oder Telefongespräche anderer sowie durch Lärm oder störende Geräusche können kritische Belastungen resultieren, weil die Betroffenen durch einen Zusatzaufwand psychischer Anspannung die dadurch verursachten Ablenkungen und Störungen von Konzentration und Aufmerksamkeit überwinden bzw. neutralisieren müssen, damit sie ihre "eigentliche" Aufgabe anforderungsgemäß erledigen können. Da Lärm ab 80 dB(A) nicht nur das Gehör schädigen kann, sondern bereits bei niedrigeren Schallpegeln – je nach Komplexität der Anforderung...

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