Wohlbefinden ist der eine Endpunkt eines Kontinuums, an dessen anderem Ende sich eine psychische oder physische Erkrankung befindet. Diese Betrachtungsweise geht auf den Begründer der Salutogenese Aaron Antonovsky zurück. Die salutogenetische Sichtweise fragt nach den Ursachen von Gesundheit und den Möglichkeiten ihrer Förderung als Ergänzung zur medizinischen Konzentration auf die Versorgung bereits Erkrankter. Förderung von Gesundheit wird aus salutogenetischer Perspektive als der wirksamste Ansatz begriffen zur Stressvermeidung wie Verhütung physischer oder psychischer Krankheiten.

Mittlerweile befassen sich Ökonomen, Psychologen, Soziologen, Gesundheitswissenschaftler und Neuroforscher mit der Beobachtung, Messung sowie mit den Bedingungen und Folgen guter Gesundheit.[1] Sicherlich kann mit guten Gründen bezweifelt werden, dass das Glück einer Gesellschaft mit ihrer Kaufkraft gleichzusetzen ist. Zudem bilden weder Glück noch Wohlbefinden einen Endzweck, sondern immer nur ein Mittel zur Bewältigung von "Aufgaben draußen in der Welt", wie Victor Frankl es ausdrückt.[2] Nach seiner Auffassung ist psychisches Wohlbefinden die Folge einer Tätigkeit, die "das Gefühl erweckt, für etwas da zu sein – für etwas oder für jemand".[3]

Dem "Wir" statt dem "Ich" Raum geben – der Mensch ist ein Sozialwesen "Miteinander – füreinander"

Nicht auf die Selbstverwirklichung kommt es an. Vielmehr sind es die Verfolgung gemeinsamer Ziele, die Verpflichtung gegenüber Mitmenschen und ein Handeln aus moralischem Bewusstsein, was der Tätigkeit des Menschen Sinn und Zweck verleiht. Psychisches Wohlbefinden ist eine auch biochemisch bestimmbare Größe, die allerdings beim Menschen als sozialem Wesen Orientierung an gemeinsamen Überzeugungen, Werten und Regeln voraussetzt sowie die Verwurzelung in einem Geflecht sozialer Beziehungen. Das von den Neuroforschern entschlüsselte biologische Belohnungs- bzw. Motivationssystem lässt sich zwar durch bloße Einnahme von Genussmitteln stimulieren, vermittelt jedoch weder Sinn, noch vermag es auf Dauer die Zuwendung und Anerkennung durch Mitglieder unserer Spezies zu substituieren. Diese und weitere evolutions- und neurobiologische Befunde stützen die von der Sozialkapitalforschung vorgelegten Erkenntnisse über den Menschen als einem kooperativen Wesen.[4] Menschen sind, wie es der Primatologe de Waal treffend ausdrückt, "bis ins Mark sozial".[5]

 
Wichtig

Emotionen – eine zentrale Nahtstelle

Nicht nur Kognition und Motivation spielen dabei eine Rolle, sondern insbesondere Emotionen. Sie bilden eine wichtige Nahtstelle zwischen den sozialen und biologischen Prozessen und sie beeinflussen maßgeblich Arbeitsverhalten, Gesundheitsverhalten und physische Gesundheit.

Was Menschen tun und wie sie es tun, wird wesentlich durch ihre Emotionen und unbewussten Hirnleistungen beeinflusst. "Wir können Menschen nicht verstehen, wenn wir nicht auch ihre Emotionen verstehen"[6] (s. dazu Abb. 2). In einer Arbeitswelt, in der der Kopf zum wichtigsten Organ für Arbeit und Gesundheit geworden ist, darf dies nicht unberücksichtigt bleiben.

Abb. 2: Die zentrale Bedeutung der psychischen Gesundheit[7]

[1] Badura/Walter/Hehlmann (Hrsg.), Betriebliche Gesundheitspolitik. Der Weg zur gesunden Organisation, 2. Aufl. 2010; Layard, Happiness: Lessons From a New Science, 2005; Steinke/Badura, Präsentismus: Ein Review zum Stand der Forschung, 2011 (www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeiträge/Gd60.html).
[2] Frankl, Psychotherapie für den Alltag, 1992.
[3] Frankl, Psychotherapie für den Alltag, 1992, S. 57.
[4] Zusammenfassend: Walter, Neurobiologische Grundlagen, in: Badura/Walter/Hehlmann (Hrsg.), Betriebliche Gesundheitspolitik. Der Weg zur gesunden Organisation. 2. Aufl. 2010, S. 77-90.
[5] de Waal, Der Affe in uns. Warum wir sind, wie wir sind?, 2005, S. 301.
[6] Lazarus, Emotion and Adaption, 1991; Kandel, The Age of Insight. The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the Present, 2012.
[7] Steinke/Badura, Präsentismus: Ein Review zum Stand der Forschung, 2011.

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